Milchkrise – wie weiter? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Bäuerlichen Zentrums Schweiz (BZS) und des Bernischen Bäuerlichen Komitees (BBK) in Tägertschi BE. Heinz Siegenthaler begrüsste die beiden Referenten am Donnerstagabend, 29. Oktober, im Gasthof zum Wilhelm Tell freundlich. Boris Beuret, Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP), und Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM), erklärten die schwierige Lage auf dem Schweizer Milchmarkt und stellten mögliche Lösungen vor. Doch die rund 20 anwesenden Bauern wollten nicht nur Erklärungen hören. Ihre Fragen und Voten zeugten von Wut, Enttäuschung und existenziellen Sorgen. Die beiden Referenten brauchten zeitweise ein dickes Fell. Einzelne Voten richteten sich teilweise auch persönlich gegen die beiden Referenten.
Mehr Milch, weniger Verarbeitung
Stefan Kohler eröffnete die Referate mit einer Analyse des Milchmarktes. Die gegenwärtige Krise sei nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Seit Sommer 2025 hätten die Milchlieferungen stark zugenommen. Gute Futtererträge und günstige Produktionsbedingungen führten dazu, dass zeitweise bis zu zehn Prozent mehr Milch als im Vorjahr angeliefert wurde.
Gleichzeitig verschlechterten sich die Bedingungen auf den internationalen Märkten. Weltweit stieg die Milchproduktion. Der starke Schweizer Franken, die Probleme im Export und die amerikanischen Zölle erhöhten den Druck zusätzlich.
Verarbeiter mit Schwierigkeiten
Ein besonders schwerwiegendes Problem seien die rückläufigen Verarbeitungskapazitäten in der Schweiz. Stefan Kohler verwies auf Schwierigkeiten bei mehreren bedeutenden Verarbeitungsunternehmen. Diese könnten nicht mehr im bisherigen Umfang oder mit der früheren Verlässlichkeit Milch übernehmen.
Boris Beuret verdeutlichte das Problem mit einem Vergleich: Die Schweizer Milchproduktion habe in früheren Jahren bereits ein ähnlich hohes Niveau erreicht. Damals seien aber mehr Verarbeitungskapazitäten zur Verfügung gestanden.
Die Folgen dieses Ungleichgewichts wurden im vergangenen Frühling besonders deutlich. Zeitweise konnte nicht mehr die gesamte anfallende Magermilch verwertet werden. Ein Teil musste in Biogasanlagen entsorgt werden oder landete sogar in Güllegruben.
Für Boris Beuret ist das ein unhaltbarer Zustand: «Wertvolle Nahrungsmittel auf diese Weise entsorgen zu müssen, ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ethisch problematisch. Die Branche hat die Entwicklung unterschätzt. Die Koordination zwischen den Marktpartnern und die Informationsflüsse müssen darum verbessert werden.»
Freiwilligkeit hat nicht funktioniert
Bereits im Sommer 2025 hätten die SMP vor steigenden Milchmengen gewarnt und die Produzenten aufgefordert, ihre Produktion möglichst nicht zusätzlich auszudehnen. Auch unter den Milchvermarktungsorganisationen habe man versucht, die Überschussmengen besser zu koordinieren.
Das Resultat bezeichnete Boris Beuret als enttäuschend. Auf freiwilliger Basis habe die Mengensteuerung nicht ausreichend funktioniert.
Darin liegt ein Kernproblem des heutigen Systems: Während einzelne Produzenten ihre Milchmenge zurücknehmen, können andere weiter wachsen. Die zusätzlichen Mengen belasten den gesamten Markt. Der daraus entstehende Preisdruck trifft schliesslich auch jene, die sich zurückgehalten haben.
Stefan Kohler erläuterte, dass die bestehenden Instrumente der Marktregulierung durchaus Wirkung zeigten. Dazu gehören die Milchsegmentierung in A-, B- und C-Milch, die Richtpreise und verschiedene Fonds zur Stabilisierung des Marktes. Allerdings hätten diese Instrumente die aussergewöhnliche Situation nicht ausreichend auffangen können.
Referenzmengen für Krisenzeiten
Boris Beuret stellte den Vorschlag der SMP für eine künftige Mengenregulierung vor. Dieser sieht eine klare Unterscheidung zwischen einem Normalbetrieb des Milchmarktes und einem Krisenmodus vor.
Im Normalbetrieb sollen weiterhin vertraglich vereinbarte Liefermengen gelten. Auch eine betriebliche Entwicklung und eine Ausdehnung der Produktion sollen möglich bleiben.
Anders wäre es in einer aussergewöhnlichen Marktsituation. Stellt die Branche beispielsweise fest, dass fünf Prozent zu viel Milch auf den Markt gelangen, könnten für sämtliche Produzenten zeitlich begrenzte Referenzmengen aktiviert werden.
Diese sollen sich an den bisherigen Liefermengen orientieren. Die überschüssigen Mengen müssten solidarisch von allen Milchproduzenten getragen werden. Beuret betonte, dass es sich dabei nicht um eine Rückkehr zur früheren starren Milchkontingentierung handle. Der Krisenmodus wäre auf höchstens sechs Monate beschränkt.
Entscheidend wäre allerdings, dass ein solches System für alle Beteiligten verbindlich gilt. Dafür müsste die Branche geschlossen hinter dem Vorschlag stehen und eine entsprechende Allgemeinverbindlichkeit erreicht werden.
Genau hier liegt die grösste Hürde. Ob sämtliche Marktakteure, insbesondere auch die grossen Milchverarbeiter und Handelsunternehmen, eine solche Regelung mittragen würden, ist offen.
Konkrete Entscheide über die Anpassung der Branchenregeln sind nach dem vorgestellten Fahrplan für April 2027 vorgesehen. Für manche der anwesenden Bauern ist das viel zu spät. Sie verlangten raschere Massnahmen, weil die tiefen Milchpreise ihre Betriebe bereits heute belasten.
«Wir möchten von unserer Arbeit leben können»
Besonders emotional wurde die Diskussion, als die wirtschaftliche Situation der Milchbauern zur Sprache kam. Ein Teilnehmer schilderte, dass immer mehr Bauern auf einen zusätzlichen Erwerb angewiesen seien, um über die Runden zu kommen.
Er stellte die grundsätzliche Frage, weshalb diejenigen, die Lebensmittel produzierten, nicht mehr ausreichend von ihrer Arbeit leben könnten. Die Verantwortungsträger müssten sich bewusst sein, was die gegenwärtige Situation für die Bauernfamilien bedeute.
«Uns Bauern wurde über Jahre geraten, unsere Betriebe zu vergrössern, neue Ställe zu bauen und mehr Milch zu produzieren. Dafür haben wir hohe Investitionen getätigt und Schulden aufgenommen. Nun sollen ausgerechnet wir die Produktion zurückfahren», sagte einer der Anwesenden.
Hinter diesen Aussagen steckte mehr als Unzufriedenheit über einige Rappen weniger Milchgeld. Spürbar waren die Enttäuschung über eine Entwicklung, die viele als ungerecht empfinden, und die Sorge, dass sich die jahrelange Arbeit und die Investitionen nicht mehr auszahlen.
Die Emotionen richteten sich teilweise unmittelbar gegen Boris Beuret und Stefan Kohler. Einzelne Teilnehmer stellten infrage, ob die Verantwortlichen die wirtschaftlichen Nöte der Milchproduzenten überhaupt nachvollziehen könnten.
Dabei ging in der Hitze der Diskussion unter, dass Beuret selbst aktiver Milchproduzent ist und die wirtschaftlichen Herausforderungen der Branche aus eigener Erfahrung kennt.
Importe im Kreuzfeuer
Ein weiterer Streitpunkt waren die Importe von Milchprodukten und Käse. Mehrere Anwesende vertraten die Ansicht, das Hauptproblem liege weniger bei einer zu hohen schweizerischen Milchproduktion als bei den grossen Importmengen.
Besonders kritisiert wurde der Veredelungsverkehr. Dabei werden ausländische Milchrohstoffe zur Verarbeitung eingeführt und die daraus hergestellten Produkte anschliessend wieder exportiert. Die Bauern störten sich daran, dass ausländische Rohstoffe verarbeitet würden, während im Inland Milchüberschüsse bestünden.
Einzelne Teilnehmer erhoben zudem den Vorwurf, importierte Milch oder Milchbestandteile würden teilweise nicht wie vorgesehen wieder ausgeführt. Konkrete Belege für solche Behauptungen wurden an der Veranstaltung allerdings nicht vorgelegt.
Stefan Kohler erläuterte die Zusammenhänge und wies darauf hin, dass der Veredelungsverkehr mit der Schweizer Schokoladenindustrie bereits deutlich zurückgegangen sei. Er machte gleichzeitig deutlich, dass nicht sämtliche Schwierigkeiten des Schweizer Milchmarktes mit dem Veredelungsverkehr erklärt werden könnten.
Auch bei den Käseimporten gingen die Meinungen auseinander. Während die Bauern eine stärkere Beschränkung ausländischer Produkte forderten, erinnerte Stefan Kohler an den bestehenden Käsefreihandel mit der EU. Dieser lasse sich nicht einfach durch neue Importbeschränkungen ausser Kraft setzen.
Boris Beuret sprach sich dafür aus, die Herkunft importierter Milchprodukte transparenter zu deklarieren. Gerade in der Gastronomie und bei verarbeiteten Lebensmitteln sei für Konsumenten oft nicht ersichtlich, woher der verwendete Käse stamme.
Schweizer Käse unter Druck
Die Referenten machten deutlich, dass auch der Käsemarkt vor grossen Herausforderungen steht. Ein erheblicher Teil des Schweizer Käses wird exportiert. Gleichzeitig drängen günstigere ausländische Produkte auf den Inlandmarkt.
Bei international gehandeltem Industriekäse könne sich die Schweiz dem Preisdruck nicht entziehen. Dazu kommen veränderte Konsumgewohnheiten.
Während traditionelle Produkte unter Druck stehen, legen andere Kategorien wie Quark, Mozzarella, Cottage Cheese und proteinreiche Milchprodukte zu. Kohler und Beuret sahen darin auch Chancen für die einheimische Verarbeitung.
Statt ausschliesslich auf die bisherigen Produkte zu setzen, müsse die Branche die wachsenden Marktsegmente stärker bearbeiten und Marktanteile gegenüber ausländischen Anbietern zurückgewinnen.
In der Diskussion kam auch die Frage auf, weshalb in der Schweiz weiterhin so viel Käse produziert werde, wenn der Absatz nicht Schritt halte. Besonders störend fanden einzelne Bauern, dass Überschussmilch aus Käsereien zusätzlich auf den Industriemilchmarkt gelange und dort den Preisdruck weiter erhöhe.
Boris Beuret bestätigte, dass auch dieses Problem angegangen werden müsse. Die Regulierung dürfe nicht dazu führen, dass einzelne Marktsegmente ihre Überschüsse auf Kosten anderer Milchproduzenten entsorgten.
Zwischen Wut und Verantwortung
Boris Beuret und Stefan Kohler hatten an diesem Abend keine leichte Aufgabe. Sie mussten erklären, weshalb die vorhandenen Instrumente nicht ausgereicht hatten, weshalb die Lösung nicht schneller kommt und weshalb die Bauern trotz des bestehenden Preisdrucks weiterhin Milch produzieren, die sich teilweise kaum kostendeckend verwerten lässt.
Kohler überzeugte mit detaillierten Marktkenntnissen und sachlichen Erklärungen. Beuret zeigte sich selbstkritisch, insbesondere gegenüber der ungenügenden Koordination und der gescheiterten freiwilligen Mengensteuerung.
Beide stellten sich der Diskussion, auch wenn die Vorwürfe zeitweise deutlich über eine sachliche Auseinandersetzung hinausgingen.
Die rund 20 anwesenden Bauern waren zwar zahlenmässig keine grosse Versammlung. Ihre Wortmeldungen zeigten aber eindrücklich, wie tief die Verunsicherung in Teilen der Milchproduzentenschaft sitzt.
Nicht jede Behauptung hielt einer Überprüfung stand. Nicht jeder Vorwurf war gerechtfertigt. Doch hinter den teilweise scharfen Worten standen reale wirtschaftliche Sorgen. Wer täglich seine Kühe melkt, die Rechnungen bezahlt und für seine Familie und seinen Betrieb Verantwortung trägt, erwartet zu Recht, dass seine Arbeit einen angemessenen Ertrag abwirft.
Die Veranstaltung in Tägertschi BE machte vor allem eines deutlich: Die Geduld vieler Milchbauern ist weitgehend aufgebraucht. Von ihren Branchenvertretern erwarten sie nicht bloss Analysen, sondern rasch wirksame Lösungen.
Beuret und Kohler verliessen das Löwengehege zwar unversehrt. Doch die Botschaft der aufgebrachten Milchbauern dürfte ihnen noch länger in den Ohren klingen: Die Zeit für unverbindliche Appelle ist vorbei.
Jetzt müssen Taten folgen.

Mehr Melken löst keine Milchkrise
Die Wut der Milchbauern ist verständlich. Wenn der Milchpreis sinkt und die Kosten steigen, liegen die Nerven blank. Doch wer glaubt, mit persönlichen Angriffen auf Boris Beuret oder Stefan Kohler die Milchkrise lösen zu können, bellt den falschen Baum an.
Die Probleme auf dem Schweizer Milchmarkt sind nicht über Nacht entstanden. Zu viel Milch, zu wenig Verarbeitungskapazität, Importdruck und Schwierigkeiten beim Export: Da ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Die Schuld dafür einzelnen Personen in die Schuhe zu schieben, ist billig. Wir haben es mit einem Systemversagen zu tun, an dem viele beteiligt sind.
Natürlich müssen sich die Branchenverantwortlichen kritische Fragen gefallen lassen. Auch Fehler dürfen und müssen angesprochen werden. Aber mit Schuldzuweisungen wird noch kein einziger Liter Milch besser verkauft.
Wie ist es mit der Eigenverantwortung der Milchproduzenten? Niemand ist gezwungen, Milch zu produzieren. Wer seinen Stall vergrössert, die Kuhzahl erhöht und immer mehr Milch abliefert, muss sich auch fragen, wer diese zusätzliche Milch kaufen soll. Mehr zu melken, nur weil man es kann, ist noch lange keine erfolgreiche Betriebsstrategie.
Besonders fragwürdig wird es, wenn sinkende Milchpreise mit noch höheren Liefermengen kompensiert werden sollen. Was für den einzelnen Betrieb kurzfristig aufgehen mag, verschärft das Problem für die ganze Branche. So sägen wir gemeinsam an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich habe selbst jahrzehntelang Kühe gemolken und weiss, wie wenig Einfluss der einzelne Bauer auf den Milchpreis hat. Auf seine Produktionskosten hingegen schon. Fütterung, Tiergesundheit, Arbeitswirtschaft und Investitionen gehören auf den Prüfstand. Nicht jeder Liter Milch, den eine Kuh zusätzlich gibt, ist auch rentabel.
Eine funktionierende Mengenregulierung ist dringend nötig. Aber sie ersetzt weder das unternehmerische Denken noch die Verantwortung für den eigenen Betrieb. Die Branche muss endlich verbindliche Spielregeln schaffen, und die Produzenten müssen sich dann auch solidarisch daran halten.
Es braucht keine Sündenböcke, sondern ein System, das funktioniert. Und Milchbauern, die zusammen das Angebot so steuern, dass der Preis für alle stimmt.

