Schlafsack, Wolldecke und ein tief eingestreutes Strohbett. Eine gemütlichere Nacht kann man kaum verbringen. Anfang Mai, wenn die Feriensaison bei Familie Wyss beginnt, kann es bisweilen frisch sein in Grindelwald BE. Dann sind die behornten, reinen Simmentaler Kühe noch daheim im Stall, direkt unter dem Strohboden, der für die Gäste ausgebaut wurde. Nachts hört man gelegentlich, wie die Tiere sich im Stall bewegen. Morgens surrt leise die Melkmaschine. Das Stroh duftet und die Glöcklein der Ziegen, die nebenan auf der Wiese grasen, bimmeln.
Eine Nacht im Stroh schlafen - für viele ein Riesenabenteuer
Auf dem Hof von Marlene und Sämi Wyss kann man auf besondere Weise übernachten. Das Angebot «Schlafen im Stroh» ist ein wichtiges Standbein des Milchwirtschaftsbetriebes, der mit prächtigem Blick zur Eigernordwand auf der Schattenseite des Tals liegt. Insgesamt 34 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, 23 Kühe, 25 Stück Jungvieh, ein Stier und acht Ziegen gehören dazu. Das Ehepaar produziert Milch sowie Alp- und Hobelkäse. Im Winter wird die Milch an die Käserei «Eiger Milch» verkauft, im Sommer auf der Wärgistal Alp verkäst. Die Alp liegt unterhalb der Kleinen Scheidegg und wird als Gemeinschaftsweide bewirtschaftet. Eine der Alphütten ist das Eigentum der Familie. Dort wird pro Alpsaison etwa 1200 bis 1500 Kilogramm AOP-zertifizierter Alpkäse produziert.
Bei diesem Familienbetrieb packen alle mit an
Unterstützt werden sie bei ihrer Arbeit von ihren drei Kindern. Der älteste Sohn Simon (26) ist Landmaschinenmechaniker und seit letztem Januar auch Handels- und Servicepartner der Firma DeLaval. Die Tochter Melissa (24) ist Schreinerin und beginnt in diesem Jahr ihre Ausbildung zur Landwirtin. Der jüngste Sohn Sämi Junior (21) ist Milchtechnologe. Er beginnt ab August berufsbegleitend seine landwirtschaftliche Ausbildung. In der Familie nimmt er eine Schlüsselrolle ein. In den intensiven Sommermonaten ist er fest angestellt und verkäst die Milch der Kühe auf der Alp zu dem feinen Alpkäse.
Alle Kinder haben eine Affinität zur Landwirtschaft
In den Wintermonaten arbeitet er bei der Käserei «Eiger Milch» im Tal. «Sämi verarbeitet unsere Milch eigentlich das ganze Jahr», erzählt Marlene Wyss stolz. Und doch, am Wochenende oder wenn grössere Arbeiten wie zum Beispiel das Heuen im Sommer anstehen, packen alle drei mit an. Dank einer Belüftung in der Scheune, kann das Heu nach dem Mähen von der Familie schnell eingebracht werden. Im Gegensatz zu den Wyss-Kindern, haben die Eltern keine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert. Marlene ist gelernte Coiffeuse, Sämi Senior Zimmermann. 1992 übernahmen die beiden gemeinsam den Hof, auf dem schon Sämi Seniors Eltern Milch produzierten. «Früher hatten hier alle ein paar Kühe. Einfach zur Selbstversorgung», erzählt Marlene Wyss. Auch sie ist in Grindelwald mit der Landwirtschaft aufgewachsen und ihren Mann kennt sie schon seit Kindertagen. Für Marlene Wyss ist das bäuerliche Umfeld gerade für Kinder eine absolute Sonnenseite der Landwirtschaft. «Es ist wirklich schön, so aufzuwachsen. Zu lernen, Verantwortung zu übernehmen, mit den Tieren umzugehen und zu erfahren, wie etwas wächst».
Schattenseite: Präsenz-Zeit im Stall
Eine Schattenseite der Milchwirtschaft ist für die Bäuerin das starke Gebunden-Sein. Vor allem im Winter herrscht kompromisslose Präsenz-Zeit im Stall. Da die Eheleute beide in der Milchproduktion aufgewachsen sind, kennen sie es nicht anders. «Trotzdem gewöhnt man sich nicht daran, muss ich ehrlich sagen. Aber da bin ich vielleicht ein Spezialfall», sagt Marlene Wyss und lacht laut. Mit starkem Willen und Lebensfreude führt sie ihr eigenes betriebliches Standbein, das Angebot «Schlafen im Stroh», mit dem sie 400 bis 500 Menschen von Anfang Mai bis Ende September eine Übernachtungsmöglichkeit bietet.
Der Blick auf die Eigernordwand hat es in sich
Die Idee dazu entstand 2001, als die Familie auf Anfrage einer Freundin einer Gruppe Wanderern die Möglichkeit bot, im Stall zu übernachten. Kurzerhand wurde alles mit Stroh ausgelegt, und der Rest ist Geschichte. 2004 hat die Familie den Stall vergrössert, und damit entstand der notwendige Platz für den Ausbau des Strohbodens. Mitbringen müssen die Gäste lediglich einen Schlafsack. Zum Kochen stehen sowohl der Grill als auch zwei Kochplatten zur Verfügung. Das Frühstück ist im Übernachtungspreis von 28 Franken pro Person inbegriffen. Spätestens dann kommen die Gäste auch in den Genuss des hofeigenen Alpkäses. Das Frühstück besteht fast ausschliesslich aus regionalen Produkten. Marlene Wyss serviert es bei gutem Wetter am grossen Holztisch vor dem Bauernhaus, mit direktem Blick auf den Eiger. Sämi Wyss Senior stellt bergbegeisterten Gästen gerne sein gutes Fernglas zur Verfügung, um die Eigernordwand zu studieren. Er zeigt ihnen markante Punkte wie zum Beispiel das berühmte Stollenloch, die Mittellegihütte oder die Fensterreihe der Jungfraubahn.
Zum Schmunzeln: Zweckentfremdete Kuhglocken
Wenn es regnet und der Eiger nicht zu sehen ist, wird kurzerhand umgebaut, und im leeren Stall gegessen, wo oft auch Hochzeiten und Geburtstage gefeiert werden. Mit einem Grinsen und leichtem Kopfschütteln erinnert sich Marlene Wyss an eine Gruppe, die einst einen Junggesellenabschied bei ihr gefeiert hat. In der Nacht hingen sich die jungen Männer die Kuhglocken um den Hals, die eigentlich das Strohlager schmücken. Beglockt und beglückt rannten die Jungen dann rundenweise um den Stall wie die Kühe. «Die hatten einen Riesenspass. Das war aber kein Problem», erinnert sich Marlene Wyss schmunzelnd.
Es gibt nur eine eiserne Regel
Generell nimmt sie die Bewirtung ihrer Gäste leicht und mit viel Humor. Es gibt eigentlich nur eine Regel, an die sich die Übernachtenden im Strohlager halten müssen. Diese allerdings, ist eisern: Nicht Rauchen! Marlene Wyss musste bisher zum Glück nur einmal ermahnen, als bei einer Feier ein unbedarfter Gast einfach mit der brennenden Zigarette ins Strohlager marschierte. «Das macht mir am meisten Angst», erzählt sie, «wenn die Scheune voll mit Heu ist, und anfängt zu brennen, dann sind wir alle chancenlos. Der Stall und auch das Haus wären verloren». Ansonsten habe es bisher aber nie Probleme mit den Gästen gegeben.
Die Gäste sind ein Fenster zur Welt
Das Altersspektrum der Übernachtenden ist sehr breit. Für Kinder ist eine Nacht im Stroh ein Riesenabenteuer. Tagsüber dürfen kleine Gäste auch mit anpacken. Wenn im Bauerngarten von Marlene Wyss gemeinsam frische Erbsen geerntet werden, führt so manche Kinderhand die eine oder andere in den Mund statt in die Schüssel. Auch nach oben gibt es fast keine Altersgrenze. Die meisten Besucher sind Spaziergänger oder Wanderer aus Australien, Asien, Neuseeland oder Amerika. Ihre Gäste sind für Marlene Wyss, die selbst für ihr Leben gerne reist, ein Fenster zur weiten Welt. Selbst in die Ferien zu fahren, ist für die Eheleute Wyss zwar mit viel Aufwand verbunden, aber dank der erwachsenen Kinder nicht unmöglich. «Wir waren vor fünf Jahren zwei Monate in Kanada. Das war super!».
«Einmal zusammen ans Meer» - ein grosser Wunsch von Marlene Wyss
Die Familie hat es sogar geschafft, gemeinsam ans Meer zu fahren, als die Kinder noch klein waren. Damals übernahmen die Schwiegereltern in dieser Zeit den Hof. «Das war immer ein Wunsch von mir, bevor alle Kinder weg sind», erzählt Marlene Wyss. Auch heute noch ist die jährliche Städtereise mit ihren Freundinnen im Herbst eines ihrer Highlights. Ob der Kurztrip dieses Jahr klappt, steht wegen der Corona-Krise noch in den Sternen. Genau wie die Anmeldungen in ihrem eigenen Betrieb. Da sehr viele ihrer Gäste aus dem entfernten Ausland kommen, gingen bei ihr dieses Frühjahr entsprechend viele Stornierungen ein. Bisher waren die Wochenenden trotz allem recht gut gebucht. «Aber planen ist meistens schwierig, oder? Das Leben macht oft etwas anderes», sagt Marlene Wyss.
Träumen darf man immer
Eine Vorstellung von der Zukunft gibt es trotzdem: Irgendwann wollen sie und ihr Mann den Hof an Sämi Junior übergeben und vielleicht noch einmal eine Reise machen. «Wenn es klappt, ist es gut. Und wenn nicht, bin ich auch nicht traurig. Wir haben schon viel gesehen». Aber träumen darf man, das ist klar. So lange die beiden gesund sind, wollen sie auch auf dem Hof noch weiter mithelfen, und alle ihre Kinder in dem, was sie tun, unterstützen.
Betriebsspiegel
Name Marlene und Sämi Wyss
Ort Grindelwald BE
Hof Hagibodmen, 1150 m ü. M.
Alp Wärgistal, 1200 bis 2200 m ü. M.
LN 34 ha Talbetrieb
Zone Bergzone III bis V
Produktionstyp IP-Suisse
Viehbestand 23 Simmentaler Kühe, 25 Stück Jungvieh, ein Stier,
acht Gemsfarbige Gebirgsziegen
Stalldurchschnitt 5000 bis 6000kg
Arbeitskräfte Betriebsleiter-Ehepaar mit jüngstem Sohn Sämi

