Zweimal war Markus Zemp Proviande-Präsident – zuerst von 2003 bis 2008, dann ab 2016, als ihn der Verwaltungsrat bat, zurückzukehren. «Ich hatte zehn Minuten Zeit, zu entscheiden», sagt er. «Ich habe aus dem Bauch heraus entschieden und es nie bereut.» Am 26. Juni 2026 in Vicques übergibt er das Amt an Heinz Mollet. Diesmal definitiv.
Der Aargauer gehört zu den prägendsten Branchendenkern der Schweizer Landwirtschaft der letzten dreissig Jahre. Präsident der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter (ASR), Präsident der Weltvereinigung der Braunviehzüchter, des Schweizer Brauereiverbandes, erster Präsident der Branchenorganisation Milch (BOM), Verwaltungsratspräsident von Identitas, CVP-Nationalrat. In Bern zieht er im Gespräch mit der BauernZeitung Bilanz.
«Man kann von einem Scherbenhaufen sprechen»
Die Schweinebranche begleitet Markus Zemp schon lange – und so beginnt er aus aktuellem Anlass mit einem Anruf von 2017. Hans Wyss, damals noch Direktor Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), meldete sich morgens mit den Worten: «Du bist der einzige, der verhindern kann, dass wir tausende Schweine im Kanton Waadt vergasen müssen.»
Hinter dem Anruf stand der Betrieb Annen im Kanton Waadt, ein Name, der seither nicht verschwindet. Erst letzte Woche veröffentlichte das Observatoire du spécisme erneut Bilder vom vermeintlich selben Betrieb, wo ein weiterer Fall schwerer Misshandlungen dokumentiert worden sein soll.
Zemp kommentiert knapp: «Das zeigt, wie schwierig die Kontrolle auf Betriebsebene ist.» Für ihn ist es ein schwieriger Fall – aber auch ein Nebenschauplatz. Denn die Schweinebranche habe aktuell weitaus grössere Herausforderungen.
Das strukturelle Problem des Schweinemarkts hat seine gesamte zweite Amtszeit begleitet. Proviande forderte Lösungen gegen die Überproduktion, Suisseporcs erarbeitete ein Stilllegungskonzept für Zuchtsauenplätze und brachte es Ende Mai an einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung in Olten SO zur Abstimmung – der Proviande-Verwaltungsrat hatte das Konzept zuvor ausdrücklich unterstützt.
Doch die 108 Delegierten verfehlten die nötige Zweidrittelmehrheit hauchdünn. «Dreieinhalb Jahre Arbeitsgruppen, am Ende keine Einigkeit. Man wusste immer wieder, warum man es nicht will. Man kann hier wirklich von einem Scherbenhaufen sprechen», sagt Markus Zemp. Das Konzept hielt er selbst für das Beste, was auf dem Tisch lag.
Dass der Schweizer Konsument unterdessen mehr Schweinefleisch isst als je erwartet, beobachtet er mit einer gewissen Genugtuung. «Niemand hat das kommen sehen. Man stelle sich mal einen Grill vor ohne Schwein. Auch Charcuterie boomt», weiss Zemp.
Der Markt gibt den Produzenten recht, aber die Branche findet trotzdem keinen gemeinsamen Weg. Was er Heinz Mollet als grösste ungelöste Aufgabe hinterlässt, sagt er ohne Umschweife: «Den Schweinemarkt. Das wird nicht ohne Proviande gehen. Und es muss rasch gehen.»
DNA-Proben: Was blieb und was hätte sein können
Der Schweinemarkt ist das ungelöste Erbe. Doch Markus Zemps zwei Amtszeiten waren nicht nur Krisenmanagement – er hat auch gestaltet, gekämpft, manches durchgesetzt und manches scheitern sehen.
Ein Beispiel dafür ist der DNA-Herkunfts-Check, den Proviande per Ende 2025 einstellte. Das Programm lief seit 2018 und erfasste zuletzt jährlich bis zu 525 000 Referenzproben – rund 88 Prozent aller in der Schweiz geschlachteten Rinder.
Die offizielle Begründung: Die Ergebnisse seien sehr gut gewesen, die Ziele erreicht. Zemp ordnet das ein. Die auffälligen Resultate lagen bei ein bis zwei Prozent, meist Verunreinigungen im Hackfleischbereich. Die Abnehmer wehrten sich gegen weitere Millionenausgaben für ein System, das aus ihrer Sicht seinen Zweck erfüllt hatte.
Dazu kam: Die US-Firma, die die Analysen durchführte, erhöhte die Preise. «Wenn man technologisch von einer einzigen Firma abhängig ist, ist das immer heikel.» Am Schluss waren die Metzger nicht mehr bereit zu zahlen und Proviande zog schliesslich die Konsequenz. Dass der Check ohnehin nur Rind- und Kalbfleisch abdeckte, also Schwein, Poulet und importiertes Fleisch ausserhalb blieben, erwähnt Zemp als offene Flanke.
Das Leben jedes Labeltiers wäre klar gewesen
Tiefer beschäftigt ihn, was nie verwirklicht wurde: das Projekt Taurus. Die Idee war, mit einer einzigen Ohrmarkenprobe die vollständige Rückverfolgbarkeit jedes Tieres zu ermöglichen – Herkunft, Zuchtwerte, Abstammung, Erbfehler, Haltung, Label, alles aus einer Analyse.
Manfred Bötsch, ehemals Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft und auch Studienkolleg von Markus Zemp, leitete das Projekt, Proviande trug es mit. «Wir hätten für jedes Labeltier zeigen können, wie es gelebt hat.»
Doch die Zuchtverbände seien nicht mit gezogen, erinnert sich Zemp. Die Kosten von rund 25 Franken pro Kalb sollten auf die Bauern umgelegt werden und die wollten nicht zahlen. Der Bund zeigte sich begeistert, gab aber selbst keinen Rappen.
«Regionaler Ursprung boomt. So hätten wir aufzeigen können, was hinter dem Schweizer Fleisch steckt», sagt Zemp. IP-Suisse habe damals grosses Interesse gezeigt, aber leider sei das Ganze an den Finanzen gescheitert. «Wenn Grosskonzerne dasselbe Versprechen nicht einhalten können, verwässert das die Marke Schweiz.»
Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn das bis heute beschäftigt. Für ihn ist Taurus kein Einzelfall, sondern ein Muster: Branchenorganisationen scheitern dann, wenn zu viele Interessen am Tisch sitzen und am Ende niemand entscheiden will. Das kennt er aus nächster Nähe – auch aus der Milchwirtschaft, wo er ab 2010 als erster Präsident der Branchenorganisation Milch selbst mittendrin war. Zwei Branchen, zwei völlig verschiedene Kulturen.
Fleisch und Milch: zwei Kulturen
«Die BOM lebte zu Beginn mit Vorsitzungen, Nachsitzungen und dem Anwalt. Bei Proviande enden Sitzungen mit Entscheiden.» Den Vergleich zwischen Proviande und der BOM zieht Markus Zemp sehr direkt. Bei Proviande sitze der CEO einer Organisation am Tisch, und die Leute müssten nicht heimgehen und fragen, bevor eine Lösung stehe. Das sei keine Stilfrage, sondern eine der Kultur.
Diese Kultur hat historische Wurzeln. Proviande entstand 1999 aus der Genossenschaft für Schlachtvieh- und Fleischversorgung (GSF), die seit 1949 den Schweizer Fleischmarkt organisiert hatte, zwar staatsnah, aber nie staatsabhängig.
Mit dem neuen Landwirtschaftsgesetz wurde die GSF aufgelöst und Proviande als privatrechtliche Genossenschaft gegründet, die seither den Bundesauftrag für Marktüberwachung und Qualitätseinstufung erfüllt.
«Man war näher am Markt», sagt Markus Zemp. Die Milchwirtschaft dagegen rief zu lange nach dem Staat. Die Abschaffung der Milchkontingentierung wollten die Schweizer Milchproduzenten (SMP) laut Zemp lange nicht akzeptieren, obwohl die Politik längst entschieden hatte. «Man wollte immer wieder zurück, anstatt nach vorne zu schauen.» Jahre seien verloren gegangen. Heute gebe die BOM den Ton besser an – «aber man hat wertvolle Zeit verloren.»
Braunvieh, Holsteinisierung, Selbstvertrauen
Dabei reichen Markus Zemps Wurzeln in der Branche viel weiter zurück als Proviande und Milch. Bevor er Branchenorganisationen leitete, war er Züchter durch und durch – und prägte die Schweizer Rinderzucht während vierzehn Jahren als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter (ASR).
Als Nachfolger von Heinrich Meli und Vorgänger von Andreas Aebi stand er der ASR von 2000 bis 2014 vor – einer Zeit, in der die Frage, wohin sich die Schweizer Rinderzucht entwickeln soll, alles andere als geklärt war.
Die Holsteinisierung trieb ihn damals um – und tut es noch. «Die zunehmende Holsteinisierung wird ein Problem für die Schweizer Fleischwirtschaft. Das sagte ich damals.» Im Grünlandgebiet brauche es mehr Zweinutzungskühe.
Die Zahlen geben ihm inzwischen recht: Die Schweiz importiert heute Fleisch von fast 60 000 Stück Simmentaler, weil die Kuhzahl hierzulande stark rückläufig ist. Weniger Kühe bedeuten auch weniger Tränker. «So einen Mangel hat es noch gar nie gegeben. Der Rohstoff geht uns aus», so Zemp.
Was ihn in dieser Rolle am meisten beschäftigte, war aber etwas Immaterielles: das fehlende Selbstvertrauen der Schweizer Rinderzüchter auf der Weltbühne. «Mein wichtigster Job war es, dem Original Braunvieh mehr Selbstvertrauen zu geben.»
Bier, Parlament, zehn Minuten
Von 2007 bis 2020 präsidierte Markus Zemp den Schweizer Brauereiverband. «Einer der schöneren Jobs, vor allem spannend», sagt er. Es war die Zeit des Craft-Bier-Booms. Die Grossen wollten die Kleinen nicht – Zemp lud die Geschäftsführer der grossen Brauereien nach Sempach LU und überzeugte sie, dass die Kleinen fürs Image gut seien. Aus 14 Mitgliedern wurden über 50. Eine Idee aus dieser Zeit blieb ihm besonders in Erinnerung: der parlamentarische Bierabend im Bundeshaus.
Den kannte er von innen, doch das Parlamentsmandat brachte den umtriebigen Aargauer in einen Interessenkonflikt. Das Parlamentsgesetz schliesst aus, dass Mitglieder der Bundesversammlung gleichzeitig in leitenden Organen von Organisationen sitzen, die im öffentlichen Auftrag des Bundes tätig sind.
Proviande erfüllt solche Aufgaben – die neutrale Qualitätseinstufung von Tieren und Schlachtkörpern, die Überwachung der öffentlichen Schlachtviehmärkte. Das macht ein Verwaltungsratsmandat unvereinbar mit einem Parlamentssitz. Zemp musste sich entscheiden.
«Proviande oder Parlament. Ich entschied mich für das Parlament.» Zwanzig Jahre später erlebte SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh dasselbe: Nach seiner Wahl 2023 trat er aus dem Proviande-Verwaltungsrat zurück – er wählte ebenfalls das Parlament. Die BOM hingegen war für Zemp damals kein Problem – keine Bundesgelder, keine Kollision.
Doch dann kam die zweite Anfrage für Proviande. Der damalige Präsident Johann Heinzelmann starb kurz vor der GV. «Ich hatte zehn Minuten Zeit zu entscheiden.» Und er sagte Ja. «Ich bin ein Branchenmensch. Sonst wäre ich nicht nochmal zurückgekommen.»
Das anstrengendste Jahr
Eigentlich hätte Markus Zemp früher aufgehört. Aber er hatte versprochen zu bleiben, bis der neue Direktor Donat Schneider eingearbeitet war. Gleichzeitig traf das BLW Proviande mit einer Budgetkürzung von 350 000 Franken – rückwirkend per Januar, mitgeteilt im Februar.
«Plötzlich fehlten zudem 500 000 Franken allein bei den DNA-Proben. Das war dramatisch.» Das mit einem neuen Direktor zu managen, war das Anstrengendste seiner zwei Amtszeiten.
Den Wechsel selbst bewertet er positiv. Donat Schneider, zwölf Jahre Geschäftsführer der Aaremilch, kam im Juli 2025 zu Proviande. Doch jetzt geht Zemp. «Ich wollte einen sauberen Schnitt, keine lange Überlappung. Das ist nie gut.» Was er Heinz Mollet übergibt: «Eine Topfirma mit langfristig gesicherten Finanzen, mit einer starken Geschäftsleitung und einen Verwaltungsrat, der zusammenhält.» Pause. «Und ein ungelöstes Problem beim Schweinemarkt.»
Schafisheim und Rougemont
Am 26. Juni ist also Schluss. Anfragen sagt er ab. Nach dem Rücktritt ziehe er sich völlig zurück. «Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht», sagt er.
Was kommt: sein kleiner Hof in Schafisheim AG, Reisen mit seiner Frau, die zu kurz kamen, viel Lesen und vielleicht noch Geschichte studieren.
«Ich gehe nicht sorgenfrei in die Zukunft», sagt er – und meint damit nicht Pessimismus, sondern Respekt. Jahrzehntelang trug er Verantwortung für ganze Branchen, war ständig unterwegs, immer gefragt. Das legt man nicht einfach ab. «Aber ich habe nie gearbeitet – ich habe alles sehr gerne gemacht.»
Zur Person
Markus Zemp, aufgewachsen im Kanton Aargau, studierte Agronomie. Er war Präsident der ASR (2000–2014), der Weltvereinigung der Braunviehzüchter, des Schweizer Brauereiverbandes (2007–2020) sowie erster Präsident der BOM (ab 2010). Für die CVP sass er von 2006 bis 2011 im Nationalrat und präsidierte die CVP Aargau. Er war Verwaltungsratspräsident von Identitas (2011–2019) und Mitglied des Verwaltungsrats der Qualitas AG. Proviande führte er in zwei Amtszeiten: von 2003 bis 2008 und ab 2016. Er lebt in Schafisheim AG und Rougemont VD.

