Seit 2005 wurden 208 Wirkstoffe zurückgezogen. 110 wurden seitdem neu bewilligt, davon 24 Mikro- oder Makroorganismen. Pflanzenkrankheiten und -schädlinge sind weiterhin vorhanden. Mit Inkrafttreten des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel und der gesetzlichen Verankerung, das Risiko durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 50 Prozent bis 2027 zu reduzieren, wird der Strick um den Hals der Landwirt-(innen) immer enger, welcher nur durch das Vorhandensein alternativer Methoden und neuer robuster Sorten gelockert werden könnte.
An der Nationalen Ackerbautagung (Corona-bedingt online durchgeführt) zeigte sich, wie hart Akteure aus Forschung und Praxis an alternativen Methoden für die Landwirtschaft arbeiten – aktuell laufen mehrere Projekte dazu. Vor allem schwierig zeige sich die PSM-Reduktion im Zuckerrüben- und Kartoffelbau.
Die Plattform Ackerbau Schweiz (PAG-CH) führt die jährliche Veranstaltung bereits zum neunten Mal unter der Federführung der Agridea durch.
Es braucht tolerante Sorten
Zuckerrübenproduzenten haben seit dem Verbot von Gaucho vor zwei Jahren massive Probleme mit der virösen Vergilbung und dem Syndrome Basses Richesses (SBR). Beide werden durch Insekten übertragen, welche bis zum Verbot des Beizungsmittels gut in Schach gehalten werden konnten. «2020 hatten wir extrem hohe Ertragsverluste von fast 30 % über der gesamten Westschweiz», beklagt sich Madlaina Peter von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau (SFZ). Eine Notzulassung für Gaucho, wie in vielen europäischen Ländern, gibt es in der Schweiz keine.
SBR-tolerante Sorten
Gegen SBR sind derzeit vier tolerante Sorten verfügbar: BTS2045, Agueda KWS, Chevrolet, Xerus. Zudem habe man festgestellt, dass die Winterbrache mit Sommerkultur die Zikade am effektivsten reduziere. Dies bedingt aber eine grossflächige Umstellung der Fruchtfolge, so Madlaina Peter (SFZ). Aktuelle Conviso-Sorten sind gemäss SFZ nicht für SBR-Gebiete angepasst (Ertragsdifferenz 2 t/ha, min. Fr. 700 weniger Erlös). Gegen die viröse Vergilbung helfen derzeit nur Insektizide unterschiedlicher Wirkstoffklassen: Für 2022 wurden Notfallzulassungen für Spirotetramat, Acetamiprid und Flonicamide erteilt. Weiter wird der Warndienst mit Spritzaufruf fortgeführt. Gegen Cercospora stünden höher resistente Sorten zur Fungizidreduktion zur Verfügung.
«Es müssen resistente Sorten her. Das ist aber nicht so schnell machbar.»
Madlaina Peter von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau (SFZ).
Durch den Wegfall von Wirkstoffen gewinnen deshalb tolerante Sorten immer mehr an Bedeutung. «Es heisst immer, der Pflanzenschutz fällt weg, es müssen nun resistente Sorten her. Das ist aber nicht so schnell machbar», gibt Peter zu bedenken. Denn eine Züchtung dauert über viele Jahre und kann nicht kurzfristig auf neue Herausforderungen reagieren.
Züchtung dauert Jahre
Das ist auch ein bekanntes Problem im Kartoffelbau, wie Tobias Gelencsér vom Forschungsinstitut für Biolandbau (FiBL) ausführt. Im Bio-Kartoffelanbau bereiten grosse Ertragsschwankungen durch die Kraut- und Knollenfäule Sorgen. Daneben soll die Aufwandmenge von Kupfer reduziert werden. Es gebe zwar vorbeugende Massnahmen, aber der stärkste Hebel seien noch immer tolerante Sorten.
«Resistenzgene sind in den Wildtypen der Kartoffeln enthalten. Aber durch die Einkreuzung werden auch viele unerwünschte Gene hinein gezüchtet», erklärt er. Es seien deshalb viele Rückkreuzungsschritte notwendig, um den Wildtypgen-Anteil zu senken. «Das braucht insgesamt 20 bis 30 Jahre», betont Gelencsér. Im Bioanbau gehören derzeit Otolia, Vitabella und Jelly zu den robusten Sorten.
Direktzahlungen decken Kosten nicht ab
Andreas Keiser von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) fügt hinzu: Die Anzahl der Pflanzenschutzbehandlungen ist bei den Kartoffeln höher als bei allen anderen Ackerkulturen, vor allem mit Fungiziden. Diese könnten nur reduziert werden, «wenn resistente Sorten im Detailhandel vertrieben und von den Konsumenten auch gekauft werden», sagt er. Zudem würden Alternativen von Pflanzenschutzmitteln im Kartoffelbau nur langsam den Weg in die Praxis finden, weil die Direktzahlungen die Kosten nicht abdecken.
Das Projekt «Nachhaltige Kartoffelwirtschaft 2021–2023» befasst sich derzeit mit diesen Herausforderungen im IP-Suisse-Labelanbau. Verwendet werden mechanische Unkrautbekämpfungsmethoden und robuste Sorten. Fungizide werden nur nach Prognosemodell eingesetzt.
Bisherige Erkenntnisse zeigen, dass die teilnehmenden Betriebe 1/3 weniger Fungizide einsetzen, als es im Standardverfahren üblich ist. Dabei hätten 9 von 10 Parzellen einen geringeren Befall angezeigt. Hagelbefall und Staunässe machten eine vernünftige Ertragserhebung leider nicht möglich.
«Die ersten Ergebnisse zeigen, dass eine Reduktion des PSM-Einsatzes um 50 % in Kartoffeln aus agronomischer Sicht realistisch ist. Aber nur, wenn krankheitsresistente Sorten vermehrt den Weg in den Detailhandel finden und das höhere Risiko und die höheren Produktionskosten durch bessere Preise kompensiert werden», resultiert Keiser.
Prognose reduziert Pflanzenschutzmitteleinsatz
Dass Prognosemodelle zusammen mit resistenten Sorten im Kartoffelbau sehr grosses Potenzial haben, bestätigt auch Sofia Caprez von der HAFL. Neben dem Prognosemodell Phytopre steht Landwirten Simblight 1 zur Verfügung. Beide Modelle berücksichtigen die Sortenanfälligkeit, die Entwicklungsstadien und lokale Wetterdaten, aus denen ein empfohlener Behandlungszeitpunkt berechnet wird.
«Landwirte behandeln ihre Kultur in der Regel zu früh, weil das Vertrauen ins Modell zu Beginn fehlt», stellt Caprez fest. Kleinparzellenversuche im Jahr 2020 haben aber gezeigt, dass mit dem Einsatz beider Modelle Fungizideinsparungen von bis zu 30 Prozent möglich sind, wenn der Behandlungsbeginn später angesetzt wird. Weitere Einsparungen seien mit robusten Sorten möglich.
Roboter reduzieren Herbizide
Viel hat sich bereits bei der Herbizidreduktion durch den Einsatz von Robotern getan. Als Saat- und Hackroboter wurde der Farmdroid mehrfach in Zuckerrüben getestet (wir berichteten). Er wird über GPS gesteuert und kann 24 stunden autark arbeiten dank Solarpanels. Versuche laufen bereits in Raps und Winterweizen. 2021 wurde die Wirksamkeit der Unkrautbekämpfung mit anderen innovativen Maschinen verglichen. Der ecoRobotix sowie die Kombination von Hacken und Bandspritzung bewiesen eine bessere Unkrautregulierung sowie weniger Arbeitsstunden der Maschinen während der Saison gegenüber dem Farmdroid.

