«Wir füttern unsere Böden wie eine Kuh – damit sie vital und ertragreich bleiben», sagt der Gastgeber der Bioackerbautage

An den Bioackerbautagen in St. Katharinental TG zeigte sich, wie eng Bodenfruchtbarkeit, neue Technik und Marktfragen zusammenhängen. Gastgeber Urban Dörig setzt auf lebendige Böden statt auf Symptombekämpfung. Gleichzeitig kündigte Coop neue Absatzperspektiven für Fruchtfolgekulturen an.

Schon früh am Morgen herrschte auf der Domäne St. Katharinental geschäftiges Treiben. Zwischen Versuchsfeldern, Maschinenvorführungen und Informationsposten diskutierten Landwirte, Berater, Forscher und Techniker über Zuckerrüben, Bodenbearbeitung, Drahtwürmer oder Lasertechnik.

Gastgeber der zehnten Schweizer Bioackerbautage waren Urban und Nadine Dörig. Auf ihrem seit 2024 Knospe-zertifizierten Betrieb bewirtschaften sie 104 Hektaren, davon rund 75 Hektaren Ackerland. Angus-Rinder ergänzen den Betrieb.

Unter dem Motto «ERDEnklich fruchtbar – TERRiblement fertile» wurden, auf der weiten Ebene der Domäne, an 16 Feldposten Versuche und neue Verfahren gezeigt.

Auf vielen Getreide-Versuchsparzellen wurden verschiedene Düngungsmassnahmen und Untersaaten mit verschiedenen Mischungen gezeigt.(Bild: Samuel Otti)

Informiert wurde über die verschiedenen Sorten sowie über unterschiedliche Untersaat- und Düngungsverfahren im Getreidebau. Auch bei den Kartoffeln standen Sortenwahl und unterschiedliche Vorkeim- und Pflanzversuche im Zentrum.

Die Kartoffel-Versuche mit verschiedenen Vorkeim-Methoden und verschiedenen Sorten.(Bild: Samuel Otti)

Der Boden steht im Mittelpunkt

Wer Urban Dörig zuhörte, merkte rasch, dass für ihn nicht Maschinen oder Erträge im Zentrum stehen, sondern der Boden. «Wir füttern unseren Boden wie eine Kuh», sagte er lachend. «Unsere wichtigsten Kühe sind die Bodenorganismen.»

Am Bodenprofil erkennt man das geringe Wasserrückhaltevermögen der Böden. Einige Besucher sprachen dabei von einer Kiesgrube.(Bild: Samuel Otti)

Der Betriebsleiter erklärte, dass sich seine Sichtweise mit der Umstellung auf Bio grundlegend verändert habe. «Früher waren wir stärker inputorientiert. Heute vertraue ich viel mehr auf natürliche Prozesse.»

Leguminosen liefern Stickstoff, Gräser versorgen die Mikroorganismen mit Zucker und Kräuter ergänzen das System. Dauernde Begrünungen sorgen dafür, dass laufend Kohlenstoff in den Boden gelangt. «Unsere Böden sind immer hungrig», erklärte Dörig. Darum wird ständig organische Substanz nachgeliefert. Kniehohe Gründüngungen arbeite man mit der Schälfräse flach ein. Mais, Soja oder Sonnenblumen würden bewusst erst bei genügend warmen Böden gesät.

Auch die Biodiversität gehört zum Konzept. In regelmässigen Abständen durchziehen breite Biodiversitätsstreifen die Schläge. Brachen, Krautsäume, Hecken sowie Stein- und Asthaufen schaffen Rückzugsräume für Tiere. Gemeinsam mit der Vogelwarte arbeite man an einem Gesamtkonzept.

Wasser und Boden im Fokus

Fast jedes Gespräch drehte sich um die Trockenheit. Der Frühling war ausgesprochen niederschlagsarm gewesen. Ein Besucher fasste die Situation zusammen: «Im März, April und Mai hatten wir zusammen nur etwa fünfzig Millimeter Niederschlag. Und im Juni nochmals fünfzig.» Bewässerung war deshalb auf vielen Betrieben nötig geworden.

Die Domäne St Katharinental ist der ehemalige Klosterbauernhof. Heute ein Pachtbetrieb des Kantons Thurgau. Mit Bodenleitungen ist ein grosser Teil der Flächen bewässerbar.(Bild: Samuel Otti)

Auch bei den Zuckerrübenversuchen spielte Wasser eine wichtige Rolle. Urban Dörig verglich gesetzte mit gesäten Rüben. «Alle Rüben wurden schon einmal bewässert», sagte er. Optisch liegen die gesetzten Rüben vorn. Doch Dörig relativiert. «Im Moment sind die gesetzten Rüben noch schöner. Aber wenn die Trockenheit anhält, wird sich das ändern. Die Gesäten machen eine ganz andere Wurzel. Ich würde sagen, die holen auf und überholen dann.»

Damit sprach er eine Frage an, die viele Produzenten beschäftigte. Gepflanzte Kulturen verschaffen sich einen Entwicklungsvorsprung und unterdrücken Unkräuter früher. Gesäte Rüben versprechen dagegen tiefere Wurzeln und somit Vorteile in trockenen Jahren.

Untersaat mit Wintergerste in den Kartoffeln. Die Gerstenwurzeln sollen die Drahtwürmer von den Kartoffelknollen ablenken.(Bild: Samuel Otti)

Tobias Gelencsér vom FiBL widmet sich einem der grössten Probleme im Biokartoffelanbau, den Drahtwürmern. «Hundert Prozent Wirkung gibt es nicht», stellte der Ackerbauspezialist gleich zu Beginn klar. Im Zentrum der Versuche stehen Untersaaten in den Furchen. Die Wurzeln sollen die Drahtwürmer von den Kartoffelknollen ablenken. «Mit Wintergerste haben wir bisher die interessantesten Resultate erzielt», sagte Gelencsér.

Dammkulturen sind eine mögliche Antwort auf Wetterextreme. Körnerleguminosen, wie Soja, reagieren positiv auf den Dammanbau.(Bild: Samuel Otti)

Auch beim Dammpflug nach der Turiel-Methode blieben viele Besucher stehen. Ein Mitarbeiter von Turiel erklärte die Besonderheiten. Die auffallend runde Pflugschar ziehe sehr schnell in den Boden ein. «Wir wollen den Boden dort aufbrechen, wo er aufbrechen will», sagte er. Die Form nutze natürliche Sollbruchstellen aus. Dadurch entstünden weniger kantige Schollen und mehr stabile Bodenaggregate.

Sorghum als Kultur für trockene Jahre

Ein weiterer Posten befasste sich mit Sorghum. Die Kultur gilt als hitze- und trockenheitsverträglicher als Mais. Auch Maiswurzelbohrer und Maiszünsler spielen kaum eine Rolle.

Sorghum braucht viel Wärme. Aber diese Getreidepflanze hat weniger hohe Ansprüche an Nährstoffe und an den Wasserbedarf als Mais.(Bild: Samuel Otti)

Allerdings verläuft die Jugendentwicklung langsam. Die Pflanzen sind in dieser Phase wenig konkurrenzfähig gegenüber Unkräutern. Striegeln und Hacken bleiben deshalb unverzichtbar. Noch ist Sorghum eine Nischenkultur. Mit zunehmenden Wetterextremen könnte sie jedoch an Bedeutung gewinnen.

Hightech gegen Unkraut und im Weidemanagement

Zu den Publikumsmagneten gehörten die verschiedenen Methoden zur Unkrautbekämpfung. Neben Hackgeräten und Striegeln standen auch High-Tech-Geräte im Einsatz. Toni Pick, Gebietsverkaufsleiter der deutschen Vertriebsfirma Carbon Robotics, beantwortete unzählige Fragen zum Laserweeder.

Die Unkrautbekämpfung mit Lasertechnik kann den herbizidfreien Anbau von Rüebli erleichtern. Die teure Technik ist geeignet für Lohnunternehmen und Grossbetriebe.(Bild: Samuel Otti)

Kameras und künstliche Intelligenz identifizieren einzelne Unkräuter und verbrennen sie punktgenau mit einem Laserstrahl. Rund 530 000 Franken kostet diese Maschine. Pick verschwieg auch die Grenzen nicht. Vor allem Problemgräser wie Hirse stellen die Technik noch vor Herausforderungen.

Mit dem Laserstrahl werden die Unkräuter verbrannt. Die Intensität des Strahls kann variiert werden, damit auch Gräser, wie Hirse, erfolgreich bekämpft werden.(Bild: Samuel Otti)

Daneben zeigten zahlreiche Hersteller kamerageführte Hacksysteme. Die Kulturpflanze wird erkannt und das Hackmesser schwingt vor der Pflanze aus der Reihe weg, um dahinter wieder in die Reihe einzuschwenken. Solche Maschinen sind vor allem in Kulturen mit langen Standzeiten eine grosse Hilfe.

Mechanische, kamera- und computergeführte Hackgeräte sind in verschiedenen Ausführungen zu sehen. Mit KI werden die Möglichkeiten immer noch grösser.(Bild: Samuel Otti)

Manuel Schneider von Agroscope stellte ein GPS-gestütztes Weidezaunsystem ohne sichtbare Zäune vor. Die Tiere tragen Halsbänder, die bei Annäherung an die virtuelle Grenze zuerst ein akustisches Signal und erst danach einen Stromimpuls auslösen. Nach seinen Angaben lernten die Kühe bei den Versuchen sehr schnell. Am jeweils zweiten Tag wurden zwar viele akustische Signale, aber nur noch ganz wenige Stromimpulse ausgelöst. Weil das Schweizer Tierschutzgesetz solche Systeme derzeit nicht zulässt, blieb der Einsatz hierzulande blockiert.

Coop verspricht neue Absatzwege

Den Schlusspunkt bildete die Medienkonferenz. Philip Wyss, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Coop, bekräftigte das Engagement des Detailhändlers für den Schweizer Biolandbau. Wyss sagte: «Vor dreissig Jahren wurden wir ausgelacht, als wir Knospe-Produkte in unser Verkaufssortiment aufnahmen. Das Engagement für den Biolandbau war und ist ein Erfolg; und heute sind wir stolz darauf, Partnerin des besten Biolabels der Schweiz zu sein.»

Philip Wyss, der CEO von Coop, erläutert an der Medienkonferenz die neuen Strategien für den Absatz von mehr Bioprodukten unter dem Namen «Fruchtfolge».(Bild: Samuel Otti)

Künftig sollen nicht nur Brotgetreide, sondern auch die anderen Produkte in der Fruchtfolge zusätzliche Absatzmöglichkeiten erhalten. Der gesamte Bedarf an Hirse soll künftig mit Inland-Knospe-Produkten gedeckt werden. Die Coop-Bäckerei Schafisheim wird die ganze Produktion auf Schweizer Sonnenblumenöl umstellen. Und die Coop-Restaurants werden 100 Prozent der Pommes frites aus Schweizer Biokartoffeln herstellen. Ein Teilziel ist die Verwendung von 30 Prozent Bioprodukten in den Restaurants. Zudem sucht Coop in den nächsten Jahren rund 60 Betriebe für die Bio-Poulet-Produktion.

Brändli warnte vor Marktschwankungen

Urs Brändli erinnerte daran, dass sich die Rahmenbedingungen stark verändert hätten. Auf ein schwieriges Erntejahr 2024 sei 2025 ein Rekordjahr gefolgt. «Während 2024 teilweise zu wenig Schweizer Ware verfügbar war, waren die Lager 2025 sehr gut gefüllt», sagte der Bio-Suisse-Präsident.

Solche Schwankungen träfen die gesamte Wertschöpfungskette. Brändli begrüsste deshalb das neue Engagement von Coop. «Hier hat Coop eine wichtige Rolle übernommen.» Er verwies darauf, dass eine ausgewogene Fruchtfolge Pflicht im Biolandbau sei und wesentlich zur Bodenfruchtbarkeit beitrage. «Wer auf Bio umstellt, will sicher sein, dass alle Kulturen seiner Fruchtfolge Absatz finden und ein angemessener Preis erzielt werden kann.»

Körnerleguminosen, Brotgetreide und Speisehafer werden von Coop in Zukunft noch vermehrt nachgefragt.(Bild: Samuel Otti)

Je grösser die Nachfrage nach Schweizer Bioprodukten werde, desto klarer werde das Signal für Umstellungswillige. «Jede zusätzliche Hektare Bio trägt zum Absinken der Pestizide und zur Reduktion von Nährstoffüberschüssen bei», sagte Brändli. Gleichzeitig zeigten die Felder von St. Katharinental, dass verantwortungsvolle Produktion und gute Erträge kein Widerspruch sein müssen.