ABO

Umweltverbände fordern bei Wolfsabschüssen eine Gesamtrevision des Jagdgesetzes

Mehrere Organisationen fordern an einer Medienkonferenz eine Gesamtschau statt Stückwerk bei der JSG-Revision. Teilrevisionen zum Wolf seien überhastet; bestehende Instrumente und Erfahrungen zuerst auswerten.

Pro Natura, Birdlife Schweiz, die Gruppe Wolf Schweiz und der Ökologische Jagdverein Schweiz haben an einer Online-Medienkonferenz vom Dienstag, 3. November, eine umfassende Überarbeitung des Jagd- und Schutzgesetzes (JSG) gefordert. Die laufenden Teilrevisionen zum Wolf seien überhastet und sollten in eine einzige, breit abgestützte Gesamtrevision überführt werden.

Reaktion auf Pläne des Bundesrates

Die Verbände reagierten damit auf die Pläne des Bundesrates, die Motionen Friedli und Broulis umzusetzen. Diese sehen vor, Abschüsse von Wölfen neu auch in eidgenössischen Jagdbanngebieten sowie während der Aufzuchtzeit der Welpen zu ermöglichen. «Diese Betriebsamkeit ist einer kohärenten Gesetzesarbeit nicht zuträglich», sagte Sarah Pearson Perret von Pro Natura. Die laufende Revision komme zu früh: Das seit Februar 2025 vollständig in Kraft getretene Wolfsmanagement müsse zuerst ausgewertet werden. Der vom Parlament verlangte Bericht dazu stehe noch aus.

Raffael Ayé, Geschäftsführer von Birdlife Schweiz, betonte, eine wissenschaftlich fundierte Gesamtrevision unter Einbezug aller Kreise könne Widersprüche im Gesetz bereinigen und mehr Vertrauen zwischen den Akteuren schaffen. Die Organisationen, unterstützt von WWF Schweiz und dem Schweizer Tierschutz STS, fordern den Bundesrat auf, die laufenden Revisionsschritte zurückzustellen.

Kaum Perspektiven für kleine Alpen

Seit der Rückkehr des Wolfs hat das Parlament über 220 Vorstösse zum Umgang mit ihm behandelt. Die Organisationen sehen darin eine Flut, die einer kohärenten Gesetzgebung im Weg stehe. Nun will der Bundesrat das JSG so revidieren, dass Abschüsse in eidgenössischen Jagdbanngebieten und während der Aufzuchtzeit der Welpen möglich werden – und weitere Teilrevisionen sind vorgesehen.

David Gerke von der Gruppe Wolf Schweiz verwies auf Unterschiede bei den Alpen: Kleinere Betriebe seien technisch oft gut schützbar, scheiterten aber an den Kosten und hätten deshalb kaum Perspektive. Grosse Schafalpen seien technisch schwieriger zu schützen, überlebten aber aufgrund ihrer ökonomischen Grösse. Er betonte zudem, die Schweiz weise im Vergleich zu den anderen Alpenländern die tiefste Risszahl pro Einzelwolf auf. Gleichzeitig warnte er vor den langfristigen Folgen der aktuellen Abschusspolitik: Wäre die Schweiz eine Insel, würde der Wolf hier aussterben. Ausgeglichen werde das derzeit durch weniger stark regulierte Populationen in den Nachbarländern, vor allem in Italien.

Wo Wölfe wiederholt Schutzmassnahmen überwinden, könnten die Kantone schon heute unbürokratisch eingreifen und im Extremfall ganze Rudel entfernen. Auch bei Gefährdung der menschlichen Sicherheit bestünden rasche Handlungsmöglichkeiten. Entscheidend sei, die bestehenden Instrumente sachgerecht anzuwenden, statt mit weiteren Einzelbestimmungen neue Widersprüche zu schaffen.

Jagdbanngebiete als Rückzugsräume erhalten

Die Revision dürfe sich nicht allein auf die Regulierung des Wolfs konzentrieren, betonten die Verbände. Wolf und Luchs beeinflussten die Verteilung und das Verhalten von Wildhuftieren und könnten so den Wald von Verbiss entlasten. Erfahrungen aus Graubünden zeigten, dass die Jagd mit der Präsenz des Wolfs ihren Zielen bei der Bestandsregulierung näherkommen könne. Die eidgenössischen Jagdbanngebiete müssten als Rückzugsräume für störungsempfindliche und gefährdete Wildtiere erhalten bleiben.

«Wolfsabschüsse in diesen Schutzgebieten und Eingriffe während der Aufzuchtzeit werfen grundsätzliche Fragen auf, die nicht isoliert beurteilt werden dürfen», sagte der Jäger und Förster Sandro Krättli vom Ökologischen Jagdverein Schweiz.

Revision soll Schutzgedanken stärken

Das JSG diene nicht nur der Bejagung und Regulierung, sondern solle auch einheimische Arten und ihre Lebensräume schützen. Zahlreiche Arten seien gefährdet; verschiedene Vogelarten seien im Mittelland bereits verschwunden. Die nächste Revision müsse deshalb auch den Schutzgedanken stärken. Feldhase, Alpenschneehuhn, Birkhuhn, Waldschnepfe, Haubentaucher und diverse Entenarten seien jagdbar. Die Störungsproblematik durch die Jagd sollte im Hinblick auf eine Revision überprüft werden.

Nur eine einzige, fachlich fundierte und logische Revision schaffe nachvollziehbare Regeln, mehr Vertrauen und eine tragfähige Grundlage für den langfristigen Schutz von Wildtieren, Wald und Artenvielfalt, so das Fazit der Verbände.

Weiterlesen