«Die Beziehung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft im Jurapark Aargau – eine Analyse aus der Perspektive der Solidarität und der kulturellen Einsamkeit.» So lautet der Titel der Masterarbeit von Lina Held, die sie zwischen September 2025 und Mitte März dieses Jahres geschrieben hat. Sie studierte Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich mit dem Fokus auf Wald- und Landschaftsmanagement.
Im Zentrum stehen die Herausforderungen, denen sich Landwirt(innen) im Alltag stellen müssen, und die Frage, ob sie sich von der Gesellschaft wertgeschätzt fühlen. Ausgeschrieben wurde das Thema im Rahmen des Reallabors (siehe Kasten), das aus einer Zusammenarbeit zwischen dem Jurapark Aargau, der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) entstand. «Ich fand das Thema cool, auch weil ich so nah mit Landwirt(innen) zusammenarbeiten konnte, und ich nicht nur mit Daten jonglieren musste», erzählt Held.
Auf verschiedenen Betrieben mitgearbeitet
Aufgewachsen ist Lina Held auf dem Land in der Region Biel. Als Kind fuhr sie gerne beim Nachbarn auf dem Traktor mit, fand als Jugendliche dann die Stadt aber spannender. Erst während ihres Studiums in Zürich habe es sie wieder gepackt. Die 25‑Jährige belegte daraufhin Fächer mit landwirtschaftlichem Bezug und arbeitete gelegentlich auf einem Hof mit.
Mitgearbeitet hat die junge Frau auch auf den Betrieben, auf denen sie ihre Interviews durchführte. Ihr Ziel war es, den Landwirt(innen) mit ihrer Mithilfe etwas zurückzugeben, da diese sich für die Interviews Zeit genommen hatten. Gleichzeitig erhielt Held so einen direkten Einblick in die Gegebenheiten und Herausforderungen der Betriebe. Sie half beim Zäunen und Misten, fütterte Kühe und Ziegen oder holte Eier.
Zwei Situationen sind ihr dabei besonders in Erinnerung geblieben: Ein Kälbchen machte sich just in dem Moment auf den Weg, als Lina Held vor Ort war. «Als wir in den Stall kamen, waren die ‹Füsschen› schon da», erzählt sie strahlend. Auch das Vertrauen eines Landwirts, der sie mit seinem Traktor fahren liess, während er nebenher gehend einen Zaun errichtete, blieb ihr in Erinnerung.
Die Wertschätzung fehlt
Ihre Masterarbeit basiert auf 24 Interviews mit Landwirt(innen) aus dem Gebiet des Juraparks Aargau, von denen sie zehn selbst führte. Vertreten waren unterschiedliche Betriebsformen – von Bio- und Demeterhöfen über konventionelle Betriebe bis hin zu einer Solawi. Darunter waren kleine wie auch grosse Betriebe. Die Interviewpartner(innen) waren zwischen Mitte zwanzig und kurz vor der Pensionierung.
In den Interviews berichteten viele Landwirt(innen) vom Gefühl, dass ihnen von der Gesellschaft zu wenig Wertschätzung für ihre Arbeit entgegengebracht werde: bei politischen Debatten, wenn es um Naturschutz geht, als auch wenn die Medien einzelne Themen anheizten und diese dann online in den Kommentarspalten noch mehr befeuert würden.
Gleichzeitig erzählten einige Landwirt(innen), es fehle das Verständnis dafür, wie viel Arbeit hinter der Landwirtschaft steckt und wie Preise zustande kommen. Die Gesellschaft wünsche sich zwar eine nachhaltige Produktion, kaufe aber nicht unbedingt direkt bei den Landwirt(innen) ein. Zudem sei man als Landwirt(in) im Dorf «ausgestellt» und fühle sich unter Druck, weil die Leute jeden Schritt, den man mache, sehen und teilweise bewerten würden. «In einem Büro hat man das nicht, da sieht kaum jemand, ob man einen Fehler macht», ergänzt Lina Held. Auch das Gefühl, als «die Bauern» pauschal in einen Topf geworfen zu werden, wurde von einigen Landwirt(innen) in den Interviews genannt.
Positive Erfahrungen machen hingegen die interviewten Betriebe im Jurapark mit Hofläden oder am «Märit», wo der direkte Kontakt mit interessierten Kund(innen) viel mehr Wertschätzung entgegenbringt. «Den Mehraufwand kann sich allerdings nicht jeder leisten», so Held.
Viel Arbeit, wenig Freizeit
In den Interviews wurde deutlich, dass viele Bauern und Bäuerinnen im Jurapark Aargau ihre Arbeit als sehr zeitintensiv und finanziell wenig lohnend empfinden. Trotz langer Arbeitszeiten und wenig Freizeit bestehen bei einigen Betrieben finanzielle Sorgen. Zudem fühlen sich viele durch die Abhängigkeit von Direktzahlungen und die immer wieder wechselnden Richtlinien belastet. Dabei wünschen sie sich anstelle der Direktzahlungen nichts lieber als eine faire und angemessene Bezahlung für ihre Produkte.

«Die Masterarbeit hat mir geholfen, die Perspektive der Bauern und Bäuerinnen besser zu verstehen»
Der Austausch fehlt
Einige Bauern berichteten auch, dass im Verein oder unter Freunden das Verständnis fehle, dass man nicht immer flexibel sei, nicht an jeder Musikprobe oder jedem Training teilnehmen könne, weil das Wetter die Arbeitszeiten bestimmt. Dann würden Freundschaften und Hobbys schwieriger oder gar unmöglich und die Einsamkeit grösser. Die Interviewpartner(innen) haben auch erzählt, dass früher, als sehr viel mehr Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet hätten, der Austausch untereinander grösser gewesen sei.
Aus den Gesprächen hat sich für Lina Held herauskristallisiert, dass sich die Betriebsleiter(innen) wünschten, dass die Gesellschaft näher an die Landwirtschaft herangeführt und die Last für eine Entlastung auf mehrere Schultern verteilt werde.
Ein Ansatz, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, ist die solidarische Landwirtschaft (Solawi), die Lina Held ebenfalls in ihrer Arbeit untersuchte. Viele Leute bezahlen einen pauschalen Betrag pro Jahr für die Ernte, und leisten zusätzlich Arbeitseinsätze. So sehen sie, woher die Nahrungsmittel stammen, und was dahintersteckt. Und zum Schluss natürlich die gemeinsame Freude, wenn die Arbeit Früchte trägt. So ist das unternehmerische Risiko für die Bauernfamilie kleiner und die Ernte, wie gross sie auch ausfällt, wird ohne Zwischenhandel vergeben.
Das Erfahrene in die Praxis einfliessen lassen
Nach der lehrreichen Zeit und der Fertigstellung ihrer Masterarbeit hat Lina Held die Landwirtschaft nicht mehr losgelassen. Sie arbeitet nun bei Agrofutura in der Biodiversitätsberatung und kann so die Erfahrungen ihrer Masterarbeit in ihre neue Funktion einfliessen lassen. «Die Masterarbeit hat mir geholfen, die Perspektive der Bäuerinnen und Bauern besser zu verstehen, das kann ich jetzt bei den Beratungen einfliessen lassen», erzählt Held. Zudem achte sie bewusster darauf, regionaler einzukaufen. Die persönlichen Erlebnisse, die ihr die Landwirt(innen) anvertrauten, hätten sie besonders berührt, meint sie abschliessend.
Reallabor
Im Reallabor Jurapark Aargau experimentieren Forschende verschiedener ETH-Institutionen gemeinsam mit der Bevölkerung des Juraparks Aargau an praktischen Lösungen für aktuelle Herausforderungen. Begonnen hat das Projekt 2023 mit Workshops zu den Themen Wasser, Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft. Bis Ende 2026 werden vier definierte Realexperimente entwickelt, experimentell umgesetzt und ausgewertet:
- Keylines, vom Regen zur Ressource Wasser
- Begleitung von Landwirtschaftsbetrieben im Klimawandel
- Grünflächen der Zukunft, die zum Verweilen einladen
- Radikal regionale Holznutzung

