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Die geheime Abstimmung: Der Fall Helmut Matti bewegt die Züchterschaft

Nach sieben Jahren wird Helmut Matti nicht mehr als Präsident der Kommission Beständeschauen gewählt. Swissherdbook spricht von «unüberbrückbaren Differenzen». Näheres dazu bleibt der Verband schuldig – Matti nicht.

Die Verwaltung von Swissherdbook hat am 8. Juni 2026 mitgeteilt, dass der Berner Oberländer Helmut Matti für die Amtsperiode 2026 bis 2030 nicht mehr als Präsident der Kommission Beständeschauen wiedergewählt werde. Als Begründung nannte der Verband «unüberbrückbare Differenzen zwischen Mitgliedern der Schaukommission und dem Präsidenten» – ohne dies weiter auszuführen.

Fragen bleiben im Raum stehen

Auch auf mehrfache Anfrage der BauernZeitung wollte Swissherdbook nicht präzisieren, was damit konkret gemeint war. Ebenso unbeantwortet blieb die Frage, ob sich die Situation aus Sicht des Verbandes anders hätte lösen lassen als mit einer Nichtwiederwahl.

«Das weiss ich selbst nicht», sagt Matti dazu. «Wenn man als Präsident der Kommission Beständeschauen nicht mehr seine Meinung sagen darf, bin ich wirklich nicht mehr am richtigen Platz.» Der seit 2019 amtierende Matti stellte sich für ein Gespräch mit der BauernZeitung zur Verfügung. Er wolle den Entscheid nicht anfechten, sondern seine Sicht der Dinge darlegen.

Überraschend kam die Nichtwiederwahl für ihn nicht: Bereits vorgängig hatte sich Matti mit Adrian Weber, dem Präsidenten von Swissherdbook, getroffen. Dieser teilte ihm mit, dass die Gruppenleiter der Expertenkommission nicht mehr hinter ihm stünden und es deshalb keinen Sinn mehr mache, das Präsidium weiterzuführen. Auch für Matti war klar, dass es unter diesen Umständen, nichts mehr bringe, seine Arbeit so weiterzuführen.

Wie die Wiederwahl geregelt ist

Formal liegt die Wiederwahl des Kommissionspräsidiums in der Kompetenz der Verwaltung von Swissherdbook; die Kommission Beständeschauen unterbreitet ihr dazu lediglich einen Vorschlag, wie der Verband auf Anfrage bestätigt.

Ein Anhörungsrecht des Präsidiums vor einer Nichtwiederwahl sei allen Involvierten – also auch Matti – gewährt worden, teilt Swissherdbook mit. Ob die vorgängige Abstimmung unter den Gruppenleitern für die Verwaltung bloss konsultativ war oder direkt in den Entscheid einfloss, liess der Verband trotz konkreter Nachfrage offen.

Ebenso unbeantwortet blieb die Frage, ob Matti aus Sicht von Swissherdbook seine Kompetenzen überschritten habe. Zur Amtszeitbeschränkung – laut Statuten maximal 16 Jahre für ein Präsidium, bei Matti also erst 2031 erreicht – teilt Swissherdbook mit, dass für Kommissionsmitglieder dieselben Vorschriften gälten wie für die Verwaltung, die Amtsdauerregel für das Präsidium sich aber nur auf den Verbandspräsidenten selbst beziehe.

Die Vorfälle in Lauenen und Turbach im Kanton Bern

Helmut Matti beschreibt seine Aufgabe als Präsident der Kommission Beständeschauen so, dass er jeweils die Punktierungen auf den Viehschauplätzen und die Kommentare der Experten mitverfolgte.

Während der Saanenland-Woche im Frühling war er entsprechend viel vor Ort. In Lauenen BE ging es um eine junge Erstlingskuh, die in ihrer Klasse schon vor dem Ring für Diskussionen sorgte. Als sie im Ring die Note 3 im Euter erhielt, ging Matti während des Kommentars des Gruppenleiters zu den drei übrigen Experten am Rand des Rings und fragte sie, ob dies für niemanden in der Gruppe ein 2-Euter gewesen sei. «Für mich war der Fall glasklar. Wir diskutierten jedoch diskret und keineswegs öffentlich, wie es behauptet wurde», sagt Matti. Die Punktierung wurde nicht geändert; es sei ihm darum gegangen, die Experten für solche Momente zu sensibilisieren.

Zum eigentlichen Auslöser wurde eine Kuh an der Beständeschau in Turbach BE, Klasse VI, die mit 54 44 angeschrieben wurde. Der Züchter selbst war überzeugt, dass die Note 5 im Euter zutreffender wäre, und ging mit Unterstützung von Matti in den Rekurs. Als die Experten die Note 5 im Euter in der Folge nicht nachschreiben wollten, ging Matti direkt zu ihnen und bestand auf einer Änderung des Entscheids. «Auch hier wurden die Experten bestimmt nicht öffentlich blossgestellt», sagt Matti, auch wenn einige Zuschauer die Diskussion am Ringrand mitbekommen hätten.

Helmut Matti ging dieses Jahr das letzte Mal z Bärg. Es sei zu viel passiert in seinem Leben. (Bild: Peter Fankhauser)

Alles regelkonform gelaufen?

Zum Rekursverfahren teilt Swissherdbook mit, es sei im Reglement für die Durchführung von Beständeschauen geregelt, und man sei über keinen Verstoss informiert worden.

Auf die Frage, ob er in seiner Rolle als Präsident hier zu weit gegangen sei, sagt Helmut Matti: «Im Nachhinein kann man immer sagen: Hätte ich oder hätte ich nicht. Jedoch war es immer mein Ziel, die Experten vorwärtszubringen und sie zu unterstützen, damit die Diskussionen auf den Schauplätzen wieder etwas weniger werden.» Die Kompetenz, Punktierungen zu beanstanden, habe er als Präsident gehabt – ihm sei bis zuletzt von der Verbandsspitze bestätigt worden, dass er dabei regelkonform und keineswegs regelwidrig gehandelt habe.

Er sei nie ein Präsident gewesen, der am Schluss nur allen dankte; ihm sei es immer auch um Kommentare und Weiterbildung gegangen. Ins Wort gegriffen habe er den Experten während einer Punktierung zuvor nie – ausser in diesem Frühling. «Wer glaubt, er könne an einem Tag 50 Kühe beurteilen und dabei alles richtig machen, hinterfragt seine Arbeit zu wenig», sagt Matti dazu. Das sei auch zu seiner eigenen Zeit als Viehschauexperte nicht anders gewesen – auch er habe nicht immer perfekte Tage gehabt.

Fehlende Diskussion zwischen den Experten spricht Matti ebenfalls an. Dabei sei es kein Blossstellen, wenn man die Punktierung gemeinsam diskutiere, sondern es sei ein Zeichen von Stärke, wenn ein Gruppenleiter oder ein Experte seine Punktierung auf Raten der anderen abändern müsse. «Am Ende des Tages ist es doch am wichtigsten, dass man eine gute Arbeit geleistet hat, und nicht, dass man seine Punktierung bis zum Schluss verteidigen muss», so Helmut Matti.

Die Aussprache mit den Gruppenleitern

Nach der Viehschau in Turbach seien in der Expertenschaft, besonders unter den Gruppenleitern, «die Telefone heissgelaufen», sagt Helmut Matti. Adrian Weber setzte in der Folge eine Aussprache mit den Gruppenleitern an – ohne Matti. Nach einer Diskussion, in der laut Matti explizit nur negative Punkte zur Sprache kommen sollten, liess Weber eine geheime Vertrauensabstimmung unter den Gruppenleitern durchführen. «Unter solchen Umständen eine Abstimmung zu machen, erscheint mir doch eher suspekt», sagt Matti.

Weber habe ihm später zugesichert, dass das Ergebnis nur für ihn persönlich bestimmt sei – letztlich sei es aber doch in die Nichtwiederwahl eingeflossen. Zu diesem konkreten Vorwurf äusserte sich Weber auf Anfrage der BauernZeitung nicht. Ebenso unbeantwortet blieb, weshalb die Abstimmung überhaupt nötig war, weshalb sie geheim durchgeführt wurde und weshalb Matti nicht zur Aussprache eingeladen war. Swissherdbook wies dazu insgesamt darauf hin, dass die Verhandlungen der Verwaltung vertraulich seien und aus Gründen des Personen- und Datenschutzes über den Fall nicht mehr kommuniziert werde.

«Natürlich tut so ein Resultat weh»

Ein sehr grosser Teil der Gruppenleiter sprach sich in der geheimen Abstimmung gegen Matti aus. «Natürlich tut so ein Resultat weh, besonders wenn man mit viel Herzblut und Zeitaufwand versucht hat, die Schaukommission weiterzubringen», sagt dieser. Sein Einsatz sei vonseiten der Verbandsspitze bis zuletzt gewürdigt worden, so Helmut Matti.

Er sei sich bewusst, dass er speziell im Berner Oberland, im VSA-Gebiet, nicht überall beliebt gewesen sei. Als langjähriger Viehschauexperte und Gruppenleiter habe er als streng gegolten und das Gespräch mit einzelnen Richtern gesucht, wenn er mit deren Kommentaren oder deren Arbeit nicht zufrieden gewesen sei. «Auch hier ging es nicht um ein Blossstellen, sondern um ein Unterstützen», sagt er. Ein Experte, der seine Arbeit gut machen wolle, müsse zudem viele Ausstellungen besuchen, und zwar von jeder Rasse – es reiche nicht, wenn man im Frühling und im Herbst nur ein paar Kühe punktiere, ist er überzeugt.

Matti sagt zudem, es sei mit Adrian Weber vereinbart gewesen, dass er die Medienmitteilung zu seiner Nichtwiederwahl vor der Veröffentlichung hätte lesen dürfen – dies sei aber nicht geschehen. Auch zu diesem Punkt liess Weber eine Stellungnahme offen.

Wie es nun weitergehen soll

Die Verwaltung von Swissherdbook hat den bisherigen Vizepräsidenten Jörg Lisser per sofort zum Präsidenten ad interim der Kommission Beständeschauen gewählt, wie der Verband bereits Anfang Juni kommunizierte. Vom künftigen Präsidenten erwartet Swissherdbook vor allem, die Fachkompetenz der Experten sicherzustellen sowie eine gleichwertige Punktierung durch alle Experten auf allen Schauplätzen zu gewährleisten.

Helmut Matti bleibt trotz der Nichtwiederwahl Vizepräsident des Bernischen Fleckviehzuchtverbandes, wo einzelne Züchter ebenfalls seinen Rücktritt fordern. «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich bin im Vorstand bis 2030, nachher ist ohnehin Schluss», sagt er.

Rückblickend bezeichnet Matti seine Zeit als Präsident, Richter und Viehschauexperte als schön und lehrreich. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihm die Richterarbeiten an der SF-Ausstellung an der Expo Bulle FR sowie an der Original-Braunvieh-Ausstellung in Zug. Er hätte gerne noch einiges geändert – etwa eine Maximalnote 3 bei Erstlingskühen oder bessere Kommentare an Weiterbildungskursen. Insbesondere die verbreitete Rede von einer «schönen Beaderung» des Euters störe ihn: Diese sei nur schön fürs Auge, habe aber nichts mit der Euterqualität zu tun. Bei den Kommentaren wünsche er sich insgesamt mehr frischen Wind.

Zur eigenen Zukunft sagt Matti, er habe im vergangenen Jahr familiär einige Schicksalsschläge verkraften müssen, die sein Leben grundlegend verändert hätten. Einige Tiere werde er weiterhin halten, doch die Euphorie für Viehschauen dürfte in Zukunft deutlich kleiner ausfallen. Das Thema Beständeschauen werde er künftig mit einer ganz anderen Sichtweise betrachten.

Nach Schicksalsschlägen grosse Veränderungen bei Helmut Matti

Der langjährige Viehschauexperte, Gruppenleiter, Richter und Präsident der Kommission Beständeschauen Helmut Matti musste im vergangenen Jahr privat einiges verkraften – so etwa am 3. August 2025.

Auf der gepachteten Alp Wispiele bei Gstaad sassen Helmut Matti, seine Frau Arlette und fünf weitere Personen an jenem Mittag beim Essen. Seit Jahren gehen sie dort mit den Kühen und Rindern z Bärg – insgesamt rund 100 Stück Vieh. Die Milch wird vor Ort zu Alpkäse verarbeitet. Während der Alpzeit führt Mattis Bruder Simon mit seiner Familie den Talbetrieb in Turbach; der Betrieb wird gemeinsam in einer Betriebsgemeinschaft geführt.

Die Alphütte verbrannte

«Plötzlich sagt meine Frau: ‹Hörst du auch das Knistern?›», erinnert sich Matti. Alle gingen zunächst davon aus, das Geräusch komme von der offenen Feuerstelle, an der am Morgen noch gekäst worden war. Doch Arlette Matti hakte nach: «Das Knistern kommt nicht von der Feuerstelle.» Sie sollte recht behalten – im Nebenraum, wo der Gas-Kühlschrank stand, war ein Feuer ausgebrochen. «Obwohl das Feuer noch recht klein war, hatten wir keine Chance, es mit nassen Decken zu ersticken», sagt Helmut Matti. Innerhalb weniger Minuten frass sich das Feuer über die Decke, dann weiter über den Wohnraum und in den Stall. «Als wir sahen, dass wir es nicht löschen können, war unser Ziel, so schnell wie möglich die Kühe aus dem Stall zu lassen und das Nötigste in Sicherheit zu bringen», erzählt Matti.


Mit viel Glück konnten auch die letzten Kühe, mithilfe von Freunden und Bekannten, losgebunden werden, vieles liess sich aber nicht mehr retten; nach zehn Minuten war die 200-jährige Holzhütte nicht mehr zu betreten und brannte lichterloh. «Als ich das letzte Mal in die Hütte sah, sah ich nur noch das Kupferkessi und den letzten Käse in der Presse», erinnert sich Matti. Die Helferinnen und Helfer brachten alle Tiere in Sicherheit, die Hütte selbst konnte nicht gerettet werden. «Wir mussten kein Menschenleben beklagen», sagt Matti. Ausgelöst wurde der Brand durch eine defekte Leitung am Gas-Kühlschrank.

Vieles hinterfragt

Kurz darauf traf Matti ein weiterer schwerer Schicksalsschlag: Ende 2025 verstarb seineFrau Arlette. Durch diesen Verlust änderte sich für ihn vieles, wenn nicht sogar alles. «Wir brauchten nicht viele Worte. Beim Käsen wusste jedes, was zu tun war», sagt er über ihre gemeinsame Arbeit auf Heimbetrieb und Alp. Nach ihrem Tod habe er vieles hinterfragt. Auch, ob die Arbeit auf der Alp für ihn noch einen Sinn ergebe. Einen Monat nach ihrem Tod bot er seinem Bruder Simon seinen Anteil am Betrieb zum Verkauf an.

Sein Sohn Patrik führt zusammen mit seinem Onkel in einer Betriebsgemeinschaft zwei Betriebe in Gstaad BE, wo einige Tiere von Helmut Matti künftig ein neues Zuhause finden sollen. Diesen Sommer ging er deshalb ein letztes Mal z Bärg – mit den melkenden Kühen auf dem Vorberg, da die neue Hütte noch nicht steht. «Ohne meine Frau Arlette ist das Älplerleben nicht mehr dasselbe. Darum ist es diesen Sommer für mich das letzte Mal – nach 45 Jahren», erklärt er. Ob er künftig nochmals mit eigenen Tieren auf einem Viehschauplatz stehen wird, lässt Matti offen. pf

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