Es ist Erntezeit in der Ostschweiz: In den Kantonen Thurgau und St. Gallen wird in diesen Wochen tonnenweise Mostobst von den Bäumen geholt. Der Schweizer Obstverband (SOV) geht von 39 000 t im Thurgau und 29 000 t in St. Gallen aus, den mengenmässig bedeutendsten Anbaugebieten für Mostobst in der Schweiz.
Sechs Prozent mehr Ware kommt heuer auf den Markt, schätzt der SOV. Entsprechend wurde nach Jahren ohne wieder ein Ernteausgleichsbeitrag festgelegt, und zwar in der Höhe von 7.50 Fr./dt Mostäpfel.
Denn die Konkurrenz auf dem Getränkemarkt ist gross: Apfelsaft muss etwa neben Mate, Energydrinks und Vitaminwasser bestehen. Ausserdem passt Fruchtsaft wegen seines natürlichen Zuckergehalts nicht zum neuesten Trend: «Double Zero» – kein Zucker, keine Süssstoffe. Tatsächlich ist der Absatz von purem Apfelsaft seit Jahren rückläufig.
Von der hohen Ernteschätzung überrascht
Als Produzent und Lieferant an die Mosterei Möhl spürt Philippe Züllig aus Neukirch (Egnach) TG die sinkende Nachfrage in erster Linie durch den Ernteausgleich, der auf Überschüsse hinweist. «Für manche war es angesichts der Trockenheit im Sommer überraschend, dass die Ernteschätzung so stattlich ausfiel und es 2026 wieder diesen Abzug gibt», erklärt er.
Zumal die Situation relativ gesund und die Nachfrage gegeben schienen, da zum Teil die Ausdehnung von Mostobstflächen mit finanziellen Anreizen gefördert wurde. Die Ernte in seiner 2 ha grossen Niederstamm-Anlage ist sortenbedingt Ende September bereits abgeschlossen. Sie fiel etwa 15 Prozent tiefer aus als im Vorjahr, zurückzuführen auf die kleineren Kaliber der Früchte.
Menge trotz frühem Fruchtfall und Hagel über Bedarf
Der Ressortleiter Mostobst des Thurgauer Obstverbands Philippe Züllig erzählt, dass regional stark ausgeprägte Trockenheit in einzelnen Gebieten des Thurgaus zu einem frühen Fruchtfall bei Hochstammbäumen führte. Zudem mussten einige Betriebe durch heftige Hagelschläge sogar Totalausfälle hinnehmen.
Trotzdem dürfte die angelieferte Mostobstmenge insgesamt über dem Bedarf der Mostereien liegen. Weiter fällt ins Gewicht, dass der hohe Zuckergehalt der Früchte die Konzentratausbeute in den Mostereien positiv beeinflusst.
Es sei sicherlich nicht schön, den Ernteausgleich berappen zu müssen. «Aber es gibt nunmal ein Ungleichgewicht im Markt und so können die Mostereien die Produzentenpreise hochhalten», ergänzt Züllig. Schmerzhaft sei es für jeden Produzenten, durch den Abzug am Ende pro Tonne Mostobst 75 Franken weniger zu verdienen – bei gleichem Aufwand für die Pflege der Bäume und die Erntearbeiten.
Folgen der Hitze waren schwer abschätzbar
Im Gegensatz zu seinem Thurgauer Berufskollegen ist der St. Galler Philipp Hafner noch mit der Ernte beschäftigt. Er produziert in Lömmenschwil sein Mostobst zu 80 Prozent auf Hochstammbäumen. «Die Schätzung der Erntemengen für dieses Jahr war enorm schwierig», meint Hafner.
So sei die extreme Hitzeperiode eine Situation, die es so noch nie gegeben habe. Dadurch sei schwer vorhersehbar gewesen, welche Folgen sie haben würde.
«Jetzt zeigt sich, dass die frühen Mostobstsorten teilweise kleinere Früchte hervorbrachten», beobachtet der Landwirt. Die späteren Sorten hingegen konnten noch von kleinen Regenmengen profitieren. Was in diesem Jahr auffalle, sei bei einigen Sorten die grössere Menge an faulen Früchten. Dank der vielen Sonnenstunden sei der Zuckergehalt heuer überdurchschnittlich.

Alternanz tritt vor allem bei Hochstämmern auf
«Der Ernteausgleich wurde geschaffen, um mit alternanzbedingten Übermengen umzugehen und den Markt zu stabilisieren», stellt Chantale Meyer, Abteilungsleiterin Marketing/Kommunikation beim SOV, klar.
Die naturbedingten Schwankungen in den Erntemengen sind eine Herausforderung. «Insbesondere Hochstammbäume neigen zur Alternanz: Auf ertragsschwächere Jahre folgen häufig solche mit sehr hohen Ernten», fährt Meyer fort.
Längerfristig sei anzustreben, dass auch der Hochstammanbau weniger von Alternanz betroffen ist, findet Philipp Hafner. Eine Möglichkeit dafür sieht er in neuen Mostapfelsorten, die weniger alternanzanfällig sind und somit gleichmässigere Erträge generieren. «Nicht zu vergessen ist bei den neuen Sorten auch die Hitzetoleranz», ergänzt er.
Zusammenarbeit, um die Produktion zu sichern
Philipp Hafner erwartet eine Professionalisierung der Mostobstproduktion in den nächsten Jahren. Mit Niederstamm-Anlagen, gut gepflegten Hochstämmern und vermehrt im Vertragsanbau. «Die Wirtschaftlichkeit ist und bleibt ein wichtiger Anker», bekräftigt der St. Galler.
Oberstes Ziel sei darum, dass das produzierte Mostobst zu einem gefragten Produkt verarbeitet werden kann. Das erfordere eine enge Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Mostereien. «Nur so können wir längerfristig das Mostobst in der Schweiz produzieren und die Bäume pflegen», schliesst Hafner.
Sowohl mit Hoch- als auch Niederstamm
«Die Zukunft des Schweizer Mostobsts liegt nicht in einem Entweder-oder zwischen Hoch- und Niederstammanbau, sondern in der Weiterentwicklung beider Produktionsformen», stimmt Chantale Meyer vom SOV zu. Auch sie hält fest, dass die Wirtschaftlichkeit von Hochstammbäumen von verschiedenen Faktoren abhänge, insbesondere von Ertrag, Betriebsstruktur und Sortenwahl. «Die Praxis zeigt, dass viele Produzent(innen) den Hochstamm-Mostobstanbau gezielt weiterentwickeln und professionalisieren.» Meyer ist daher überzeugt, dass beide Anbauformen auch künftig einen wichtigen Beitrag zur Versorgung mit Schweizer Mostobst leisten können.

Agroscope hilft mit neuen Sortenblättern für Mostäpfel
Beim Punkt der Sortenwahl gibt es Unterstützung von Agroscope: Das Forschungsinstitut hat aktualisierte Sortenblätter für Schweizer Mostapfelsorten publiziert, die als Entscheidungsgrundlage für die Sortenwahl dienen sollen. Eine wichtige Grundlage für die zukunftsfähige Ausrichtung der Produktion, findet Chantale Meyer. Agroscope hat jeweils Robustheit, agronomische und verarbeitungstechnische Eigenschaften sowie die Saftqualität der Sorten bewertet.
Schorle, teilentzuckerter Saft und sortenreine Produkte im schwierigen Markt
Die optimale Mostobstsorte ist ein gewichtiger Vorteil. Doch auch solcher Saft muss im veränderten Getränkemarkt bestehen. Die Mostereien reagieren, etwa mit Schorle mit höherem Wasseranteil und somit tieferem Zuckergehalt. Seit 2025 gibt es auch teilentzuckerten Apfelsaft im Angebot. «Schorle lässt sich gut verkaufen. Das kompensiert aber nicht die Rückgänge beim reinen Apfelsaft», sagt Philipp Hafner. Innovationen findet er indes gut. Dazu zählen kleinere Initiativen von Betrieben, die ihren Most erfolgreich sortenrein direkt vermarkten. «Dafür Absatz zu generieren, braucht aber brutale Anstrengung», fügt Hafner an.
«Produkte wie teilentzuckerter Apfelsaft können neue Zielgruppen ansprechen und zusätzliche Konsumanlässe schaffen», ordnet Chantale Meyer ein. Die Innovationskraft der Branche bleibt nach ihrer Meinung ein wichtiger Faktor, um Schweizer Apfelsaft in einem dynamischen Getränkemarkt attraktiv zu halten. Neue Produkte und Konzepte könnten zur Weiterentwicklung des Markts beitragen.
Neues System für Ernteausgleich ist in Verhandlung
Weiterentwickeln soll sich auch der Ernteausgleich. Er wurde heuer zwecks Planungssicherheit vor der Ernte festgelegt und die strukturell unterversorgten Regionen (Aargau, Luzern, Ob- und Nidwalden, Schwyz, Zug und Zürich) sind davon ausgenommen. Dieses System gilt allerdings nur für 2026. «Die Nachfolgelösung ist Gegenstand laufender Gespräche zwischen Produzierenden und Mostereien», gibt Chantale Meyer Auskunft. Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung bleibe die Grundherausforderung bestehen, mit den stark schwankenden Erntemengen umzugehen. «Diese Schwankungen sowie die damit verbundenen Anforderungen an Lagerung und Verarbeitung werden die Branche auch künftig begleiten», sagt Meyer.

