Immer wieder höre ich von Frauen den Satz: «Ich bin nie gut genug!» Bäuerinnen leisten jeden Tag Unglaubliches. Sie helfen auf dem Betrieb, kümmern sich um die Familie und tragen Verantwortung für vieles gleichzeitig. Einige arbeiten zusätzlich auswärts. Damit alles mit dem Hof und der Familie vereinbar bleibt, tun sie dies oft abends, nachts oder am Wochenende.
Trotz all der Herausforderungen, die sie täglich meistern, begleitet viele Frauen das belastende Gefühl, nie wirklich zu genügen. Die Frage «Bin ich gut genug?» setzt sie unter Druck und macht sie unzufrieden. Die Entscheidung darüber, ob sie gut genug sind, überlassen sie häufig den anderen. Sie wollen allen Ansprüchen genügen und verlieren dabei oft sich selbst aus dem Blick.
Der Ursprung der Selbstzweifel
Dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, kennen manche Frauen schon seit ihrer Kindheit. Als Kind haben sie gelernt, es den anderen recht zu machen. Sie haben getan, was andere von ihnen erwartet haben, und bekamen dafür Anerkennung und einen sicheren Platz in der Familie. Wenn das Gefühl in der Vergangenheit entstanden ist, hat es also vielleicht gar nichts mit der jetzigen Hof- und Familiensituation zu tun? Damals hatte dieses Verhalten möglicherweise seine Berechtigung. Heute jedoch dürfen erwachsene Frauen dieses Muster hinterfragen und seine Gültigkeit überprüfen.
Die Meinung von aussen einholen
Hilfreich kann dabei ein Blick von aussen sein. Vielleicht sprechen Sie mit Ihrem Partner oder einer engen Freundin darüber. Wenn Ihnen nahestehende Menschen ehrlich sagen: «Das, was du beiträgst, genügt. Ich schätze dich so, wie du bist, und habe dich lieb», darf der Druck nachlassen.
Erst wenn wir jedoch verstehen, dass wir selbst uns die Antwort auf die Frage, ob wir gut genug sind, geben können, sind wir frei. Denn Freiheit heisst, die Verantwortung zu übernehmen für eigene Gefühle, Wünsche und Träume.

Zur Person
Doris Brönnimann ist Bäuerin und psychosoziale Beraterin SGfB. Den Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Bern übergaben sie und ihr Mann vor einiger Zeit der nächsten Generation. In ihrer Praxis in Köniz BE unterstützt sie Menschen bei persönlichen Schwierigkeiten, Sinnkrisen oder bei zwischenmenschlichen Konflikten. In loser Folge schreibt sie über ihren Beratungsalltag.
Konkrete Tipps für den Alltag
Nun zu Ihnen, die dies im Moment lesen. Vielleicht wollen Sie die Frage «Bin ich gut genug?» ersetzen mit: «Tut es mir gut?» Diese Frage führt Sie zurück zu sich selbst. Sie ist eine Einladung, wahrzunehmen, wie es Ihnen wirklich geht und welche Bedürfnisse Sie haben. Selbstfürsorge und Selbstverantwortung werden wichtig. Denn wer ständig nur für andere sorgt, verliert den Zugang zu den eigenen Wünschen und den persönlichen Grenzen.
Oft fehlt nicht die Leistung, sondern das Wahrgenommenwerden der Person und dessen, was sie täglich tut. Wertschätzung im Alltag verdient Aufmerksamkeit und es gilt, sie zu pflegen – in der Familie und in der Paarbeziehung. Sich selbst auf die Schultern klopfen, wenn etwas geglückt ist, kann man lernen. Wenn es gelingt, ist das wunderbar!
Folgende Fragen sollten Sie sich stellen:
- Was habe ich früher getan, um Energie zu tanken?
- Tut es mir gut und was tut mir gut?
- Was hat mir Freude gemacht?
- Was und welche Aufgaben schenken mir Energie und Kraft?
- Wann und bei wem tanke ich auf?
Die Antworten darauf gilt es herauszufinden. Man findet sie, indem man aufmerksam durch den Alltag geht und plötzlich merkt: «Das hat mir heute gutgetan!»
Sich jetzt ernst nehmen
Vielleicht sind im anspruchsvollen Alltag einige Freundschaften in den Hintergrund geraten. Es kann bereichernd sein, diese wieder aufleben zu lassen und den Austausch sowie die gemeinsame Zeit bewusster zu geniessen. Vielleicht wünschen Sie sich wieder mehr Zeit als Paar. Paarinseln im Alltag einzuplanen hilft, dass man auch im turbulenten Alltag an sie denkt. Häufig sind es kleine Veränderungen, die neue Kraft schenken. Manchmal beginnt alles damit, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Nicht erst dann, wenn alles erledigt ist – sondern jetzt.

