Die Landwirtschaftliche Organisation Seeland (LOS) übt in einer Medienmitteilung öffentlich harsche Kritik am Schweizerischen Getreideproduzentenverband (SGPV). Dieser habe bei der Verhandlung der Richtpreise für Brotgetreide entweder den Grossverteilern nicht standgehalten oder stehe diesen zu nahe. Angesichts massiv gestiegener Produktionskosten und einer kleineren Ernte 2026 hält die LOS die Senkung für falsch. Auch zweifelt sie daran, dass die Lager tatsächlich voll sind und ob die Zahlen des SGPV stimmen.
In den letzten 15 Jahren sei die Schweizer Bevölkerung um 1,8 Millionen Menschen gewachsen. Bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von 50 kg pro Jahr brauchte es letztes Jahr 450 000 t Brotgetreide. «Also mehr, nicht weniger», schreibt die LOS. Die Grossverteiler wollten die Schweizer Bauern vor allem als Werbeträger für Regionalität anstatt als faire Partner, so ihr Fazit. Sie dürften nicht «auf dem Buckel der Bauern» Brot verkaufen. «Diese Argumente sollte eigentlich der SGPV vertreten – dafür bezahlen die Bauern Verbandsbeiträge.» Da dies nicht geschehen sei, würden die Seeländer Bauern ihre Verbandsabgaben 2026 im Umfang der Preissenkungen zurückfordern.
Ein anderes Vorgehen gewünscht
Die BauernZeitung hat den SGPV um eine Stellungnahme gebeten. Geschäftsführer Pierre-Yves Perrin erklärt, der Verband sei lediglich über die Mitteilung der LOS informiert worden. Die Organisation habe das Recht, etwas zu veröffentlichen, hält er fest. «Wir hätten uns aber ein anderes Vorgehen gewünscht, um uns vor der Publikation austauschen und einige Punkte klären zu können.»
Aus einem Mailverkehr zwischen Perrin und LOS-Präsident Martin Schlup, der dieser Redaktion vorliegt, geht hervor, dass dem Seeländer vor allem das Aufzeigen der «Doppelmoral» von Grossverteilern und Discountern ein Anliegen ist. Der SGPV sollte da seiner Meinung nach aktiver sein.
Marktanteile zurückgewinnen
Pierre-Yves Perrin gibt zu bedenken, dass die Ernte 2026 mengenmässig tatsächlich gut aussehe. Die Backwaren-Nachfrage nehme zwar zu – aber im Gleichschritt mit den Importen von verarbeiteten Produkten. Man habe nicht auf Drohungen gewartet, um aktiv zu werden. Der SGPV engagiere sich u. a. politisch mit zwei Motionen, in der Wirtschaftskommission des Ständerates und mit der neuen Deklarationspflicht für die Brotherkunft. «Das Ziel ist, Marktanteile zurückzugewinnen und Importe zu reduzieren», so Perrin. Er ist überzeugt, dass das nur mit einer Branchenlösung gelingen kann.
Die tieferen Richtpreise für Brotgetreide seien ein Kompromiss, dem der Verband nach reiflicher Überlegung zugestimmt habe, um den Produzent(innen) Sicherheit zu geben. «Die Situation ist für den SGPV sehr belastend», schildert der Geschäftsführer. Nicht alle Produzenten beurteilten die Konsequenzen der schwierigen Marktlage gleich. «Die Situation ist komplex. Wir suchen nach Lösungen. Dafür braucht es auch finanzielle Beiträge der Produzenten zur Unterstützung», sagt Perrin.

