Tiefenmühle gewinnt Grand Prix Bio Suisse mit neuen Absatzwegen für Spezialkulturen

Marc und Marlene Nyffenegger sorgen mit der Tiefenmühle für kurze Wertschöpfungsketten und neue Absatzwege im Schweizer Bioanbau.

Ein Beispiel dafür, wie unternehmerische Investition eine Transformation in der Landwirtschaft anstossen kann, ist die Tiefenmühle in Herdern TG. Im Zentrum des von Marlene und Marc Nyffenegger geführten Landwirtschaftsbetriebes steht eine Spezialmühle zum Schälen und Reinigen von Getreide, Hülsenfrüchten und Ölsaaten. Dafür werden die Betriebsleiter nun mit dem Grand Prix Bio Suisse ausgezeichnet.

Spezialkulturen wirtschaftlich vermarkten

Mit ihrer Spezialmühle möchten die Gewinner Direktvermarktern und Verarbeitungsbetrieben ermöglichen, auch Spezialkulturen wirtschaftlich und professionell aufzubereiten. Ihr Ziel ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, dass regionale Nischenprodukte verfügbar und bezahlbarer werden.  

In der Spezialmühle werden Getreide, Hülsen- und Ölfrüchte geschält und gereinigt. (Bild: Privat)

«Wir wollten eigentlich eine andere Mühle übernehmen und auf unserem Hof Getreide für die Mühle anbauen. Als die Übernahme aber nicht klappte, hegten wir den Traum, selbst eine Spezialmühle aufzubauen. Dabei ergab sich zum perfekten Zeitpunkt die Gelegenheit, die Marke und die Maschinen der Firma ‹Alpenpionier› zu übernehmen», erzählt Marc Nyffenegger, der das Müllerhandwerk gelernt hat und für die Verarbeitung auf dem Betrieb zuständig ist. Marlene Nyffenegger ist als ausgebildete Landwirtin für die landwirtschaftliche Seite des Betriebes tätig. 

Grosses Potenzial, geringer Absatz

Der Absatz von Kulturen wie Hanf, Kürbiskernen oder Leinsamen entwickle sich derzeit erfreulich, berichten die Preisträger. Bei den Hülsenfrüchten wie Ackerbohnen, Lupinen oder Linsen sehe die Situation jedoch etwas anders aus. Über deren Potenzial werde zwar schon seit Jahren viel gesprochen, doch die tatsächlichen Absatzmengen seien bisher bescheiden geblieben – insbesondere bei Produkten aus Schweizer Anbau.

«Wir sind dennoch weiterhin optimistisch, dass gerade in diesen Kulturen ein Potenzial steckt. Es braucht einfach sehr viel Geduld und die haben wir. Das sind Lebensmittel, die auf jeden Teller passen – unabhängig davon, ob sich jemand vegetarisch, vegan oder mit Fleisch ernährt», so Marc Nyffenegger. Ein anschauliches Beispiel dafür seien Tempeh aus Schweizer Ackerbohnen oder auch Tofu aus Schweizer Soja.

Eine gute Mischung finden

Dass diese Produkte auch künftig deutlich teurer bleiben als vergleichbare Importware, ist für Marlene und Marc Nyffenegger klar: «Wir gehen jedoch davon aus, dass wir den Preisunterschied durch eine effiziente Verarbeitung zumindest teilweise verringern können. Damit steigen die Chancen, dass sich solche Spezialkulturen langfristig auf dem Schweizer Markt etablieren.»

Technisch sei die grösste betriebliche Herausforderung, eine gute Mischung aus Leistung, Qualität, Ausbeute und Preis zu finden. Das gelinge bei vielen Nischenkulturen; bei leichten Kulturen mit viel Volumen, wie zum Beispiel Dinkel, leide die Konkurrenzfähigkeit jedoch schnell.

Beitrag zur lokalen Wertschöpfung

«Wir sind überzeugt, dass wir durch unsere Verarbeitung auch bei weiteren aufkommenden Spezialkulturen einen wichtigen Beitrag zur Wertschöpfung leisten können», so der Preisträger. Beispiele dafür seien Chia von «St. Galleröl» oder rote Linsen von «Biofarm». Durch die regionale Aufbereitung könne die Wettbewerbsfähigkeit solcher Kulturen verbessert und damit neue Absatzmöglichkeiten für die Schweizer Landwirtschaft geschaffen werden. 

Ein wichtiger Punkt sei deshalb auch die Rolle der Konsumenten: «Letztlich prägt die Nachfrage die Schweizer Landwirtschaft vermutlich stärker als das Abstimmungsverhalten», sagt Marc Nyffenegger. Kaufen und essen die Menschen konsequent jene Lebensmittel aus Schweizer Anbau, die zu ihrer Vorstellung der Landwirtschaft passen, werde diese auch so aussehen. 

Offenheit gegenüber neuen Kulturen

Gespiegelt wird das Nachfrageverhalten von den Produzenten. «Viele Bauernbetriebe zeigen eine grosse Offenheit gegenüber neuen Kulturen und möchten so das Angebot an pflanzlichen Proteinträgern und weiteren Ackerfrüchten für die menschliche Ernährung erweitern.

Leider sind die kleinen Mengen für grosse Verarbeitungsbetriebe und den Detailhandel oft unattraktiv und regionale Strukturen fehlen», erklärt Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli. Dort setzt Familie Nyffenegger an. 

Von neuen Ideen überraschen lassen

«Sehr viele Menschen kaufen regelmässig Bio-Produkte und viele sind auch bereit, für Schweizer Wein mehr zu bezahlen als für günstigere ausländische Alternativen. Weshalb sollte also nicht auch ein schöner Teil der Bevölkerung bisweilen etwas mehr für Schweizer Linsen, Leinsamen oder Tofu aus Schweizer Soja ausgeben?», fragt Marc Nyffenegger, der sich freuen würde, öfter an blühenden Leinfeldern vorbeizufahren.  

«Wir lassen uns gerne von neuen Ideen überraschen. Denn wer sagt eigentlich, dass Schokolade zwingend aus Kakao bestehen muss, dass in ein Pesto nur Pinienkerne gehören oder Hummus ausschliesslich aus Kichererbsen hergestellt werden kann? Für all das gibt es spannende Alternativen aus Schweizer Anbau», so der Preisträger des Grand Prix.

Innovation und Erfindergeist

«Dass Bio Suisse seit 20 Jahren innovative Projekte auszeichnen darf, erfüllt nicht nur mich jedes Jahr mit Freude und Stolz. Sollte es noch Leute geben, die Bio als rückständig bezeichnen, denen rate ich, einen Blick in die Liste der Projekte, Menschen und Organisationen zu werfen. Sie werden Innovation und Erfindergeist entdecken», unterstreicht Urs Brändli.

Die Tiefenmühle sei hierfür ein eindrückliches Beispiel: «Eine Mühle, die regional verwurzelt ist, aber national ausstrahlt.»

Weiterlesen