Die Wetterlage im Moment scheint denkbar unspektakulär. Die Schweiz liegt seit über einer Woche unter Hochdruckeinfluss, allfällige Frontalzonen und Störungen werden weit abgelenkt oder erreichen den Alpenraum nur stark abgeschwächt. Die Luftmasse, die meist aus dem Sektor Nordost stammt, weist oft nur einen geringen Feuchtigkeitsgehalt auf. Dennoch bietet auch diese blockierte und etwas eintönige Wetterlage immer wieder spannende Phänomene zum Beobachten. Ein typisches derartiges Wetterphänomen ist zu sehen, wenn kalte Luft über das Gelände fliesst und sich dabei fast wie Wasser verhält.
Seen aus Kaltluft
Kalte Luft ist schwerer als wärmere Luft. Überall, wo sich Luft abkühlt, fliesst sie nach unten und sammelt sich am Boden. Dies führt zu einem sogenannten Kaltluftabfluss, der besonders an Bergflanken und in Bergtälern als Hangabwind oder Bergwind zu spüren ist. In Mulden und Senken verliert der Kaltluftabfluss an Geschwindigkeit, die Kaltluft sammelt sich an und es bilden sich Kaltluftseen. Bekannte Kaltluftseen finden sich beispielsweise bei La Brevine im Neuenburger Jura oder im Oberengadin, wo im Winter jeweils die kältesten Temperaturen gemessen werden.
Kaltluftsee im Mittelland
Einen weiteren, deutlich grösseren Kaltluftsee stellt das Schweizer Mittelland dar. Zwischen dem Jura und dem Alpenbogen formt die Topografie mit dem Mittelland eine grosse Senke, die man sich wie eine Badewanne vorstellen kann. Die Badewanne hat zwar etwas ungleich hohe Seitenwände, dennoch kann sich hier viel Kaltluft ansammeln.
Der Kaltluftsee im Schweizer Mittelland sticht zwar weniger wegen sehr tiefer Temperaturen hervor, dafür sammelt sich viel Feuchtigkeit an, die zur Bildung von Dunst und Nebel führt.Durch diese Feuchtigkeit wird der Kaltluftsee hartnäckiger und für Menschen in den betroffenen Regionen wird das Wetter unangenehmer, da die Sonneneinstrahlung stark gedämpft und dadurch eine Erwärmung verhindert wird.
Für einen Beobachter hat die Feuchtigkeit jedoch den Vorteil, dass die Luftbewegungen, die im Kaltluftsee stattfinden, viel besser zu sehen sind. Die feuchte, neblige Kaltluft macht sichtbar, dass sich Luft oft sehr ähnlich wie Wasser verhält – es bilden sich Wolkenformationen, die sehr stark an Wasserfälle erinnern.
Die Wanne läuft über
Je nach Wetterlage treten diese Phänomene immer etwa an den ähnlichen Orten auf. Liegt nur sehr seichte Kaltluft im Mittelland, so ist dies meist mit Bodennebel verbunden. Dieser hat oft eine Obergrenze von etwa 600 m ü. M.
Höher hinauf wird aufliegender Bodennebel kaum steigen, denn der Rand der Badewanne im Nordosten, zwischen Aarau und Schaffhausen, hat zwar einige Hügelzüge, die auf etwa 600 m ü. M. reichen, aber nicht höher. Sammelt sich im Mittelland so viel kalte Nebelluft an, dassdie Obergrenze des Kaltluftsees 600 m übersteigt, schwappt er in dieser Gegend über den Rand und es bilden sich beispielsweise im oberen Fricktal oder im Laufental solche Wolken-Wasserfälle.
Wolkenwalze am Jura
Ein etwas anderes Bild zeigt sich, wenn polare oder kontinentale Kaltluft aus dem Sektor Nord oder Ost in die Schweiz hinein fliesst. Diese Luft ist meist noch etwas kälter und damit schwerer als die Luft, die bereits im Mittelland liegt. Die Badewanne schwappt dann nicht gegen aussen hin über, sondern wird von aussen her gefüllt.
Kommt die Kaltluft aus einer Richtung zwischen Nordwest bis Nordost, so formt der Jurabogen das topografische Hindernis, das überflossen wird. Es bildet sich eine – oft mehrere Kilometer breite – Wolkenwalze an der südlichsten Jurakrete, die sich schnell einmal vom Chasseral oder Chasseron bis zum Hauenstein erstrecken kann. Auch diese Wolkenwalze hat starke Ähnlichkeiten mit einem Wasserfall.
Nebel drückt in die Alpen
Kommt die Kaltluft gar aus Osten, so wird der Nebel meist an die Voralpen gedrückt und die Kaltluft schwappt vom Voralpenland über die Passübergänge in Richtung der Alpentäler. Je nachdem, wie hoch die Obergrenze der Kaltluft respektive des Hochnebels liegt, gibt es dann beispielsweise an der Grenze zwischen Voralberg (A) und Rheintal, zwischen dem Entlebuch und dem oberen Emmental oder am Brünigpass solche Wolken-Wasserfälle zu beobachten.
Die nächste Zeit wird es jedenfalls noch einige Gelegenheiten geben, solche Kaltluft-Flüsse und -Wasserfälle zu beobachten. Ein signifikanter Wetterwechsel, bei dem der Westwind den Kaltluftsee in der Schweiz richtig ausräumt und auch wieder mehr Niederschlag bringt, taucht in den aktuellen Modelldaten frühestens in der ersten Februarwoche auf.

