Hoftötung, Weideschlachtung – das sind heute bekannte Begriffe. Doch Hof- und Weidetötung gibt es bisher nur für Schlachtvieh und nicht für Federvieh – bis jetzt zumindest. Denn Thomas Leppkes und Natalie Cavelti aus Cunter im Kanton Graubünden haben während vier Jahren am Projekt «Mobile Geflügelschlachtanlage» gearbeitet und alle Hindernisse auf dem langen Weg in Angriff genommen und bewältigt. Nun steht der lange Anhänger in Cunter und die Bewilligung für das Pilotprojekt liegt auf dem Tisch.
Die Vision: selbst zu schlachten
Jährlich werden zirka 1,5 Millionen Hühner und Mastpoulets in speziellen Schlachtanlagen in der Schweiz geschlachtet. Sie werden in Käfigen zur Endstation ihres kurzen Lebens transportiert. «Eier sind beliebt bei den Konsumenten, doch dass das Leben eines eierlegenden Huhns sehr kurz ist, wissen die wenigsten. Dass diese Hühner dann vergast und in Biogasanlagen verschwinden, damit daraus Strom produziert wird, wissen wohl noch weniger», erzählt Thomas Leppkes.
Es seien Tiere, die es nach der Nutzung verdient hätten, nicht entsorgt, sondern zu menschlicher Nahrung verarbeitet zu werden. Ein Thema, das den gelernten Metzger Thomas Leppkes schon lange beschäftigte.
Thomas Leppkes (42) machte nach der obligatorischen Schulzeit in der Region Niederrhein im Deutschen Nordrhein-Westfalen die Lehre als Metzger in einer kleinen Landmetzgerei. Danach arbeitete er beim grössten Fleischproduzenten Europas, wo pro Tag 20'000 Schweine geschlachtet wurden. Das war nicht seine Welt und so schaute er sich weiter um und kam zur Metzgerei Peduzzi in Savognin. Hier arbeitete er fast drei Jahre, dann wollte er sich wieder neu orientieren. Selbst Tiere halten, sie dann selbst zu schlachten und eigene Produkte herzustellen – das war seine Vision.
Hilfe erhielten sie vom Pionier der Hof- und Weidetötung Eric Meili
Hartnäckig ging er seinen Weg und konnte sich eine kleine Landwirtschaft aufbauen mit rund 300 Kleintieren aus Kaninchen, Legehühnern, Wachteln, Gänsen, Zwergziegen und Wollschweinen. Das Geflügel hätte er auswärts schlachten lassen und dann einen Verarbeitungsraum einrichten oder mieten müssen – doch die Kosten waren zu hoch und da kam Thomas Leppkes die Idee der mobilen Geflügelschlachtanlage.
«Wir wollen helfen, die Weiternutzung der Legehennen voranzubringen.»
Thomas Leppkes, Metzger und Entwickler der mobilen Geflügelschlachtanlage.
Thomas Leppkes begann, selbst eine Anlage zu zeichnen, setzte sich mit Eric Meili, «Vater» der Hof- und Weidetötung, in Verbindung. Eric Meili verwies Thomas Leppkes an Matthias Mayr aus Österreich, der bereits für den EU-Raum mobile Schlachtanlagen baute. Matthias Mayr wäre gerne mit seinen Produkten auf den Schweizer Markt gestossen, doch es war zu schwierig. Da kam ihm die Anfrage von Thomas Leppkes wie gewünscht – es gab eine Zusammenarbeit.
Projekt weckte grosses Interesse und zog Investoren heran
Natalie Cavelti (38), Thomas Partnerin, ist in Lantsch/Lenz und Maienfeld aufgewachsen, begann nach der Schulzeit als erste Jugendliche im Kanton Graubünden bei der Metzgerei Fritz Schiesser in Chur die Lehre «Fleischveredelung». Auch ihr Weg führte sie nach der Lehre nach Savognin zur Metzgerei Peduzzi. Nach einem Zwischenjahr im Service arbeitete sie bei der Metzgerei Spiess in Lenzerheide, wo sie noch heute 100 Prozent angestellt ist.
Thomas Leppkes und Natalie Cavelti konnten im Februar 2020 an der «Tier und Technik» im Rahmen «Mut tut gut» auftreten und ihr Projekt der mobilen Geflügelschlachtanlage vorstellen. Das Interesse sei gross gewesen, so Thomas Leppkes, doch dann kam der Dämpfer: Corona und Stillstand.
Während mehr als einem Jahr versuchten sie, Investoren zu finden, erfolglos. Per Zufall lernten sie jemanden kennen, den die Idee sehr interessierte, er forderte die Dokumentation an, zeigte sie Kollegen, alle liessen sich von der Idee begeistern und stiegen ein. Endlich stand die Finanzierung – für Thomas Leppkes und Natalie Cavelti eine grosse Erleichterung, doch wie viel Bürokratie bewältigt werden musste, bis sie endlich die Bewilligung für das Pilotprojekt bekommen würden, ahnten sie noch nicht.

Pilotprojekt bis Mitte 2023 genehmigt
Dank der Investoren konnte ein passendes Zugfahrzeug angeschafft werden, Matthias Mayr baute den sechs Meter langen Anhänger mit der mobilen Schlachterei, einer EU-Hygiene-Schleuse, Kühlraum und einem separaten hygienischen Bereich, wo das Geflügel ausgeweidet wird. Es mussten noch einige Anpassungen gemacht werden, damit der Anhänger auch wirklich von der Motorfahrzeugkontrolle abgenommen werden konnte, doch nun ist alles bereit.
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Die Bewilligung für das Pilotprojekt erhielten beide Mitte August. «Sie ist zunächst befristet bis zum 31. Juni 2023. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen möchte erst schauen, wie die mobile Geflügelschlachtanlage ankommt, ob sie überhaupt benötigt wird und ob die Fleischkontrolle funktioniert.» Denn auch hier müsse jede Schlachtung gemeldet werden, erläutert Leppkes.
Bereits einzelne Aufträge an Land gezogen
Insgesamt habe das Paar 150'000 Franken in ihr Projekt fliessen lassen. Für die Zukunft wünscht sich Thomas Leppkes, in ein bis zwei weitere Anhänger zu investieren und Aufträge in der gesamten Schweiz zu erhalten. Bisher habe er einzelne Aufträge bereits annehmen können, dazu gehöre ein Betrieb mit 300 Legehennen in Graubünden, die in einem Mobilstall gehalten werden. «Wir wollen helfen, die Direktvermarktung sowie die Weiternutzung der Legehennen voranzubringen, darin sehe ich die Zukunft», sagt Thomas Leppkes überzeugt. «Unser Firmenmotto heisst nicht ohne Grund ‹Das macht Sinn!›.»
Wenn jemand Geflügel schlachten möchte, könne er sich bei Thomas Leppkes melden (www.schlachtmobil.ch) und einen Termin abmachen, so der Metzger. Thomas Leppkes und Natalie Cavelti kommen mit dem Zugfahrzeug und Anhänger auf dem Hof und bauen die Schlachtanlage auf. Es braucht einen Wasser- und Stromanschluss und die Möglichkeit, das Abwasser in die Güllegrube oder Kanalisation zu leiten, so Leppkes.
Das Geflügel wird mit Strom betäubt, aufgehängt, mit einem Kehlschnitt getötet, gerupft, gewaschen und geht durch die Schleuse in den hygienischen Bereich, wo es ausgenommen wird. Danach gelangt es in den Kühlraum.
Bis zu 300 Tiere pro Tag dürfen geschlachtet werden
Die Tiere müssten nicht mehr quer durch die Schweiz transportiert werden, sondern nur noch vom Stall zum Anhänger, so Thomas Leppkes. Die weitere Verarbeitung zu Pouletbrüsten, Geflügelwürsten, Fleischkäse, Schenkelsteak oder Suppenhühner müsse allerdings mit einem lokalen Metzger organisiert werden. Geflügelhalter könnten so sicherstellen, dass ihre Tiere lokal aufwachsen und gehalten werden, dass sie ohne Transport schonend geschlachtet und zu Spezialitäten verarbeitet werden. Das Entsorgen von Nahrungsmitteln wird verhindert und somit auch Food Waste.
Zur Zeit dürfen bis zu 300 Tiere pro Tag geschlachtet werden. Für das Pilotprojekt wird alles fein säuberlich festgehalten und dokumentiert, nach der definitiven Bewilligung für die ganze Schweiz können auch mehr Tiere pro Tag geschlachtet werden, so Thomas Leppkes.




