«Wir sind direkt vom Tiefpunkt zum Höchstwert gekommen», beschrieb Joseph von Rotz, Leiter Handelsgeschäft bei Fenaco GOF, den Wechsel vom Jahr 2024 zu 2025. Die Rekordernte mit hohen Erträgen und guten Qualitäten fällt allerdings in ein Umfeld mit tiefen internationalen Preisen, zunehmenden Importen und verstärktem Preisdruck im Detailhandel. Das hat Folgen: Die Auszahlungspreise für Getreide der Ernte 2025 an die rund 100 Getreidesammelstellen, die gemeinsam im Maxi-System von Fenaco GOF vermarkten, liegen unter dem Vorjahr.
Keine Chance, vor der nächsten Ernte die Lager zu leeren
«Die strategischen Getreidelager konnten wieder gefüllt werden – mehr als uns lieb ist», fuhr Joseph von Rotz fort. Er informierte am jährlichen Maxi-Event in Solothurn über die Lage. Die grössten Herausforderungen sieht er beim Brotgetreide. Durch zunehmenden Veredelungsverkehr sinkt die Vermahlungsmenge im Inland. Die Preisdifferenz zwischen der höchsten Weizenqualität aus Deutschland und Schweizer TOP-Weizen betrug rund 15 Fr./dt – bei maximalem Grenzschutz. Die einheimische Ware ist so nicht konkurrenzfähig und bleibt in den Lagern liegen.
Das wiederum ist mit hohen Kosten verbunden, die die Auszahlungspreise belasten. «Wir haben in allen Labels Überlagerungsmengen», sagte von Rotz. Bei den Klassen zeigt sich das bekannte Ungleichgewicht mit mehr TOP als für den Markt gewünscht und wenig Klasse I und II. «Wir haben keine Chance, vor der nächsten Ernte alles eingelagerte Getreide zu verkaufen», stellte er klar. Das könne diesen Herbst «Schmerzen bereiten» und werde alle Partner der Wertschöpfungskette fordern, so die Warnung – je nachdem, wie die Ernte 2026 ausfalle.
Bisher sehen die Bestände aber nach guten Erträgen und Qualitäten aus. Darüber würde man sich gerne freuen, aber die gute Brotweizenernte des Vorjahres wirft einen langen Schatten.

Zu wenig Schweizer Futtergetreide – theoretisch
Beim Futtergetreide ist die Situation anders. Wie Samir Mejri, Leiter Handel Getreide und Ölsaaten, aufzeigte, deckt die durchschnittliche Inlandproduktion von Futterweizen gerade mal den Bedarf für zwei Monate (2025 waren es drei). Der Körnermais reicht in normalen Jahren fünf Monate und die Futtergerste für deren acht. Das Potenzial wäre rechnerisch da, wird aber durch die günstige Importkonkurrenz zunichtegemacht. Der Grenzschutz erfolgt zeitverzögert und kann so nicht rechtzeitig auf Schwankungen des Weltmarktes reagieren. Sobald die Preise tief sind, werden grosse Mengen importiert. Allein im April 2025 gelangten in einem solchen Tiefpreisfenster rund 115 000 t Futterweizen über die Grenze.
Nicht zu viel Weizen, aber unvorteilhaftes Verhältnis
Zu den Chancen auf dem Schweizer Markt erinnerte Joseph von Rotz an den generell tiefen Selbstversorgungsgrad: «Er liegt unter 50 Prozent, daran ändert auch die Ernte 2026 nichts.» Ausserdem wachse die Bevölkerung, statistisch gebe es hierzulande pro Tag etwa 220 Konsument(innen) mehr. «Die konsequente Ausrichtung der Produktion am Absatz bietet die beste Gewähr für gute Preise», betonte der Leiter Handelsgeschäft.
Er plädierte für eine Gesamtbetrachtung: Wenn zu viel Brotweizen auf den Markt kommt, muss er – auf Kosten der Produzenten – deklassiert und in den Futterkanal umgelenkt werden. «Wir haben nicht zu viel Weizen», so von Rotz’ Fazit. «Sondern wir haben ein unvorteilhaftes Verhältnis von Brot- und Futterweizen.» Er fände es besser, wenn direkt Futterweizen produziert würde, statt die Lager mit Brotweizen zu füllen. «Das Geld, das wir für die Lager ausgeben müssen, können wir nicht den Landwirten auszahlen», verdeutlichte er. Es sei ein Trugschluss, dass man mit Brotweizen mehr verdienen könne – «national sieht es anders aus».

Soja zu Öl statt Futter verarbeiten
Eine Ausrichtung der Produktion am Absatz bedeutet, neben Futterweizen den Anbau von Ölsaaten auszubauen – vor allem Raps. Die Schlussabrechnungspreise für Raps und Sonnenblumen der Ernte 2025 steigen im System Maxi um 1,5–2 Franken. Beim Soja sei die Branche daran, die Bohnen künftig möglichst ebenfalls zu verpressen, bemerkte Jan Sutter vom Team Handel Lebensmittel-Rohstoffe bei Fenaco GOF. Derzeit sind die Preise für Soja um sieben Franken gesunken, weil die Ware weiterhin in den Futterkanal fliesst. «Im Moment deckt die Inlandproduktion der Ölsaaten das Nachfragepotenzial nicht», fasste Sutter zusammen. Es sei daher wichtig, den Trend abnehmender Anbauflächen umzudrehen.
Was den Anbau in der Praxis stocken lässt
Der Neuenburger Landwirt und Vizepräsident des Schweizerischen Getreideproduzentenverbands (SGPV), Damien Humbert-Droz, erklärte, warum das aus Produzentensicht nicht so einfach ist. «Der Ertrag schwankt beim Raps je nach Jahr stark, zwischen 30 und 40 dt/ha», sagte er. Der Preis für die Ölsaat sei zwar hoch, werde aber durch Schwankungen und die damit verbundene wirtschaftliche Unsicherheit relativiert. Im Feld kommen der Aufwand für häufige Kontrollgänge, je nach Jahr hoher Schädlingsdruck und Sonderbewilligungen als Hemmschwelle für den Pflanzenschutz hinzu. «Dafür hört man kaum von durstigem Raps», ergänzte Humbert-Droz und wies damit auf die Toleranz des Rapses gegenüber Sommertrockenheit hin, wenn das Getreide in der heiklen Phase der Kornfüllung ist.
Am Markt ist Schweizer Raps zwar gefragt. Da Pflanzenöle aber je nach Verwendung – etwa für verarbeitete Produkte oder in der Gastronomie – austauschbar sind, müsse die Importkonkurrenz gerade auch im Zusammenhang mit Freihandelsabkommen im Auge behalten werden. Für die Zukunft wünscht sich der Neuenburger eine bessere Sortenauswahl. «Bisher bietet mir die Wissenschaft wenig Lösungen im Feld», merkte er an. Angesichts des erhöhten Einzelkulturbeitrags für Zuckerrüben plädierte er für eine gesunde Konkurrenz unter den Ackerkulturen.
Mit der AP 30+ funktionierende Kulturen stützen
Diese Konkurrenz gelte es in der AP 30+ besser auszutarieren, fand Urs Reinhard, Präsident von Swissolio. Seine Genossenschaft vereint die drei Ölmühlen in der Schweiz sowie die Hersteller von Margarine und Backfett. Mit dem im Rahmen der AP 30+ geplanten Ausbau des Ackerbaus für die direkte menschliche Ernährung sei er zwar «sehr einverstanden». Es gelte aber, sich auf die funktionierenden Kulturen, statt auf Nischenförderung zu konzentrieren. «Die Industrie glaubt an einen langfristigen Ölsaatenanbau mit steigenden Anbaumengen in der Schweiz – Presskapazität wurde schon geschaffen», stellte Reinhard klar.
Sonnenblumen sind kein Ersatz für Raps, findet Swissolio
Für Swissolio ist die Zunahme des Sonnenblumenanbaus zwar erfreulich, aber kein Ersatz für Raps. «Eine minimale Eigenversorgung hat ihren Preis», sagte Urs Reinhard. «Sowohl in Geld als auch bezüglich möglicher Effekte auf die Umwelt.» Offenbar sei bisher nicht transparent genug kommuniziert worden, dass es ohne Pflanzenschutz keinen Schweizer Raps mehr gäbe und das Problem ins Ausland verlagert würde. Reinhard erkennt an, dass Landwirte am liebsten via gute Preise für ihre Ware bezahlt werden als über Direktzahlungen und Prämien. «Aber wenn es so grosse Ertragsschwankungen gibt, ist eine solche Versicherung im Zweifelsfall sinnvoll», findet er.
«Ich will keinen Zweifelsfall – ich mache alles, damit es gut kommt», entgegnete Bernhard Jenzer in der Podiumsdiskussion, die sich in Solothurn an die Präsentationen anschloss. Der Rapsproduzent aus Bützberg BE verbringt viel Zeit damit, seinen Raps zu kontrollieren, um im richtigen Moment reagieren zu können.

«Vielleicht müsste man doch offener sein»
«Die Pflanzenzüchtung gegen Insekten ist schwierig», meldete sich Karl-Heinz Camp von der Delley Samen und Pflanzen AG aus dem Publikum. Wenn, dann liesse sich in dieser Richtung am ehesten etwas mit neuen Züchtungstechnologien (NZT) erreichen. Da sei aber die Akzeptanz in der Bevölkerung fraglich. Und gegen den «Megatrend» weg von giftigen Pflanzenschutzmitteln könne man nicht ankämpfen. «Vielleicht müsste man schon noch offener sein für Kulturen, die weniger Insektizide brauchen», fand Camp und wandte sich damit an den Swissolio-Präsidenten.
Suche nach Lösungen mit einer Strategiegruppe
«Grundsätzlich ist es schon so», stimmte Urs Reinhard Campers Einwand zu Pflanzenschutzmitteln zu. Langfristig würden aber mehr Ackerkulturen Probleme bekommen und es gelte, die Auslagerung der Produktion zu verhindern. «Die Industrie ist sehr offen für NZT», ergänzte er. Um den Rapsanbau zu fördern, plant Swissolio eine Strategierunde. Dies mit dem Ziel, zuerst innerhalb der Industrie und danach, im zweiten Quartal 2026, zusammen mit dem Rest der Branche Lösungen zu finden. NZT wären darin auch eine Überlegung.
Raps ist für Urs Reinhard alternativlos, die Nachfrage sei gegeben und die Industrie parat für eine um 20 Prozent gesteigerte Anbaufläche. «Daher muss ich dabeibleiben, so abstrus es gerade klingen mag», meinte er abschliessend zu Camps Einwänden.
Bio-Brotweizen bleibt gesucht
Der Biomarkt kämpft nach der Ernte 2025 mit den grossen Mengen Schweizer Futtergetreide aus einheimischer Produktion. Um den Markt und die Mischfutterpreise nicht weiter zu belasten, hat man sich auf die Überlagerung von 1500 t Mais geeinigt. Der Inlandanteil von Bio-Mahlweizen lag 2025 bei 76 Prozent – 72 Prozent über dem Vorjahreswert. «Das ist schwierig, weil die Lager noch voll waren mit Importweizen von 2024», erklärte Julia Schaad, Ressortleiterin Bio. Trotzdem bleibt Bio-Brotweizen gesucht, ebenso Speisehafer (Vertragsanbau) und Futtersoja. Hingegen streicht die Fenaco ab der Ernte 2026 Bio-Speisehafer aus dem Vertragsanbau.
Gesamtschau zu Grenzschutz beim Getreide
Die Wirtschaftskommission des Ständerats (WAK-S) hat eine breite Anhörung in Sachen Grenzschutz durchgeführt. Gemäss Mitteilung waren der Schweizerische Getreideproduzentenverband (SGPV), der Dachverband Schweizer Müller, die Schweizer Bäcker-Confiseure, Biscosuisse, die Swiss Retail Federation und Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger beteiligt. Die WAK-S erkenne den enormen ausländischen Wettbewerb an, dem der heimische Sektor auf allen Stufen der Produktions- und Wertschöpfungskette ausgesetzt sei. Aufgrund der Verflechtung mit der EU hält sie einen effektiven Schutz der inländischen Produktion aber für komplex. Daher hat die WAK-S die Verwaltung mit einer Gesamtschau zu realistischen Grenzschutzmassnahmen und Unterstützungsmöglichkeiten (z. B. Deklarationspflicht) beauftragt.

