Seit dem 1. Juni 2025 ist Olivier Isler Direktor der Sortenorganisation Le Gruyère (Interprofession du Gruyère, IPG/AOP). Er übernahm die Nachfolge von Philippe Bardet. Nach gut einem Jahr wollte die BauernZeitung von Olivier Isler wissen, wie er das erste Jahr gemeistert hat und welche Herausforderungen für den Gruyère-Käse und die gesamte Milchbranche bestehen.
Sie sind seit einem Jahr Direktor der Sortenorganisation Le Gruyère. Wie ist Ihr Fazit?
Olivier Isler: Eine relativ erfreuliche Bilanz in einem schwierigen Umfeld. Die grössten Herausforderungen bestanden darin, die sozioökonomischen Turbulenzen zu bewältigen, die wir derzeit durchleben. Die von den USA ab April 2025 eingeführten Zölle hatten erhebliche Auswirkungen auf den Geschäftsverlauf. Sie erforderten eine Anpassung der Werbemassnahmen und der Produktionsmengen. Die schliesslich im Jahr 2025 abgesetzten Mengen hielten sich jedoch besser, als zu befürchten war.
Was sind Ihre Ziele mit der Sortenorganisation?
Unsere Ziele bestehen darin, den Gruyère AOP weltweit nachhaltig bekannt zu machen, unter Wahrung seiner Verbindung zum Terroir (Zusammenspiel), seines handwerklichen Know-hows und seiner Ursprungsbezeichnung, indem eine einwandfreie Qualität sowie eine starke, gerechte und nachhaltige Wertschöpfungskette für künftige Generationen gewährleistet werden.
Sind Sie mit dem aktuellen Marktverlauf von Le Gruyère AOP zufrieden?
Von Januar bis April war der Absatz vergleichbar mit dem Vorjahr. Angesichts der geopolitischen Situation kann dieses Ergebnis als zufriedenstellend beurteilt werden.
Wo bestehen aktuell die grössten Herausforderungen?
Die grössten Herausforderungen, denen wir kurzfristig gegenüberstehen, hängen mit der Marktentwicklung in einem instabilen geopolitischen Umfeld, der Aufwertung des Schweizer Frankens und der Überproduktion von Milch zusammen, die die Preise für Milchprodukte belastet.
Mittelfristig besteht die Herausforderung darin, die Attraktivität der Gruyère-AOP-Branche im Vergleich zu anderen Produktionsformen aufrechtzuerhalten. Zudem gilt es, die mit dem Klimawandel verbundenen Probleme sowohl aus Sicht der Produktion als auch des Konsums zu lösen.
Letztes Jahr hatten die Gruyère-Produzenten noch 5 % Einschränkungsmilch. Wie sieht es aktuell mit der Einschränkungsmilch aus und welche Prognosen stellen Sie hier?
Die Einschränkung liegt derzeit bei 3 % für den traditionellen Gruyère AOP. Wir sollten dieses Produktionsniveau beibehalten können, sofern die Absatzziele eingehalten werden.
Wie wirkten sich die erhöhten Einfuhrzölle für den amerikanischen Markt auf den Gruyère aus?
Die Exportmengen in die USA sind im Jahr 2025 im Vergleich zu 2024 um 17 % zurückgegangen. Unser Ziel für das Jahr 2026 ist es, einen Teil der in den USA verlorenen Mengen wieder zurückzugewinnen. Vorausgesetzt, die geltenden Zölle bleiben tragbar.
Ist man hier mit den Abnehmern und Händlern in Amerika im Gespräch?
Die Interprofession du Gruyère und die Handelsfirmen stehen in regelmässigem Kontakt mit den amerikanischen Abnehmern. Die Fancy Food Show, die Ende Juni in New York stattfinden wird, bietet den verschiedenen Akteuren des Käsemarktes die Gelegenheit, sich zu treffen.
Ziel ist es, die Listungen unter den derzeitigen Umständen aufrechtzuerhalten und diesen Markt weiter auszubauen, der bei stabilen Rahmenbedingungen weiterhin gute Perspektiven bietet.
Wie läuft insgesamt das Exportgeschäft? Bei welchen Ländern läuft es gut, bei welchen weniger, und wo bestehen hier die Herausforderungen?
Die Exporte stiegen von Januar bis April 2026 gegenüber 2025 sowohl auf den Märkten in Europa als auch in andere Länder um rund 3 %. Es gilt, diesen Trend vor dem Hintergrund geopolitischer Instabilität aufrechtzuerhalten, die sich negativ auf Wechselkurse, Kaufkraft und Marktzugang auswirkt.
Wertmässig wird mehr Käse importiert als exportiert. Warum produziert man in der Schweiz nicht den Käse, wie zum Beispiel vermehrt Weichkäse, den die Konsumenten wollen?
Die Handelsbilanz für Schweizer Käse bleibt laut Angaben der Switzerland Cheese Marketing AG sowohl mengen- als auch preislich positiv. Die Entwicklung der Importe und Exporte wird stark von Produkten mit geringer Wertschöpfung beeinflusst, die zum Grossteil in der Industrie und im Gastgewerbe verwendet werden. Also in Bereichen, die mit Gruyère AOP wenig zu tun haben.
Läuft es auf dem Käsemarkt gut, spüren dies auch die Produzenten, die Industriemilch abliefern. Doch seit Herbst 2025 wird zu viel Milch eingeliefert. Warum sind die Gruyère-Produzenten nicht mitschuldig an dieser Misere?
Unser Grundsatz lautet, keine Überschussmilch zu produzieren. Im Jahr 2025 stieg die Gruyère-Produktion im Vergleich zu 2024 um rund 500 Tonnen. Daraus kann abgeleitet werden, dass die Gruyère-Branche nur marginal zur Überlastung des Industriesektors beigetragen hat.
Welche Prognosen stellen Sie in Zukunft für den Schweizer Milchmarkt?
Die Zukunft des schweizerischen Milchmarkts wird von der Fähigkeit der Schweizer Milchwirtschaft abhängen, sich der Nachfrage anzupassen. Die Schweiz ist als Weideland prädestiniert für die Milchproduktion. Sie verfügt über hochqualitative Produkte mit höherer Wertschöpfung. Es ist aber wichtig, dass die Schweizer Milchproduktion ein wirtschaftlich attraktiver Sektor bleibt und gefördert wird.
Einerseits durch ein Direktzahlungssystem, das der Arbeitsintensität besser Rechnung trägt, andererseits durch eine Erhöhung der Verkäsungszulage. Unter diesen Voraussetzungen bleibt die Zukunft der schweizerischen Milch- und Käsewirtschaft gut.