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Die Nachbarn düngen anders

Wie unterscheiden sich die nationalen Düngungsnormen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz – und welche Folgen hat das für die landwirtschaftliche Praxis hierzulande? Eine Studie der HAFL im Auftrag des Schweizer Bauernverbands liefert spannende Einblicke.

Kurz & bündig

- Unterschiedliche Systeme, Berechnungsmethoden und Normen machen direkte Vergleiche schwierig. - Ertragsziele und Standortbedingungen bestimmen die Düngermenge; Standardempfehlungen müssen angepasst werden. - Ausländische Modelle liefern Impulse, funktionieren aber nur mit Anpassung an Schweizer Rahmenbedingungen.

Im Rahmen der Revision der Grundlagen der Düngung (Grud) wollte der Schweizer Bauernverband (SBV) wissen, wie sich die Schweizer Düngungsnormen im Vergleich zu jenen in Deutschland und Frankreich einordnen lassen. In der Praxis taucht diese Frage immer wieder auf: Düngen unsere Nachbarn tatsächlich mehr – und falls ja, warum?

Unterschiedliche Systeme – kein direkter Vergleich möglich

Ein direkter Vergleich der Düngungsempfehlungen ist komplex. Die drei Länder arbeiten mit unterschiedlichen Berechnungsmethoden, Referenzerträgen und Vollzugsmechanismen. Zudem unterscheiden sich die Annahmen zu Hofdüngergehalten, Nährstoffverlusten und Standort-faktoren.

Während in der EU eine Obergrenze von 170 kg organischem Stickstoff pro Hektare gilt, regelt in der Schweiz die Suisse-Bilanz die maximal zulässige Nährstoffausbringung aus Hofdüngern. Auch wirtschaftliche Faktoren wie Düngerpreise beeinflussen die tatsächliche Umsetzung in der Praxis.

Hinzu kommt: Es gibt keine einheitliche Vorgehensweise zur Berechnung des Düngebedarfs. Die Systeme sind historisch gewachsen und stark auf den jeweiligen Vollzug ausgerichtet.

Genau deshalb haben Simon Winzenried und Michael Feller von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) ein gemeinsames Referenzszenario für den Vergleich definiert.

Wer den Weizen nicht überdüngt, schont Umwelt und Geldbeutel.
Wer den Weizen nicht überdüngt, schont Umwelt und Geldbeutel.

So wurde verglichen: ein gemeinsames Szenario

Um die Systeme vergleichbar zu machen, legten die beiden HAFL-Forschenden ein einheitliches Standardszenario fest. Dieses orientierte sich an durchschnittlichen Standortbedingungen:

  • Lehmboden mit 20 bis 30 % Ton und 3 % Humus
  • Vorfrucht Getreide (Stroh abgeführt)
  • Keine Zwischenfrucht
  • Kein Einsatz von Hofdünger
  • Winterniederschläge zwischen 60 und 90 mm pro Monat
  • Ausreichende Versorgung mit P, K und Mg (Versorgungsstufe C)

Verglichen wurden die drei Kulturen Winterweizen, Raps und Silomais sowie Kunstwiesen mit 20 % Leguminosenanteil. Für jede Kultur wurden zwei Ertragsniveaus berechnet.

Das Szenario entsprach im Schweizer System genau der Normdüngung. So konnten die Länder auf derselben Ausgangsbasis miteinander verglichen werden, ohne dass zusätzliche Korrekturen vorgenommen werden mussten.

Praxisvergleich: Was zeigen die Resultate im Ackerbau?

Die Nachbarn düngen anders
Um die Unterschiede der N-Düngung im Ackerbau in Abhängigkeit vom Ertragsniveau sichtbar zu machen, wurden für jede Kultur zwei unterschiedliche Ertragsniveaus verwendet: Winterweizen 80 und 60 dt/ha (WW 80, WW 60), Raps 40 und 35 dt/ha (Raps 40, Raps 35) sowie Silomais 185 und 160 dt TS/ha (SM 185, SM 160). Für Silomais ist in der Grud keine Ertragskorrektur vorgesehen.

Am Beispiel Winterweizen mit einem Ertragsziel von 80 dt/ha zeigen sich deutliche Unterschiede:

Schweiz: 160 kg N/ha

Deutschland: 189 kg N/ha

Frankreich: 153 kg N/ha

Die Nachbarn düngen anders
Für dieses Beispiel wurde in der HAFL-Studie jeweils ein Ertragsniveau von 80 dt/ha angenommen (WW 80). Das Szenario hat zur Folge, dass die nach Grud empfohlenen Korrekturen zu Boden, Klima und Anbaubedingungen keinen Einfluss haben.

Deutschland empfiehlt in allen untersuchten Kulturen höhere Stickstoffmengen als die Schweiz. Frankreich reagiert deutlich stärker auf Ertragsanpassungen und liegt häufig nahe bei den Schweizer Empfehlungen. Besonders auffällig ist Silomais: Hier liegt die deutsche Empfehlung deutlich über jener der Schweiz und Frankreichs.

Bei Raps hingegen sind die Empfehlungen in allen drei Ländern erstaunlich ähnlich. Dies zeigt, dass nicht alle Kulturen gleich stark von den Systemunterschieden betroffen sind.

Grasland, Phosphor und Kali: nationale Unterschiede

Beim Grasland zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Die Schweiz gibt die niedrigsten Stickstoffempfehlungen, Deutschland teils doppelt so hohe. Insbesondere ist beim Grasland das Szenario ohne Hofdünger wenig praxisnah, weshalb die Ergebnisse nur eingeschränkt übertragbar sind. Hier zeigt sich der Vorteil der Klee-Gras-Mischungen der Schweiz, die einen deutlich geringeren N-Bedarf aufweisen als Grasreinkulturen in Deutschland.

Auch bei Phosphor und Kali im Ackerbau gibt es nationale Unterschiede: In der Grud wird das unterschiedliche Aneignungsvermögen für P und K der Kulturen berücksichtigt. Berechnungen für Raps und Silomais zeigen jedoch teilweise höhere Empfehlungen als erwartet, was verdeutlicht, dass auch andere Nährstoffe länderspezifischen Logiken folgen.

Standortgerecht düngen: lernen von der Realität

Das Ertragsziel beeinflusst die Düngungsmenge stärker als fast jeder andere Parameter. «Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die angesetzten Zielerträge unter heutigen klimatischen Bedingungen immer realistisch sind», gibt Simon Winzenried zu bedenken.

Standardempfehlungen passen nicht immer zur Feldrealität, beispielsweise wird der N-Nachlieferungseffekt von Gründüngungen oft unterschätzt. Die Düngungsstrategie muss daher unbedingt standort- und jahresabhängig angepasst werden.

Das Schweizer System mit Grud und Suisse-Bilanz funktioniert, wenn die vorgesehenen Mechanismen konsequent angewendet werden. «Ein einfaches Übernehmen ausländischer Modelle verbessert die Praxis nicht automatisch», so Michael Feller. Der grösste Nutzen liegt im Lernen voneinander: Ansätze können Impulse liefern, müssen aber an die Schweizer Rahmenbedingungen angepasst werden. Letztlich geht es darum, dass sich die Ansätze in der Praxis auch bewähren.

So funktionieren die Systeme in den drei Ländern

In der Schweiz basiert die Düngung auf der Grud. Ausgangspunkt ist die Normdüngung, die je nach Boden, Klima und Anbaubedingungen mit Korrekturfaktoren angepasst wird. Die Suisse-Bilanz limitiert den gesamtbetrieblichen Nährstoffeinsatz. Das System ist relativ übersichtlich aufgebaut und stark auf die Flächenbilanz ausgerichtet. Deutschland: Düngeverordnung und Nmin-Methode In Deutschland regelt die Düngeverordnung den Nährstoffeinsatz. Für jede Kultur sind N-Bedarfswerte definiert, die mit standort- und ertragsabhängigen Faktoren angepasst werden können. Zentrale Rolle spielt der Nmin-Wert des Bodens. Vor der Düngesaison werden Bodenproben genommen und der gemessene mineralische Stickstoff von der geplanten Düngermenge abgezogen. Eine aktuelle Neuerung im System erlaubt es den deutschen LandwirtInnen nun auch, regionale Nmin-Werte für die Berechnung zu benutzen, da die Probennahme sehr aufwendig ist. Zusätzlich gilt die Obergrenze von 170 kg organischem Stickstoff aus Hofdüngern pro Hektare. Frankreich: Bilanzsystem mit regionaler Umsetzung Frankreich arbeitet mit einem nationalen Aktionsprogramm (PAN), das durch regionale Fachgruppen umgesetzt wird. Die Berechnung erfolgt über eine voraussichtliche Stickstoffbilanz. Dabei werden Bodenreserven, Winter-Nmin-Werte, Leguminosenfixierung, Bestockung, Erntereste und weitere Faktoren berücksichtigt. Das System ist sehr detailliert und komplex. Besonders die Erhebung der Nmin-Werte ist aufwendig, da die Regionalgruppe aus mehreren Hundert Proben für jede Kultur und jeden Bodentyp einen Nmin-Wert errechnet. In der Praxis übernehmen häufig Berater die Berechnungen für die Betriebe. Quelle: Vergleich der Düngungsgrundlagen CH/FR/DE. Simon Winzenried, Michael Feller, Beat Reidy, HAFL 2025

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