In der Schweiz leben rund drei Viertel der Bevölkerung im urbanen Raum. Entsprechend nehmen Städte eine wichtige Rolle im Ernährungssystem ein. Beispiele aus Städten und Gemeinden zeigen, dass der urbane Raum zum wichtigen Verbündeten beim Aufbau einer regionalen und krisenfesten Versorgung mit Lebensmitteln werden kann. Darauf lag der Fokus einer Tagung im Rahmen der Tage der Agrarökologie in Biel BE.
Genf hat Modellcharakter
Besonders weit ist man in Genf. Rudi Berli, Gemüsebauer in einer Genfer Solawi, Grünen-Nationalrat und Vorstandsmitglied von Uniterre, engagiert sich dort seit Jahren. Mittlerweile gibt es im Raum Genf über ein Dutzend Solawi-Projekte, die öffentliche Beschaffung setzt auf einen hohen Anteil lokaler Produkte und Verarbeitungsbetriebe wie Metzgereien oder Mühlen werden gefördert. Es gibt sogar ein eigenes, offizielles Genfer Regional-Label und eine Ernährungskasse als Pilotprojekt.
Den Preis aushandeln – auch auf nationaler Ebene
Für Rudi Berli ist klar: «Wir Bauern brauchen Planungssicherheit, eine faire Risikoverteilung und vertragliche Abmachungen.» In der Schweiz aber sei die Landwirtschaft zum Restgeldempfänger des Grosshandels verkommen. Anders in einer Solawi: Da handle man den Preis aus – «das muss auch auf nationaler Ebene möglich sein», findet Berli.
In seinen Augen versagt die nationale Agrarpolitik. Es fehle der politische Wille für eine Kehrtwende zur Förderung bäuerlicher Landwirtschaf – obwohl diese «fundamental ökologisch» sei. Lokales Handeln findet Rudi Berli einfacher. Gleichzeitig könne dank solcher Initiativen Druck auf die Schweizer Agrarpolitik aufgebaut werden.
«Produktion und Konsum sind fehlgeleitet»
Auch Eva Wyss ist kein Fan der nationalen Agrarpolitik. «Ich finde es schwierig, wenn da von Landwirtschaftsbetrieben als Unternehmen die Rede ist», sagte die Leiterin der Dienststelle Umwelt der Stadt Biel. «Die Produktion ist gelenkt und zusammen mit dem Konsum fehlgesteuert», ist sie überzeugt.
Somit gehe es aber überhaupt nicht in eine Richtung, die mit anderen politischen Zielen vereinbar wäre. «Im Handel gibt es eine grosse Verantwortung, die nicht wahrgenommen wird», ergänzte Wyss. So könnten die Städte ihre Klimaziele nicht erreichen. Zumal das Ernährungssystem für einen Viertel der konsumbedingten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.
Die Stadt Biel will bis 2050 klimaneutral sein und bezieht die Ernährung mit ein. So gibt es die Bieler Charta für nachhaltige Ernährung und seit 2023 eine stadteigene Produktionsküche, in der jährlich rund 480 000 Mahlzeiten für Tagesschulen und Kitas zubereitet werden – vorwiegend aus regionalen und biologischen Zutaten.
Die stadteigenen Landwirtschaftsflächen – immerhin 50 ha – sollen pestizidfrei bewirtschaftet werden. Schwierig findet es Eva Wyss, positive Veränderungen auch in den eigenständigen Gastronomie-Betrieben anzustossen.

Abstimmungsresultate in der Stadt zeigen die Richtung
In der Stadt Zürich sind die Dimensionen etwas grösser. «Wir haben 22 Betriebe auf Stadtboden und insgesamt etwa 830 ha Landwirtschaftsland», beschrieb Bernhard Koch, Fachbereichsleiter Landwirtschaft bei Grün Stadt Zürich. Für stadteigene Betriebe ist Bio Vorschrift.
Koch erläuterte das Landwirtschaftskonzept der Stadt, das die Vielfalt der Betriebsformen und auf den Feldern ebenso betont, wie die Produktion als wichtige Aufgabe und die Funktion des Kulturlands als Erholungsraum. «Die Aufgabe der Landwirtschaft geht über das Produzieren hinaus», bekräftigte Koch.
Alle Agrar-Initiativen der letzten Abstimmungen seien in der Stadt Zürich angenommen worden, gab er zu bedenken. «Das ist unser Richtungszeiger, nicht die nationale Agrarpolitik», so Kochs Fazit.
Verein bringt die Akteure zusammen
Matthias Stalder hat Erfahrung darin, etwas ins Rollen zu bringen. Er ist Projektleiter von «Stadt Ernähren» in Biel – und macht Eva Wyss mit seinen Vorstössen Arbeit, wie er halb ernst scherzte. Doch das Zusammenspiel von engagierten Bürger(innen) und den Behörden scheint in Biel zu funktionieren.
«Wir rennen offene Türen ein», bemerkte der Projektleiter. Stalder hat sich eine konsequente städtische Ernährungspolitik auf die Fahne geschrieben und will nicht auf Bewegung auf dem nationalen Parkett warten.
«Unser Verein bringt die Akteur(innen) rund um Anbau, Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln zusammen und bietet eine Plattform für den Austausch von Wissen sowie das gemeinsame Entwickeln eines lokalen und nachhaltigen Ernährungssystems», erklärte er. Es war auch «Stadt Ernähren», der zur Tagung in Biel eingeladen hatte.
Zuerst braucht es eine gemeinsame Vision
Aus dem Nichts entsteht auch in Städten und Gemeinden kein lokales Ernährungssystem. Und nicht überall sind Vereine wie «Stadt Ernähren» aktiv, die Behörden selbst so aufgeschlossen – oder die lokalen Betriebe. Biovision nimmt mit ihrem Projekt «Région à Table» diese Fäden auf. «Wir begleiten drei Pilotregionen dabei, für sich passende Lösungen für ein regionales Ernährungssystem aufzubauen», schilderte Projektleiterin Johanna Herrigel.
Es wird dabei Wert darauf gelegt, die Teilnahme allen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck gebe es für die aufgewandte Zeit für Treffen eine Entschädigung. Herrigel hielt aber fest, dass die Regionen ihren Weg selbst finden müssen. «Nach einer Ist-Analyse folgt die Ausarbeitung einer Vision 2040 und die Definition von Handlungsfeldern sowie Hebeln», beschrieb sie das Vorgehen. Eine Vision zu haben, sei «superwichtig», um weiterzukommen.
«Région à Table» ist in der Nordwaadt bisher am weitesten fortgeschritten. Rund 30 aktive Teilnehmende haben dort ihre Vision bereits erstellt, die auf einem Poster illustriert worden ist. Es ist das Resultat eines Prozesses: «Zuerst lernt man sich kennen und erfährt die verschiedenen Lebensrealitäten, die dann zusammengebracht werden», so Johanna Herrigel.
Wo ist die «Ernährungspolitik» geblieben?
Eva Wyss schlug mit ihren Erfahrungen aus dem Schweizerischen Städteverband den Bogen von der lokalen zur nationalen Politik. «Ich bin überzeugt, dass in Schweizer Städten viel passiert», meinte sie. Im Sommer 2026 hat der Städteverband eine Resolution verabschiedet und sich dazu bekannt, Austausch und Zusammenarbeit mit dem ländlichen Raum zu stärken.
Acht Städte haben 2025 eine Charta «Nachhaltige Ernährung Städte und Gemeinden» unterzeichnet. Das alles habe allerdings seine Grenzen angesichts der Steuerung durch die nationale Agrarpolitik, ergänzte Wyss. «Der zweite Teil – die Ernährungspolitik – ist ziemlich abhandengekommen», bedauert sie.
Bundesgeld für Projekte von Städten und Gemeinden
In der AP 30+ ist vorgeschlagen, dass «ein kleiner Teil» der Absatzfördermittel künftig in Projekte von Städten und Gemeinden fliesst. Laut Vernehmlassungsvorlage geht es dabei um Kommunikationsprojekte zur Förderung einer ausgewogenen Ernährung basierend auf regionalen Produkten.
Sie sollen in Zusammenarbeit mit regionalen Produzentenorganisationen umgesetzt werden, heisst es in den Unterlagen zur Vernehmlassung. Förderfähig wären demnach etwa Ernährungswochen oder Social-Media-Kampagnen.

