Kurz & bündig
- Der niedrige Wasserstand des Rheins erschwert die Versorgung der Schweiz mit Diesel und verteuert den Transport.
- Der Ausfall von Cressier NE hat das Schweizer Dieselangebot zusätzlich verknappt.
- Eine hofeigene Tankstelle lohnt sich, um Preisschwankungen abzufedern und von Mengenrabatten zu profitieren.
Der Frankenzähler an der Zapfsäule zählt mehr als doppelt so schnell wie die Literanzeige. Die Dieselpreise sind so hoch wie noch nie. Je nach Region liegen die Preise Ende September über 2.50 Franken pro Liter an der Tankstelle. Rolf Lehner, Leiter Beschaffung und Logistik sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei Agrola, erklärt die Gründe für die aktuell hohen Dieselpreise ‒ diese sind vielschichtig.
Zum einen haben die aktuellen Konflikte in der Nahost-Region sowie zwischen der Ukraine und Russland einen grossen Einfluss auf den Dieselpreis. In der Nahost-Region beeinflusst die Situation um die Strasse von Hormus und die umkämpfte Meerenge Bab al-Mandab den Preis durch den erschwerten Transport von Ware. Zum anderen beeinträchtigen auch Angriffe auf Raffinerien und Pipelines die Rohölexporte.
Für die Schweiz kommt ein weiterer Faktor hinzu. «Der niedrige Wasserstand des Rheins schränkt seit Monaten die Lieferung über Europas wichtigste Wasserstrasse ein, da die Schiffe nicht voll beladen werden können oder den Hafen in Basel gar nicht erreichen», erklärt Rolf Lehner. Da Diesel grösstenteils per Schiff über den Rhein in die Schweiz gelangt, steigen dadurch die Transportkosten. Weitere Mengen kommen per LKW, über eine Pipeline bei Genf oder per Bahn.
Zusätzlich fiel die Schweizer Raffinerie in Cressier NE wegen eines technischen Defekts mehrere Tage aus, weshalb der Bezug aus dem Inland ebenfalls beschränkt war. Sie deckt gut 30 Prozent des Schweizer Bedarfs an Erdölprodukten ab. Die restliche Ware wird als fertiges Produkt importiert.
Verschärft wurde die Preissituation zudem, weil viele Raffinerien wegen einer drohenden Kerosinknappheit seit dem Frühsommer 2026 vermehrt Flugzeugtreibstoff anstelle von Diesel produzierten, was die Dieselverfügbarkeit zusätzlich verringerte.
Rohöl, Dollar und Steuern bestimmen den Preis
Der Dieselpreis setzt sich vor allem aus dem Rohölpreis, den Kosten für Raffinieren und Transport, der Tankstellen- oder Handelsmarge und der Mehrwert- und Mineralölsteuer zusammen. Eine zentrale Rolle für die Preisentwicklung spielt der Rohölpreis, der an den internationalen Börsen gehandelt wird. Politische Konflikte oder Veränderungen bei Angebot und Nachfrage können deshalb über den Rohölmarkt bis zur Zapfsäule durchschlagen. Hinzu kommt der Wechselkurs. Da Rohöl in US-Dollar gehandelt wird, beeinflusst auch der Dollarkurs den Preis in der Schweiz.
Diesel und Heizöl sind eng miteinander verbunden. Beide entstehen in der Raffinerie aus ähnlichen Mitteldestillat-Fraktionen. Entsprechend entwickeln sich ihre Preise häufig ähnlich. Beim Diesel fallen jedoch höhere Mineralölsteuern an.
Steigende Energiepreise wirken sich auch auf andere Betriebsmittel aus. Beim Dünger ist allerdings nicht der Dieselpreis der entscheidende Energiefaktor, sondern vor allem der Erdgaspreis. Auch bei Düngerrohstoffen spielen die Entwicklungen in Russland und im Nahen Osten eine wichtige Rolle. Fallen diese Regionen als Bezugsquellen teilweise aus, kann sich das Angebot verknappen und die Preise steigen. «Auch bei Ad Blue sind Preisanstiege zu beobachten», sagt Lehner.
Hofeigene Tankstelle lohnt sich
«Eine zuverlässige Preisprognose für die kommenden Monate ist schwierig», erklärt Rolf Lehner. Die weltpolitische Lage bleibt unberechenbar. Solange die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten andauern würden, müsse mit einem erhöhten Preisniveau bei Treibstoffen gerechnet werden. Die Raffinerie Cressier ist zwar wieder in Betrieb, doch der tiefe Rheinpegel belastet die Versorgung weiterhin.
Für Landwirte kann sich eine hofeigene Tankstelle lohnen. So können sie Diesel dank Mengenrabatt günstiger einkaufen als an der Zapfsäule. Einen idealen Einkaufszeitpunkt gibt es laut Rolf Lehner nicht. Eine mögliche Strategie ist, mehrmals pro Jahr Diesel zu bestellen. So bezieht man den Treibstoff jeweils zu unterschiedlichen Preisen und Konditionen und erhält über das Jahr hinweg einen Durchschnittspreis. Dieser kann unter Umständen tiefer ausfallen als bei einer einmaligen Grossbestellung zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Der beste Zeitpunkt ist schwer vorhersehbar. Normaler Diesel lässt sich grundsätzlich über mehrere Jahre lagern, weshalb grössere Mengen eingekauft werden können. Bei Diesel mit Biodieselanteilen ist jedoch eine kürzere Lagerdauer beziehungsweise ein häufigerer Umschlag empfehlenswert.
Trotz hoher Dieselpreise dürfen Landwirte nicht höhere Beträge für die Rückerstattung der Mineralölsteuer erwarten. Denn es handelt sich gemäss dem Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit um gesetzlich festgelegte Ansätze pro Liter, die sich nicht den aktuellen Tankstellenpreisen anpassen.
Die Rückerstattung erfolgt auf der Treibstoffmenge, die unter durchschnittlichen Bedingungen pro Flächeneinheit und Kulturart normalerweise verbraucht wird. Der Rückerstattungssatz beträgt 59.24 Rappen pro Liter Benzin und 60.05 Rappen pro Liter Diesel. Hohe Dieselpreise im Jahr 2026 führen daher nicht zu einer höheren Rückerstattung im Jahr 2027.
Blick über die Grenze
Im globalen Vergleich der Dieselpreise liegt die Schweiz auf Platz sechs, kurz nach Norwegen, Dänemark, Liechtenstein und Malawi. Die weltweit und mit Abstand höchsten Dieselpreise verzeichnet China mit über 4 Franken pro Liter. Gründe dafür sind zum einen die extrem hohen Grundstückskosten für Tankstellenplätze, zum anderen fehlende Raffinerien. Des Weiteren werden hohe Treibstoffpreise überproportional an die Verbraucher weitergegeben, aufgrund intransparenter Marktsituation.
Die mit Abstand günstigsten Dieselpreise hat Venezuela mit 0,3 Rappen pro Liter. Das Land verfügt über die weltweit grössten Erdölreserven. Zudem werden die Treibstoffpreise staatlich sehr stark subventioniert.

