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WIN Rütti in Zollikofen: Ein Versuchsbetrieb ohne Preisschild

Während Zürich bei Agrovet-Strickhof abbaut, baut Bern auf: Ab 2029 sollen BFH-HAFL und Inforama die Rütti in Zollikofen BE als Versuchs- und Lernbetrieb führen. Aus Lindau habe man gelernt, sagt der Kanton. Was das Ganze kostet, sagt er nicht.

Zwei Vollzeitstellen, dazu Lernende und während der Vegetationsperiode Praktikantinnen und Praktikanten, kein Pachtzins und eine unterschriebene Absichtserklärung. Derzeit bauen die Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (BFH-HAFL) und das Inforama ab 2029 den Wissenstransfer- und Innovationsbetrieb Rütti in Zollikofen BE auf, kurz WIN Rütti. Michael Gysi, Vorsteher des Amts für Landwirtschaft und Natur (Lanat), hat der BauernZeitung schriftlich Auskunft gegeben. Dabei nennt er Stellen und Zuständigkeiten, aber kein Budget.

In der Branche gibt es Bedenken, das Projekt könnte schon wenige Jahre nach dem Start wieder zur Debatte stehen. Gysi widerspricht deutlich: «Nein, das scheint mir nicht realistisch.»

Lehren aus Lindau

Die Bedenken kommen nicht aus dem Nichts. In Lindau ZH startete 2017 Agrovet-Strickhof, ebenfalls ein gemeinsamer Betrieb von Kanton und Hochschulen, mit 60 Millionen Franken Investitionen. Neun Jahre später wird zurückgebaut. Die Aussenstandorte Früebüel und Alp Weissenstein gehen ab 2027 allein an die ETH, Wülflingen fällt aus der Kooperation, beim Strickhof fallen drei Stellen weg. Am Hauptstandort streicht die ETH drei von fünf ihrer Stellen in der Forschungsleitung und legt mehrere Stoffwechselkammern still.

Das Inforama und HAFL hätten diese Entwicklung aufmerksam verfolgt und sich mit dem Strickhof ausgetauscht, so der Lanat-Vorsteher. Die beiden Projekte seien aber nur bedingt vergleichbar. In Lindau werde schwergewichtig Grundlagenforschung betrieben, mit spezialisierter Infrastruktur wie dem Stoffwechselzentrum und entsprechend hohen Investitions- und Betriebskosten. Auf der Rütti stehe die anwendungsorientierte Forschung unter möglichst praxisnahen Bedingungen im Vordergrund. Dazu komme die jahrelange, erprobte Zusammenarbeit von HAFL und Inforama.

Als zentrale Erkenntnis aus dem Austausch mit Zürich nennt Michael Gysi die Notwendigkeit, die fixen Forschungskosten möglichst tief zu halten. Personal und Infrastruktur sollen vor allem in dem Umfang dauerhaft aufgebaut werden, den der Basisbetrieb braucht. Zusatzkosten von Projekten sollen konsequent über Drittmittel und die jeweiligen Projekte gedeckt werden. «Dadurch bleibt die Organisation flexibel und das finanzielle Risiko wird begrenzt», sagt Gysi.

Basisbetrieb soll sich selbst tragen

Wie das Geld fliesst, fasst der Lanat-Chef in einem Satz zusammen: Der Basisbetrieb müsse selbsttragend sein und werde von der BFH-HAFL finanziert. Er sei auf eine dauerhafte Selbstfinanzierung ausgelegt. Für welchen Zeitraum das gesichert ist, sagt er nicht.

Was über den Basisbetrieb hinausgeht, also Forschung, Aus- und Weiterbildung sowie Beratung, läuft über Leistungsaufträge. Die wichtigsten Auftraggeber sind die HAFL und das Inforama selbst. Weitere Vereinbarungen sind etwa mit dem Berner Bauernverband für die überbetrieblichen Kurse oder mit der Vetsuisse-Fakultät vorgesehen. Die Mittel für die Lehre sind in den Budgets beider Institutionen eingeplant, Beratung und Weiterbildung finanziert das Inforama. Die Forschung der HAFL läuft weitgehend über eingeworbene Drittmittel, Staatsgeld fliesst dafür keines.

Wer zahlt im Notfall?

Bleibt die Frage, wer einspringt, wenn die Rechnung nicht aufgeht. Michael Gysi verweist auf die Anstellungen: Das Personal ist bei der HAFL angestellt, entsprechend trägt sie die Personalkosten. Zu einem allfälligen Defizit des Basisbetriebs äussert er sich nicht.

Ein Teil der Arbeit auf der Rütti wird über Leistungsaufträge bezahlt, die auch wegfallen können. Weil diese Aufträge überwiegend von den Partnern selbst stammen, liessen sich Veränderungen in der Regel früh erkennen und planen, so Michael Gysi. Beim Inforama werden diese Leistungen seit Jahren durch den Betrieb erbracht, es ist einfach eine Weiterführung unter WIN Rütti. Zudem verfüge die HAFL aus der Forschungsfinanzierung über etablierte Instrumente, um Personal zu steuern, unter anderem befristete Anstellungen. Fällt eine Leistungsvereinbarung weg, entfällt gleichzeitig der Aufwand dafür. Ein zusätzliches finanzielles Risiko entstehe so nicht.

Bei der Forschung gilt dasselbe: Gibt es weniger Drittmittel, wird weniger geforscht. «Da die damit verbundenen Kosten überwiegend variabel sind, ist das finanzielle Risiko bei tieferen Drittmitteln für WIN Rütti gering», hält Gysi fest. Dass ein Partner aussteigen könnte, schliesst er aus: «Weder die BFH-HAFL noch das Inforama werden aussteigen.»

Land und Gebäude vom Kanton

Einen Pachtzins zahlt WIN Rütti nicht. Wie bei anderen kantonalen Institutionen stellt der Kanton Land und Gebäude zur Verfügung. Für Investitionen in die Gebäude bleibt das kantonale Amt für Grundstücke und Gebäude zuständig, Maschinen muss der Basisbetrieb selbst bezahlen. Umgekehrt erhält der Betrieb auch nur sehr reduziert Direktzahlungen (z.B. für die Biodiversität).

Der heutige Pächter geht am Ende der Pachtdauer in Pension. Danach bewirtschaften Angestellte der HAFL den Betrieb, unter Mitarbeit von Lernenden und Studierenden. Strategisch führen HAFL und Inforama gemeinsam, Begleitgruppen mit Fachleuten beider Institutionen unterstützen das Leitungsgremium und die Betriebsleitung.

Forschung vor Wirtschaftlichkeit

Ein Betrieb, der ausbilden, forschen und zugleich wirtschaftlich arbeiten soll, kommt um Zielkonflikte kaum herum. Michael Gysi setzt die Prioritäten klar: Oberste Ziele seien Wissenstransfer, Innovation und Forschung, nicht in erster Linie die Wirtschaftlichkeit. Damit die Rechnung trotzdem aufgeht, müssen HAFL, Inforama oder allenfalls Dritte Versuche und Demonstrationsobjekte samt Ertragsausfällen bezahlen. Das entspreche der heutigen Praxis zwischen Inforama und Pachtbetrieb. Was auf der Rütti läuft, entscheidet das strategische Leitungsgremium zusammen mit den Begleitgruppen und der Betriebsleitung.

Für die Praxis soll WIN Rütti mehr bringen als heute. Das Projekt bringe Synergien und verbessere und erweitere die Leistungen gegenüber dem heutigen Stand, so Gysi.

Verträge bis Frühjahr 2027

Zum Start 2029 muss der Basisbetrieb mit den heutigen Leistungen für beide Institutionen laufen, weitere Projekte sollen später folgen. Gemessen wird an Strategien und Jahreszielen, die jährlich überprüft werden. Nach einer gewissen Zeit sollen Controlling und Verbesserungsmassnahmen folgen. Einen Termin für eine grundsätzliche Überprüfung nennt Michael Gysi nicht.

Auch wenn einzelne Leistungen über den Basisbetrieb hinaus wegbrechen sollten, sei WIN Rütti nicht infrage gestellt. «Beide Institutionen brauchen den Grundbetrieb sowie die Dienstleistungen», sagt der Lanat-Chef. Das Projekt stehe auf soliden Beinen.

Unterschrieben ist bisher eine Absichtserklärung dreier Direktionen des Kantons, und zwar seit rund drei Jahren. Die Vereinbarungen zwischen Inforama und HAFL werden derzeit ausgearbeitet und sollen bis spätestens Frühjahr 2027 unterzeichnet sein. Zu ihrer Laufzeit macht der Kanton keine Angaben.

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