Weniger Kühe, mehr Milch: Ein Widerspruch mit Verfallsdatum

Wie Altersstruktur, Rassenwandel und Leistungssteigerung erklären, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst – und warum der heutige Überschuss möglicherweise nicht von Dauer ist.

Der Schweizer Milchkuhbestand schrumpft, gleichzeitig meldet die Branchenorganisation Milch (BOM) einen anhaltenden Überschuss und warnt vor Tiefstpreisen im Herbst. Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, hat einen einfachen Grund – und einen, der weit weniger einfach ist.

Entstehen in wenigen Jahren Lücken?

Wer den Marktlagebericht der Schweizer Milchproduzenten (SMP) und von TSM Solutions (dem Kompetenzzentrum für Milchdaten in der Schweiz, kurz TSM), die Richtpreistabelle der BOM und die öffentlichen Auswertungen von Identitas zu Bestand, Altersstruktur, Nutzungsart und Rassen nebeneinanderlegt, erkennt: Der Widerspruch löst sich auf, sobald man nicht nur die nackte Bestandeszahl betrachtet, sondern auch, welche Tiere genau verschwinden und welche bleiben. Und weil ausgerechnet bei den jungen Kühen die Nachzucht schwächelt, drohen aus dem Milchsee von heute in ein bis zwei Jahren Lücken zu werden.

Der Bestand schrumpft spürbar

515 255 Milchkühe zählte die Schweiz im April 2026 – 7059 Tiere oder 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr, wie aus dem Marktlagebericht von SMP und TSM hervorgeht, der sich auf Zahlen von SBV und Identitas AG stützt. Das öffentliche Dashboard von Identitas bestätigt den langjährigen Trend mit eigenen, tagesaktuellen Zahlen: Lag der gesamte Kuhbestand 2010 noch bei rund 717 000 Tieren, waren es per Ende Juni 2026 noch 652 984 – aufgeteilt in 506 079 Milchkühe und 146 905 andere Kühe.

Der gesamte Rinderbestand, also inklusive Kälber, Jungvieh und Mastvieh, sank im selben Zeitraum von rund 1,62 auf rund 1,48 Millionen Tiere. Ein Vorbehalt zur Datenqualität: Abgänge – ob durch Verkauf oder Schlachtung – werden in der TVD praktisch in Echtzeit erfasst, weil davon immer eine zweite Partei betroffen ist: der übernehmende Betrieb oder der Schlachthof braucht die korrekte Abmeldung, damit das Tier bei ihm richtig einbucht.

Weniger junge Tiere rücken nach

Zugänge und Geburten dagegen betreffen zunächst nur den eigenen Betrieb – ein neugeborenes Kalb etwa wird von manchen Betrieben darum auch erst gemeldet, wenn es als Tränker den Hof verlässt, im hektischen Bauernalltag oft mit Verzug. Dadurch kann der jeweils aktuellste Randwert einer TVD-Auswertung tiefer ausfallen, als der tatsächliche Bestand ist: Abgänge sind schon vollständig erfasst, während ein Teil der noch vorhandenen Tiere formal noch nicht nachgetragen ist. Die exakte Tiefe des Einbruchs am aktuellen Rand ist deshalb mit Vorsicht zu geniessen, der mehrjährige Abwärtstrend selbst ist davon unabhängig gut belegt.

Aufschlussreich ist die Altersstruktur der Milchkühe: Bei den 2- bis 3-jährigen Tieren ist der Rückgang mit −5,1 Prozent gegenüber Vorjahr am stärksten, bei den 3- bis 4-jährigen beträgt er −2,5 Prozent. Die 5- bis 6-jährigen Kühe nehmen dagegen um 4,1 Prozent zu. Weniger junge Kühe rücken nach – ein erstes Signal für eine schwächere Remontierung.

Trotzdem: so viel Milch wie seit 2015 nicht mehr

Und doch produzierte die Schweiz laut demselben Marktlagebericht sowie Zahlen von BOM im März 2026 mit 317 249 Tonnen so viel Verkehrsmilch wie zuletzt 2015 – ein Plus von 5,2 Prozent oder 15 752 Tonnen gegenüber dem Vorjahresmonat. Kumuliert von Januar bis März liegt die Produktion 6,1 Prozent über Vorjahr. Auch EU-weit wurde im ersten Quartal 2026 rund 4,7 Prozent mehr Milch produziert als in der Vorjahresperiode.

Der Schlüssel liegt in der Leistung pro Tier: Weniger Kühe geben unter dem Strich mehr Milch, weil Zucht, Fütterung und Betriebsstrukturen die Einzelleistung kontinuierlich steigern. Dazu kommt ein struktureller Effekt, der sich direkt aus den Altersgruppen-Daten ablesen lässt: Kühe steigern ihre Milchleistung von Laktation zu Laktation bis etwa zur vierten bis achten Laktation, erst danach nimmt die Leistung pro Tier wieder ab. Genau in diesem leistungsstärksten Fenster – bei den 4- bis 6-jährigen Tieren – wächst der Bestand (+0,9 respektive +4,1 Prozent gegenüber Vorjahr), während sowohl die jüngeren Jahrgänge als auch die Kühe über 6 Jahre schrumpfen. Der Bestand verschiebt sich also zusätzlich hin zu den leistungsstärksten Jahrgängen. Das erhöht die Durchschnittsleistung, unabhängig vom reinen Zuchtfortschritt.

Auch die Inhaltsstoffe ziehen an: Fett- (4,22%) und Eiweissgehalt (3,38%) lagen im März 2026 laut TSM über dem Vorjahresniveau, was die verwertbare Menge zusätzlich erhöht. Das Resultat: volle Butterlager. Nach Zahlen der Branchenorganisation Butter lagerten Ende März 2026 7026 Tonnen Butter in den Schweizer Tiefkühllagern – 40,7 Prozent mehr als im Vorjahr, und ziemlich genau die Grössenordnung, die BOM-Geschäftsführer Stefan Kohler in einem früheren Gespräch mit der BauernZeitung bestätigt hat: «Die uns zur Verfügung stehenden Zahlen zeigen zwar einen Rückgang, aber immer noch Werte über dem Vorjahr.»

Wohin die Kühe verschwinden

Der Bestandsabbau ist kein reiner Produktionsrückgang, sondern auch ein Strukturwandel. Immer mehr Betriebe steigen aus der Milchproduktion aus und wechseln zu Mutterkuhhaltung oder Rindermast. Das erklärt, weshalb die weiblichen Rinderbestände bis 1 Jahr leicht zunehmen, während die etablierten Jahrgänge bei den Milchkühen schrumpfen – die Tiere werden anders eingesetzt, nicht einfach nur weniger geboren. Für die Kälbermast bedeutet das eine wachsende Nachfrage bei gleichzeitig knapperem Angebot: Die aktuellen Proviande-Wochenpreise für Kälber (KV) liegen bei 17.10 bis 18.30 Fr./kg Schlachtgewicht, mit ausdrücklich «kleinem Angebot» und «sehr guter Nachfrage» – ein direkter Marktbeleg für die Sorge, wie der künftige Bedarf an Remonten für Kalb- und Grossviehmast gedeckt werden soll.

Wie stark dieser Strukturwandel bereits auf Stufe Besamung sitzt, zeigt eine weitere Auswertung von Identitas: Von allen im Juni 2026 gemeldeten Rindergeburten entfielen 10 978 auf die Kategorie «Kreuzung» – mehr als doppelt so viele wie bei der zweitgrössten Einzelrasse (Limousin, 4476) und praktisch gleich viel wie alle übrigen namentlich ausgewiesenen Rassen zusammen. Rund ein Drittel aller in der Schweiz geborenen Kälber gehört heute also keiner reinrassigen Milch- oder Fleischrasse mehr an, sondern ist eine gezielte Kreuzung – nicht selten, um einen wertvolleren Tränker zu verkaufen. Jede einzelne Entscheidung ist auf Betriebsebene rational; in der Summe schrumpft dadurch der Nachschub an reinrassigen Milchrindern strukturell, unabhängig von Marktzyklen. Das liefert einen konkreten Mechanismus für die schwache Remontierung.

Dass es sich dabei nicht um eine kurzfristige Momentaufnahme handelt, zeigt der Blick auf den gesamten Rassenbestand statt nur auf die Geburten: Per Juni 2026 zählte Identitas 238 696 Kreuzungstiere im gesamten Rinderbestand – die zweitgrösste Kategorie nach Holstein (247 962) und noch vor Braunvieh (217 132) und Red Holstein (156 434). Seit rund 2011 wächst diese Kategorie in der Zeitreihe kontinuierlich, während reinrassige Bestände wie Original Braunvieh (54 285) oder Montbéliarde (37 364) klein bleiben. Der Wandel läuft also schon seit anderthalb Jahrzehnten, nicht erst seit der aktuellen Marktlage.

Eine naheliegende Zusatzthese lässt sich mit den vorliegenden Daten dagegen nicht bestätigen: dass sich die Milchproduktion geografisch von den Bergzonen ins Tal verschiebt. Die Identitas-Auswertung nach landwirtschaftlichen Zonen zeigt seit 2010 einen bemerkenswert stabilen, sich jedes Jahr praktisch identisch wiederholenden saisonalen Rhythmus zwischen Talzone und Sömmerungsgebiet – ohne erkennbaren langfristigen Rückgang bei den Bergzonen-Beständen oder den sommerlichen Alp-Spitzenwerten (Sömmerungsgebiet Juni 2026: 376 804 Tiere). Die Erklärung für «weniger Kühe, mehr Milch» liegt demnach nicht in einer Verschiebung zwischen Berg und Tal, sondern in der Kombination aus Leistungssteigerung, Alters- und Laktationsstruktur sowie Rassenverschiebung.

Der Preis der Entwicklung

Wer die Zeche für den Überschuss zahlt, zeigt die Richtpreistabelle der BOM deutlich: Der C-Milch-Preis brach von 40,9 Rp./kg im Januar 2025 auf 23,6 Rp./kg im Januar 2026 ein – ein Minus von fast 43 Prozent – und hat sich bis März 2026 erst leicht auf 26,9 Rp./kg erholt. Der A-Preis wurde im Februar 2026 von 82 auf 78 Rp./kg gesenkt. Stefan Kohlers Warnung vor «Tiefstpreisen für ein gewisses Marktsegment» ab Herbst 2026 liest sich vor diesem Hintergrund weniger nach einer neuen Entwicklung als nach der Fortsetzung eines Trends, der bereits seit Anfang Jahr läuft.

Ausblick: vom Überschuss zum Engpass?

Die eigentliche Pointe liegt im Timing. Der heutige Überschuss wird von den heute noch aktiven Kühen erzeugt – die schwächere Remontierung schlägt sich typischerweise erst mit ein bis zwei Jahren Verzögerung in den Ablieferungsmengen nieder. Setzt sich der Rückgang bei den jungen Milchkühen fort, während die BOM heute noch über eine Produktionsdrosselung diskutiert, stellt sich die Frage, ob aus der Überschusskrise von 2026 nicht in absehbarer Zeit eine Knappheit werden könnte – ausgerechnet bei jenen spezialisierten Betrieben, die durch die aktuelle C-Milch-Preissituation am stärksten unter Druck stehen und deshalb am ehesten aussteigen.