Wenn am frühen Morgen in der Dorfkäserei Ilfis in Langnau BE die ersten Milchlieferungen eintreffen, hat für Jacqueline Habegger bereits ein Arbeitstag begonnen, der weit mehr umfasst als das Käsen allein. Die frisch diplomierte Käsermeisterin trägt Verantwortung für Produktion, Qualitätsmanagement und die Ausbildung der Lernenden. Mit ihrer ruhigen Art, ihrer Fachkompetenz und ihrer Begeisterung für das Käsehandwerk gehört sie zu jener Generation junger Berufsleute, die Tradition und Moderne selbstverständlich miteinander verbinden.
Ein Zufall wurde zum Traumberuf
Dass sie einmal Käsermeisterin werden würde, war keineswegs geplant. Ein Bekannter ihres Vaters machte sie auf den Beruf aufmerksam und steckte sie mit seiner Begeisterung an. Schon während einer Schnupperlehre spürte sie, dass die Arbeit mit Milch sie faszinierte. «Milch ist ein lebendiger Rohstoff. Jeder Tag ist anders», sagt sie. Aus der ersten Begegnung mit dem Beruf entwickelte sich eine Leidenschaft.
Nach der Lehre EFZ in Jegenstorf BE absolvierte sie die Fachschule1 in Sursee LU als Vorbereitungskurs für die Berufsprüfung. An der Berufsprüfung hatte sie eine Rezeptur für einen Salatkäse für die Käserei Jegenstorf entwickelt. Anschliessend folgte die Fachschule2, als Vorbereitungskurs für die Meisterprüfung. Als Meisterprüfung hat Jacqueline Habegger eine Diplomarbeit zur Kapazitätssteigerung der Joghurtproduktion für die Emmentaler Dorfkäserei AG gerechnet und erstellt.
Der König unter den Käsen
Heute produziert Jacqueline Habegger in der Dorfkäserei Ilfis den traditionellen Emmentaler AOP und andere Spezialitäten. Für sie ist der Emmentaler etwas ganz Besonderes: «Der Emmentaler ist der König unter den Käsen, weil er zweimal eine Gärung durchmacht», erklärt sie mit Überzeugung.
Die Herstellung des berühmtesten Schweizer Käses verlangt höchste Präzision. Die grossen Löcher entstehen nicht zufällig, sondern sind das Ergebnis komplexer biologischer Prozesse. Bereits kleine Abweichungen bei Temperatur, Feuchtigkeit oder Reifung können sich auf die Qualität auswirken. Während Monaten werden die schweren Laibe gepflegt, kontrolliert und regelmässig gewendet. Geduld, Erfahrung und ein feines Gespür für den Rohstoff sind deshalb unverzichtbar.

Verantwortung weit über das Käsen hinaus
Die Arbeit einer Käsermeisterin besteht längst nicht mehr bloss aus handwerklicher Tätigkeit. Produktionsplanung, Qualitätsmanagement, Personalführung und die Ausbildung der Lernenden gehören ebenso zum Alltag wie technische Abläufe und die Überwachung der Reifung. Jacqueline Habegger schätzt gerade diese Vielseitigkeit. «Traditionelles Handwerk und moderne Technologie bilden für mich keinen Gegensatz», sagt Jacqueline Habegger. Im Gegenteil: Nur die Verbindung beider Bereiche mache es möglich, höchste Qualität zu erreichen.
Als junge Frau in einer Führungsfunktion gehört sie noch immer zu einer Minderheit in der Schweizer Käsebranche. Dass sie sich in dieser Aufgabe wohlfühlt, spürt man schnell. Sie strahlt Ruhe aus, arbeitet konzentriert und begegnet Menschen auf Augenhöhe.

Kritischer Blick auf die Milchwirtschaft
Die Käsermeisterin beschäftigt sich nicht nur mit der Herstellung von Käse, sondern auch mit den Entwicklungen in der Landwirtschaft. Besonders die stetig steigenden Milchleistungen der Kühe betrachtet sie kritisch.
Sie ist überzeugt, dass die Einzigartigkeit der Schweizer Milch ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist. Wenn Kühe immer höhere Leistungen erbringen müssten und dadurch stärker auf zugekaufte Futtermittel angewiesen seien, gehe ein Teil dieser Besonderheit verloren.
Der Verlust dieser «Einzigartigkeit der Milch» ziehe am Ende weitere Folgen mit sich, wie zum Beispiel einen möglichen Rückgang der Alpbetriebe, die einen wesentlichen Beitrag zur Landschaftspflege und -erhaltung leisten. Nachhaltigkeit und langfristiges Denken sind Jacqueline Habegger entsprechend wichtiger als kurzfristige Höchstleistungen.

Einsatz für die Gemeinschaft
Ebenso beeindruckend wie ihr beruflicher Werdegang ist Jacqueline Habeggers Engagement ausserhalb der Käserei. Bei der Feuerwehr Fraubrunnen BE übernimmt sie als Gruppenführerin Verantwortung. Sie ist Atemschutzträgerin und sitzt auch am Steuer des Tanklöschfahrzeugs. Feuerwehrdienst hat in der Familie Habegger Tradition.
Daneben engagiert sie sich als Leiterin des Cevi Fraubrunnen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bereite ihr grosse Freude, meint sie. Zusammen mit anderen Leitenden organisiert sie Aktivitäten im Wald, Lager und zahlreiche gemeinsame Erlebnisse. Dabei vermittelt sie Werte wie Verantwortung, Gemeinschaft und Vertrauen.

Seit Kurzem gehört sie zudem dem Verein Ehredame Bärnbiet an. In ihrer schönen Berner Tracht repräsentiert sie an Festen und Veranstaltungen die lebendige Trachtenkultur des Kantons Bern. Damit pflegt sie eine weitere Tradition, die ihr am Herzen liegt.
Eine Botschafterin für das Käsehandwerk
Jacqueline Habegger verkörpert eine Generation junger Berufsleute, die fachliche Kompetenz mit gesellschaftlichem Engagement verbindet. Sie beweist, dass Frauen auch in traditionellen Handwerksberufen erfolgreich Führungsverantwortung übernehmen können.
«Für mich steht fest, dass die Zukunft der Schweizer Käsekultur nicht allein von Marketing und Werbung abhängt. Entscheidend sind Menschen, die ihr Handwerk beherrschen und ihre Arbeit mit Leidenschaft ausüben», sagt die Bernerin mit Nachdruck.
Mit ihrem Werdegang zeigt Habegger eindrücklich, wie vielfältig der Beruf der Käsermeisterin geworden ist. Zwischen Milchannahme und Käsekeller, zwischen Qualitätskontrolle und Lernendenbetreuung, zwischen Feuerwehr und Trachtenverein lebt sie vor, dass Tradition keineswegs altmodisch sein muss. Im Gegenteil: Sie kann jungen Menschen eine spannende Zukunft bieten – wenn sie mit Begeisterung, Fachwissen und Herzblut gelebt wird.
Sieben Fragen an Jacqueline Habegger
Was bereitet Ihnen Freude? Gueti Gmeinschaft u gäbigi Lüt. Was essen Sie am liebsten? Im Winter Fondue und im Sommer grille ich sehr gerne. Was lesen Sie gerne? Lesen ist nicht so mein Ding. Ich nutze die Zeit lieber für anderes. Welches ist Ihr Lieblingsfilm? Ferdinand. Wohin würden Sie gerne einmal reisen? Auf die Färöer-Inseln. Welcher andere Beruf würde Ihnen gefallen? Das finde ich eine schwierige Frage. Wie mein Beruf haben viele andere Berufe ihre Vorurteile. Im Sommer 2024 konnte ich einen Sommer auf der Alp arbeiten und dort einen Einblick in die Landwirtschaft bekommen. Das hat mir sehr gefallen, ich werde das nächstes Jahr auf jeden Fall wiederholen. Können Sie sich vorstellen, einmal ein politisches Amt zu übernehmen? Grundsätzlich schon, jedoch muss für mich ein politisches Amt zu den aktuellen Lebensumständen passen.



