Zu Besuch beim grössten Rothirschzüchter der Schweiz

Der Schulbauernhof von Grangeneuve im freiburgischen Sorens wird biologisch bewirtschaftet. Die 220 Rothirsche sind einer der Betriebszweige.

In sicherer Entfernung beobachtet eine Gruppe von Hirschen die Redaktorin, die mit ihrer Kamera immer näher kommt. Zig Augen und Ohren sind aufmerksam auf sie gerichtet. Die Hirsche sind jederzeit bereit, das Weite zu suchen. Diese Situation spielte sich jedoch nicht bei einer Wanderung durch die Natur ab, sondern beim Besuch des Schulbauernhofes in Sorens. Dieser gehört zum Landwirtschaftlichen Institut des Kantons Freiburg Grangeneuve (LIG).

Absetzen im Herbst

Dieser Betrieb in Sorens ist der grösste Rothirschzüchter der Schweiz und ein Pionier darin. Hirsche werden auf Sorens bereits seit 1993 gehalten. Heute sind es 120 Hirschkühe mit ihren abgesetzten Jungtieren, sowie acht bis zehn erwachsene männliche Tiere zum Decken. Insgesamt sind es momentan zirka 220 Köpfe. Bald schon werden es noch einige mehr sein.

Im Mai bis Juni ist nämlich die Abkalbezeit der Rothirsche, wie Jean-François Hayoz, einer der Betriebsleiter, erklärt. Je nach Wetter können die Hirschkühe den Zeitpunkt der Abkalbung auch noch anpassen. Die Jungtiere bleiben bis im Herbst bei ihren Müttern. Danach werden sie abgesetzt und von den Müttern getrennt.

Laurent Guisolan (l.), Verantwortlicher für Grangeneuves Landwirtschaftsbetriebe und Jean-François Hayoz, Bewirtschafter.
Laurent Guisolan (l.), Verantwortlicher für Grangeneuves Landwirtschaftsbetriebe und Jean-François Hayoz, Bewirtschafter.

Hirsche bleiben Wildtiere

Um die Hirsche zu trennen, werden sie in eine Scheune gebracht, die als Korral dient. Auch können dort die Hirsche in einen Behandlungsstand gebracht werden. Bei der Trennung von ihren Müttern erhalten die Jungtiere eine Ohrmarke und werden nach männlich und weiblich aufgeteilt. «Zum Glück haben wir heute elektronische Ohrmarken und ein Lesegerät, das vereinfacht das Tierhandling massiv», sagt Jean-François Hayoz.

Man müsse immer im Kopf behalten, dass Hirsche ganz klar Wildtiere sind und es kann gefährlich sein, sich ihnen ungeschützt zu nähern. Daher haben die Personen, die im Korral arbeiten, immer einen Holzschild dabei, um sich vor Tritten zu schützen. Für die Betreuung der Hirsche im Gehege sei immer eine Person verantwortlich. Um die Hirsche von einer Weide in die nächste zu bringen, brauche es eine besonders ruhige Person. «Man darf auch keinen Zeitplan haben für diese Aufgabe, sonst sind die Tiere gestresst und reagieren nicht, wie man will», sagt Hayoz.

Zu Besuch beim grössten Rothirschzüchter der Schweiz
(Bild Laurent Guisolan)

Hirsche sind anspruchsvoll in der Fütterung

Auch die Fütterung der Hirsche ist besonders anspruchsvoll, wie der Landwirt erklärt. Die Hirsche werden ganzjährig auf der Weide gehalten. Insgesamt stehen ihnen 20 ha Weideflächen zur Verfügung. Diese werden als Rotationsweiden geführt. Zudem erhalten sie Grassilage und Heu an speziellen Futterraufen, am Strassenrand.

«Hirsche sind noch wählerischer als Ziegen. Sie erhalten nur das allerbeste Silofutter, das wir produzieren», sagt Hayoz.

Und noch so sei es sehr schwierig, den Bedarf abzuschätzen. «An manchen Tagen fressen die Hirsche 800 kg Grassilage und am nächsten Tag wieder nichts.»

Direktverkauf über Reservation im Laden von Grangeneuve

Im Herbst werden die meisten Jungtiere vom Vorjahr geschlachtet. Dazu werden sie in Zehnergruppen verladen und zum Metzger ins Dorf gebracht. Das Fleisch der Hirsche wird alles direktvermarktet über den Laden in Grangeneuve und das dortige Restaurant. Kunden bestellen halbe Tiere oder nur Teilstücke beim Laden und holen es dort ab. Es werden keine Einzelstücke im Laden verkauft.

Da der Schulbetrieb in Sorens eine grosse Zucht umfasst, verkaufen sie auch lebende Tiere für die Zucht.

Von Vollgas auf Bio umgestellt

Die Hirschzucht ist nur ein Betriebszweig des Schulbauernhofes in Sorens. Der Betrieb wird seit 2005 biologisch bewirtschaftet. Dies, nachdem der Betrieb im Jahr 2000 ans LIG angeschlossen wurde. Zuvor gehörte das ehemalige Kloster zum psychiatrischen Spital in Marsens.

Der Schulbauernhof Sorens war ursprünglich ein Kloster und gehörte dann zum Psychiatrischen Spital in Marsens. Seit dem Jahr 2000 ist er Grangeneuve angegliedert und wird weiterhin als Staatsbetrieb geführt und jetzt biologisch bewirtschaftet.(Bild Antoin
Der Schulbauernhof Sorens war ursprünglich ein Kloster und gehörte dann zum Psychiatrischen Spital in Marsens. Seit dem Jahr 2000 ist er Grangeneuve angegliedert und wird weiterhin als Staatsbetrieb geführt und jetzt biologisch bewirtschaftet.(Bild Antoin

Die Umstellung auf die biologische Produktion war für die Bewirtschafter nicht ganz einfach, wie Jean-François Hayoz erzählt. «Wir waren richtige Vollgas-Produzenten», sagt er. Mittlerweile hätten sich aber alle gut an die Bioproduktion gewohnt und stehen voll dahinter.

Kuhstall aus Lotharholz gebaut

So hätten sie die Milchleistung ihrer Milchkühe seit der Umstellung um 1800 kg gesenkt. Der Durchschnitt der 85 Milchkühe liegt nun bei 6530 kg Milch pro Jahr. Die Herde besteht aus Holstein- und Swiss-Fleckvieh-Kühen. Wobei sich die Zucht von Hochleistung auf Zweinutzung verschoben hat, wie Hayoz erklärt. Der Milchviehlaufstall sei im Jahr 2001 aus Lotharholz gebaut worden mit viel Eigenleistung.

Betrieb ist in vielen Forschungsprojekten involviert

Die Kühe kalben gruppiert ab zwischen Januar und März. Wobei die Rinder entweder mit 24 oder 36 Monaten das erste Mal abkalben. Nach dem Melken im 2 × 8er-Fischgeräte-Melkstand geht jede Kuh über eine Waage. Dies ist eine der Besonderheiten auf dem Betrieb, der in verschiedenen Forschungsprojekten ist. Der Bio-Schulbetrieb Sorens arbeitet unter anderem mit der Agroscope, dem FiBL und der Vetsuisse der Uni Bern zusammen.

Grashöhen-Messgerät bestimmt in welche Weide die Kühe kommen

Da der Stallstandort von viel Grasland umringt ist, wird auf dem Betrieb das Vollweidesystem betrieben. Rund 20 Weideparzellen stehen den Kühen zur Verfügung. «Wichtig ist, dass man im Frühling früh anfängt mit dem Weiden», sagt Jean-Francois Hayoz, «sonst wächst das Gras davon.»

Über den Weidewechsel bestimmt auf dem Betrieb nicht einer der Bewirtschafter, sondern ein besonderes Gerät. Das Messgerät «Pasture Meter», aus Neuseeland misst die Grashöhe auf allen Weideparzellen.

Damit erstellt Hayoz eine Grafik, um anschliessend zu bestimmen, auf welche Weide die Kühe kommen und welche gemäht werden. «Wir schauen, dass wir die Kühe möglichst in die nahegelegenen Weiden lassen können und die weiter entfernteren mähen wir.»

Gemeinsames Frühstück ist wichtig für die Arbeitsplanung

Auf dem Schulbetrieb Sorens sind vier Personen für die Bewirtschaftung angestellt sowie drei Lehrlinge. Von den vier Betriebsleitern hat jeder sein Spezialgebiet, jedoch weiss jeder über alles auf dem Betrieb Bescheid. So könne jeder alles machen, wenn einmal eine Person weg ist.

«Da wir so viele Leute sind, ist das tägliche gemeinsame Frühstück besonders wichtig», erklärt Jean-Francois Hayoz. Im Frühstücksraum hängt auch der Arbeitsplan, mit allen Personen, Aufgaben und Zeiten, der jeweils einen Monat im Voraus gemacht werde.

Für die sonstige Verpflegung ist jeder selbst verantwortlich, auch die Lehrlinge. Diese leben auf dem Betrieb in einer Wohngemeinschaft. «Wir wollen unsere Lernenden zu selbstständigen Männern und Frauen ausbilden», sagt Hayoz.

Betriebsspiegel Bio-Schulbauernhof Sorens FR

LN: 142 ha mit 200 m Höhenunterschied

Viehbestand: 85 Milchkühe, Aufzuchtrinder, 280 Schweinemastplätze, 220 Rothirsche

Kulturen: Silomais, Erbsen & Leindotter, Gerste, Saat- getreide (Dinkel & Weizen), Grünland

Arbeitskräfte: Vier angestellte Bewirtschafter, drei Lehrlinge

Weitere Informationen: www.fr.ch/grangeneuve

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