«Eine!» Bei diesem Kommando verstummten die Gespräche im Ries. Eben noch hatten die Hornusser geplaudert, die Schindeln bei Fuss. Jetzt brachten sich alle in Position und richteten ihre Blicke konzentriert zum weit entfernten Bock. Dort holte ein Spieler zum nächsten Streich aus. «Höch, gäge Waud!», schallte es durchs Ries. Schindeln schossen gegen den Himmel, ein satter Knall ertönte – der Nouss war abgetan. Schon wurde wieder diskutiert und gelacht.
So ging es am Sonntag beim Schlusshornussen der HG Zauggenried-Kernenried zu und her. Zwei Mannschaften konnten gebildet werden. Noch einmal wurde geschlagen und abgetan, bevor die Hornusser ihre Ausrüstung für den Winter versorgten. Ruhe kehrt deshalb aber nicht ein: Das Eidgenössische Hornusserfest 2027 steht vor der Tür. Im nächsten Sommer bleibt den Organisatoren wohl wenig Zeit zum Hornussen.
Ein Jäggli als Zielhilfe
Beim Bock wurde nicht einfach drauflosgeschlagen. Wer beim Ausholen den Kopf zu weit mitdreht, verliert die richtige Körperhaltung. Einige Spieler arbeiten deshalb mit einem Fixpunkt, den sie während der Schlagbewegung im Auge behalten.

Das kann das Haueli sein, das entsprechend in den Boden gesteckt wird. Alain Studer hatte eine andere Lösung: Er hängte sein Jäggli an das Schutztuch hinter dem Bock. Ein Orientierungspunkt ohne Sportelektronik. «Einen Markerpunkt setzen. Einen Endpunkt. Der Körper dreht immer noch weiter. Aber der Kopf bleibt stehen», erklärte Andreas Reinhard. «Das ist individuell. Das ist etwas Eigenes. Es gibt viele Dinge, woran man als Laie nicht denkt», sagte der erfahrene Hornusser.
Auch über Steckenführung, Armstreckung und das Zusammenspiel von Körper und Schlaggerät wurde diskutiert. Körpergrösse, Beweglichkeit, Steckenlänge und Gewohnheiten spielen eine Rolle. Ein guter Streich sieht leichter aus, als er ist.
Der Nachwuchs lässt sich sehen
Erfreulich war die Beteiligung der Junghornusser. Die jungen Spielerinnen und Spieler schlugen selbst, standen im Ries und erhielten von ihren älteren Kollegen Tipps zur Körperhaltung und Schlagtechnik. Vier von ihnen nahmen sich Zeit für ein Gespräch: Lara Lynn Sägesser, Sophie Adamek und die Brüder Lukas und Roman Reinhard.

Lara Lynn Sägesser, Jahrgang 2014, besucht die Schule und hornusst bereits seit sieben Jahren und mit viel Freude. Sophie Adamek, Jahrgang 2011, ist seit vier Jahren dabei. Sie absolviert eine vierjährige Lehre als Baumaschinenmechanikerin in Langenthal. Grosse Maschinen gefallen ihr: Je grösser, desto besser.
Lukas Reinhard, Jahrgang 2010, begann erst vor einem Jahr mit dem Hornussen. Er steht im ersten Lehrjahr als Landschaftsgärtner in einem grossen Betrieb in Burgdorf. Sein jüngerer Bruder Roman, Jahrgang 2012, geht noch zur Schule und ist seit vier Jahren begeisterter Junghornusser.
Auch junge Frauen schlagen kräftig zu
Bei den Junghornussern machen drei Mädchen mit. Das Hornussen war lange eine Männerdomäne. Heute stehen auch Mädchen und Frauen am Bock und im Ries. Der Sport verbindet Generationen: Jugendliche spielen mit Vätern und Grossvätern.
Beim Nachwuchs sind die Distanzen gegenüber dem Spiel der Erwachsenen verkürzt, bei der Wertung werden entsprechende Zuschläge berücksichtigt. Beim Spiel mit Erwachsenen sammeln die Jungen weitere Erfahrungen.

Es geht ohnehin nicht nur um die Länge des Streichs. Das Abtun verlangt gute Augen, Reaktionsvermögen, Aufmerksamkeit und etwas Mut. Ein heranfliegender Nouss ist kein Wattebäuschchen. Deshalb tragen die Spieler im Ries Helme mit Gesichtsschutz. Sobald «Eine!» ertönt, ist die Konzentration voll da.
Nicht nur die Kraft entscheidet
Die Länge des Steckens muss zu Körpergrösse und Schlagtechnik passen. Wichtig ist, dass man ihn beherrscht und den Nouss sauber trifft. Wer die vier Jungen beobachtete, sah: Timing, Auge und Konzentration zählen ebenso wie Gelenkigkeit und Kraft. Und Geduld braucht es auch. Nicht jeder Streich gelingt auf Anhieb.
Die Jungen fühlen sich unter den älteren Kameraden wohl. Auf sie kann der Verein zählen.
Im Löwen gehört die Zunge dazu
Nach dem sportlichen Teil verschob sich das Geschehen in den Löwen Kernenried. Dort wurde die traditionelle Rindszunge mit Kartoffelstock aufgetischt. Und für alle, die nicht Zunge essen, gab es Schni-Po. Beim Essen wurde ausgiebig diskutiert, gelacht und gefachsimpelt.
Mittendrin war Matthias Stoll, Präsident des Organisationskomitees des Eidgenössischen Hornusserfests 2027. «Es braucht viel, um so ein grosses Fest aus dem Boden zu stampfen», hiess es beim Gespräch über die Vorbereitungen.
Nötig sind grosse, möglichst ebene Flächen, einfache Zufahrten, genügend Parkplätze und eine ganze Festinfrastruktur. Entscheidend sind die Landbesitzer: Ohne ihre Bereitschaft, Flächen zur Verfügung zu stellen, wäre ein Anlass dieser Grösse gar nicht möglich.
Markus Hubacher verlangt Einsatz
Nach dem Mittagessen folgte die Rangverkündigung der Vereinsmeisterschaft. Gesellschaftspräsident Markus Hubacher ehrte die erfolgreichen Hornusser. Bei den anschliessenden Mitteilungen richtete er den Blick bereits auf 2027. Dann braucht es nicht nur sportlichen Einsatz, sondern vor allem Leute für Aufbau, Festbetrieb und Abräumen.
Hubacher forderte seine Kameradinnen und Kameraden auf, sich in die Einsatzlisten einzutragen und ihre Ferien entsprechend zu planen. Wer sich nicht selbst einträgt, muss damit rechnen, vom Vorstand eingeteilt zu werden. Eine einfache Methode der Personalplanung.
Aufbau, Festbetrieb und Abräumen verlangen viele Arbeitsstunden. Hier ist die ganze Gesellschaft gefordert – samt Familien und vielen weiteren Freiwilligen.
Ein Winter ohne Hornussen?
Und was machen die Hornusser im Winter? Auf die Frage nach dem Training antwortete ein sportlich wirkender junger Mann augenzwinkernd: «Einfach viel Fleisch essen!» Ob das hilft, bleibt offen.
Ganz ohne Training geht es nicht: Die Hornusser halten sich individuell fit, im März ist auch ein Trainingswochenende vorgesehen. Im Frühling soll der Schlag wieder sitzen. Für die HG Zauggenried-Kernenried wird die nächste Saison ohnehin aussergewöhnlich. Als Gastgeberin des Eidgenössischen ist sie weit über den Sport hinaus gefordert.
Getragen wird das Fest nicht allein von OK, Sponsoren und Baukommissionen. Es sind die Mitglieder, ihre Familien, Freiwillige und Landbesitzer, die es möglich machen. Und junge Leute wie Lara Lynn Sägesser, Sophie Adamek und Lukas und Roman Reinhard zeigen, für wen sich dieser Einsatz auch langfristig lohnt.
Am 11. Oktober war der letzte Nouss abgetan, die Vereinsmeisterschaft abgeschlossen und die Rindszunge im Löwen gegessen. Die Saison 2026 ist nun Geschichte. Die Vorbereitungen für 2027 laufen dagegen auf Hochtouren.

