«Am Anfang hat es nur mässig funktioniert», sagt Cindy Vermeille auf die Frage, wie sie die Sozialen Medien für die Direktvermarktung nutzen. Sie und ihr Mann Jérémy betreiben einen Biolandwirtschaftsbetrieb im Bémont, Kanton Jura. Zum Angebot gehören Eier, Rindfleisch, Wurstwaren und Butter.
Das Paar hat den Betrieb 2012 von Jérémys Eltern übernommen. Drei Jahre später eröffneten Sie einen Hofladen. Seit 2018 arbeitet Cindy Vermeille auf dem Betrieb mit und begann damit, dass Hof-Angebot auf Facebook vorzustellen.
Lohnende Investition
Als das Ergebnis bescheiden ausfiel, entschied sie sich, in bezahlte Facebook-Werbung zu investieren – für zwei Franken. Die Aktion brachte das Geschäft zum Laufen. Es kamen sogar so viele Kunden, dass die Waren an einzelnen Tagen knapp wurden.
Doch ein punktuelles Engagement reicht nicht, wenn man Kunden via Facebook bei der Stange halten möchte. «Man muss sich immer wieder in Erinnerung bringen und Interaktion betreiben», erklärt Cindy Vermeille. In der Zwischenzeit haben sie und ihr Mann ein Umsatz-Niveau erreicht, das zu ihrem Betrieb passt.
Lernen durch Handeln
Zwischenzeitlich weiss die zweifache Mutter, was bei Facebook-Posts funktioniert und was nicht. Sie nimmt sich jeden Tag die Zeit, auf Kommentare zu antworten oder zumindest ein «Gefällt mir» zu hinterlassen, wenn es für mehr nicht reicht «Es ist wichtig, den Kunden zu zeigen, dass wir uns die Zeit nehmen, alle Kommentare zu lesen. Es geht nicht nur ums Veröffentlichen, die Kommunikation muss in beide Richtungen gehen.»
In der ersten Zeit reagiert die 26-Jährige jeweils sofort auf jeden Kommentar. Doch das wurde ihr zu viel. Heute erhalten Kund(innen), die ihr via Facebook eine Nachricht schreiben, eine automatische Benachrichtigung, dass Cindy Vermeille jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr für Fragen zur Verfügung steht.
Auch mal nichts posten
Die 26-Jährige plädiert dafür, eine Vielzahl von Inhalten zu posten – aber nur, wenn man auch wirklich etwas zu sagen hat. Es gibt keinen Grund für eine wilde Aneinanderreihung von Beiträgen, nur damit man etwas gepostet habe. Die Besucher(innen) würden durch zu viel Aktivität ohne Inhalt nur gelangweilt. «Ich poste in unregelmässigen Abständen, manchmal wöchentlich, dann wieder einen Monat lang gar nichts.»
Die Kunden einbeziehen
Auf Facebook erzählt sie vom Alltag auf dem Hof, von den Tieren, der Arbeit und über die Produkte. Die User(innen) dürfen auch regelmäßig Namen für die frisch geborenen Kälber vorschlagen. Es kommen jeweils bis zu 60 Vorschläge. Der Gewinner, die Gewinnerin, kann das Kalb besuchen und bekommt einen Sack Mehl oder eine Wurst. Cindy Vermeille schickt den Gewinnern auch regelmäßig ein Foto von «ihrem» Tier.
«Auf diese Weise schaffen wir Verbindungen, bringen unseren Kunden die Welt der Landwirtschaft näher und sorgen dafür, dass sie gerne wiederkommen.» Manchmal seien es auch die Kinder, die «das Kalb noch einmal sehen wollen». Für einen Facebook-Beitrag benötigt die Bäuerin etwa 15 Minuten Zeit, für die Interaktion mit den Besucher(innen) braucht sie aber oft mehrere Stunden.
Sorgfalt bei der Wortwahl
Cindy Vermeille lernte auch, was bei den Kund(innen) nicht gut ankam: Etwa die Bezeichnung «Baby-Beef». Als negative Reaktionen kamen, erklärte die Bauernfamilie den Kund(innen), dass schlachtreife Rinder bereits 14 Monate alt sind – und änderte die Bezeichnung in «junges Weide-Rindfleisch». Heute funktioniert die Facebook-Seite so gut, dass Cindy Vermeille jeweils zuerst den Shop vorbereitet, bevor sie einen Post veröffentlicht. Denn die Kund(innen) stehen oft schon wenig später im Laden, einige kommen gar aus dem Kanton Waadt. Die 27 positiven Bewertungen auf der Seite helfen vor allem, um neue Kundschaft anzusprechen.
Cindy Vermeille geniesst den Kontakt mit den Konsument(innen) via Facebook. Die Seite hat heute rund 1400 Abonnenten. «Auch wenn es Zeit braucht, auf this Weise können wir Wissen über die Landwirtschaft vermitteln, statt einfach nur abgepacktes Fleisch zu verkaufen». Nun plant das Bauernpaar, einen Tag der offenen Tür zu veranstalten, vielleicht im Herbst. Den genauen Termin werden sie, wie üblich, via Facebook posten.
Das sagen Konsumentinnen zur Social Media Strategie des Hofs

Wie kommt die Direktvermarktung der Familie Vermeille bei den Konsument(innen) an? «Es gibt eine Geschichte hinter ihren Produkten, es gibt Beständigkeit, Transparenz und Ethik», begründet Kundin Emilie Rauch aus La Chaux-de-Fonds, warum sie auf der Evrasse-Farm einkauft. Sie hatten vor Jahren eine Facebook-Gruppe gegründet, die sich für Zero Waste engagiert und für kostengünstige und gesunde Ernährung. Auf der Suche nach Orten, an denen man direkt einkaufen konnte, stiess sie auf die Facebook-Einträge der Evrasse-Farm. «Sehr schnell kamen wir mit Cindy Vermeille über Nitritsalz ins Gespräch und sie hören uns mit Offenheit und Menschlichkeit zu. Außerdem biete sie Führungen auf dem Hof an, damit man sich alles in der Realität ansehen kann.»

«Wann immer ich etwas brauche, hinterlasse ich eine Nachricht und Cindy antwortet mir sehr schnell», sagt Kundin Virginie Bannier aus Sonvilier. «Ihre Produkte sind von sehr guter Qualität, lokal und ihre Geschichte berührt uns. Man merkt, dass das junge Bauernpaar motiviert ist und seine Arbeit liebt.» Daher kaufe sie gern auf dem Hof ein, auch weil es so unkompliziert sei: Bestellung aufgeben, mit Twint bezahlen und abholen.
Noch keine Zahlen zu Social Media Aktivitäten
«Wir haben noch keine Zahlen darüber, wie viele Produzent(innen) in sozialen Netzwerken aktiv sind und wie viel über diese Kanäle verkauft wird», Olivier Lapaire von der Fondation Rurale Interjurassienne. Die private Stiftung bildet zwei lokale Landwirte, Bäuerinnen sowie Fachleute für die Hauswirtschaft aus, berät und realisiert rund 100 Projekte pro Jahr. Derzeit werde ein Projekt im Rahmen des Bundesgesetzes zur Regionalpolitik entwickelt, dessen Ziel ist, im Jura die Kommunikation mit den Konsumenten zu stärken. Den Betrieben soll Support und eine Toolbox zur Verfügung gestellt werden. «Damit sterben Produzenten zeigen can, wer hinter den Produkten steht.»

