Stefan Steinegger seufzt: Mitte Juli hat er Weizen und Raps abgegeben, mit den Erträgen ist er zufrieden. Doch der Blick auf seine Kartoffeln macht dem Landwirt aus Grossaffoltern BE keine Freude. «Bei der Chipssorte Thalessa rechne ich mit einem Totalausfall.» Auf dem Feld gräbt er eine Staude aus und zeigt Knollen, die eher wie Frühkartoffeln aussehen. Der Boden: staubtrocken, die Pflanzen liegen kraftlos am Boden, einige Stängel sind bereits gebrochen. Etwas besser sieht die Frites-Sorte Agria aus. Davon hat Steinegger 3 Hektaren. Doch das satte Grün ist trügerisch. Die Knollen sind klein, einige treiben wieder aus.
Ebenfalls mit auf dem Feld ist Thomas Steffen. Er ist ausgebildeter Agronom und kümmert sich für die Mobiliar um die Schadensabwicklung bei der Wetterversicherung. «Es hilft, dass ich Landwirt bin und mit meinen Kunden auf Augenhöhe diskutieren kann», sagt er. Auf seinem Handy zeigt er Bilder von Kartoffeln mit Wachstumsrissen.
Davor fürchtet sich auch Stefan Steinegger: «Würde es endlich regnen, könnte es gut sein, dass auch meine Agria-Kartoffeln Wachstumsrisse bekommen oder hohl werden würden.» Betroffen von der extremen Trockenheit in den Monaten Juni und Juli 2026 ist auch das Sojafeld. Steinegger baut die Kultur zum ersten Mal an und freute sich, wie schön sich das Feld entwickelte. «Doch nun kommen sie in die Blüte und brauchen dringend Wasser», sagt er.
Raps kommt mit Trockenheit noch am besten zurecht
Steinegger hält Milchvieh und liefert die Milch in eine nahe gelegene Käserei. Er produziert silofrei: «Die Kunstwiesen sind zurückgebrannt, es braucht Kühle und mindestens 100 Millimeter Regen», sagt er. Als Einziges wachse noch die Rotklee-Luzerne-Mischung, das gebe ein bisschen Sicherheit. Dennoch macht er sich darauf gefasst, den Kühen die Kartoffeln verfüttern zu müssen, welche die nötige Qualität nicht erreichen.
Steinegger ist Meisterlandwirt und Landmaschinenmechaniker und im Austausch mit seinen Berufskollegen, was die Erntequalität betrifft: «Raps kommt von allen Winterkulturen am besten mit Trockenheit zurecht», sei das Fazit. Mit dem Ertrag des HOLL-Rapses von 45 dt/ha ist er zufrieden, auch der Weizenertrag sei mit durchschnittlich 65 dt/ha in Ordnung.

Alle Kulturen als «schadengefährdet» angemeldet
Bei der Wetterversicherung hat er dennoch alle seine Kulturen als «schadengefährdet» angemeldet. Seit der Betriebsübernahme im Jahr 2023 hat er diese Versicherung. Anfangs war er im Pilotbetrieb und versicherte nur die Kartoffeln. «2023 hatten wir eine miserable Ernte», sagt er. Dass er keinen finanziellen Totalausfall hatte, verdankte er der Versicherung. «Meine Erfahrung war positiv, deshalb habe ich nun alle Kulturen versichert.» Denn gerade kurz nach der Betriebsübernahme könne eine schlechte Ernte weitreichende finanzielle Folgen haben.
Hohe Investitionen bringen 2026 wohl kaum Gewinn
Das betont auch Thomas Steffen: «Ein Totalausfall kann die Liquidität des Betriebs gefährden. Eine Wetterversicherung kann für Betriebe mit hohen Vorleistungen ein Instrument sein, um Ertragsrisiken besser abzufedern. Nicht nur für Einsteiger, sondern auch für Betriebe und Kulturen, die viel Vorleistung brauchen.»
Stefan Steinegger sagt, dass er für eine Hektare Kartoffeln rund 15 000 Franken investiere. Eingeschlossen darin sind Saatgut, Pflanzenschutz, Dünger und Arbeitsaufwand. «Dieses Jahr hätte ich wohl auch einfach das Geld vergraben können», sagt er beim Besuch Mitte Juli mit Blick auf die leidenden Kartoffeln.
Anfang August sagt Steinegger am Telefon, dass sich seine Prognose bewahrheitet hat: «Bei der Sorte Thalessa gibt es einen Totalausfall.» Die Kartoffeln seien einfach zu klein für Chips. Bei Agria seien einige in Ordnung, doch die Stärke fehle und der Wiederaustrieb sowie der Buckelschorf hätten zugenommen. «Falls es überhaupt rentiert, sie zu graben, verwende ich sie entweder als Futter für meine Kühe oder kann sie für die Röstiproduktion verkaufen. Dann ist aber der Preis schlechter als bei Frites.»

Optimistischer ist er beim Soja: «Ich habe nun gelernt, dass die Kultur nicht richtig blühen muss. Es hat Schoten, aber in der Tendenz sind zu wenig Kerne drin.» Noch sei unklar, wie sich diese ausbilden. «Da fehlt mir die Erfahrung», sagt Steinegger.
Das Wasser durch schonende Bearbeitung im Boden behalten
Steinegger versucht, den Wasserhaushalt so gut als möglich zu erhalten. Deshalb arbeitet er zu 80 Prozent pfluglos. Nach Zuckerrüben setzt er auf Mais, eggt flach und sät in die Winterfurchen. Auch Streifenfrässaat kommt zum Einsatz, immer mit dem Ziel, den Boden möglichst wenig zu bewegen und das Wasser im Boden zu speichern. Den Pflug braucht Steinegger bewusst im Herbst, wenn er «reinen Tisch» machen und Krankheiten unterdrücken will.
In der aktuellen Trockenheit würden sich die Bodenarten stark zeigen, beobachtet er: «Wir haben lehmig-sandige Böden und sind eigentlich nicht extrem trockenheitsgefährdet. Aber nun zeigt sich jede Kiesader.» Bewässern ist für ihn nicht möglich: das Grundwasser liege tief, ob er überhaupt eine Bewilligung für einen Grundwasserschacht bekommen würde, sei unklar. Aus den Oberflächengewässern sei keine Entnahme möglich. Dazu kommt: «Meine Flächen sind nicht alle arrondiert», erklärt er.
Zwei Methoden für die Schadenbeurteilung
Thomas Steffen sieht die Herausforderungen: «Die Wetterextreme werden grösser.» Eine Versicherung sei ein Instrument, mit Risiken umzugehen. Die Mobiliar arbeitet bei der Schadenbeurteilung mit zwei Methoden:
- Auf Basis der parametrisierten Schadenberechnung, welche die Pflanzenentwicklung und offizielle Wetterdaten einbezieht. Diese stellt die erwartete Ertragsminderung fest.
- Auf Basis von Felderhebungen beurteilen die Inspektoren die Schäden. Dazu gehören Vorbesichtigungen und Stichprobe, um eine Ertragserwartung zu berechnen. Der Vergleich mit den Referenzerträgen ergibt die Schadensquote.
Für Stefan Steinegger ist das Vorgehen transparent und nachvollziehbar. 2025 meldete er seine Kulturen an, am Ende waren die Erträge aber so gut, dass er keine Entschädigung bekam. «Meine Erträge haben sich in etwa mit den Referenzerträgen gespiegelt, daher war mir klar, wieso ich keine Entschädigung bekam», sagt er.
Dieser enge Kontakt mit seinen Kunden ist Steffen wichtig. Er betreut zusammen mit weiteren Agronominnen und Agronomen die Schadensabwicklung. Nach erfolgter Schadensmeldung durch die Versicherungsnehmenden koordiniert er die Kommunikation und die Arbeitseinsätze. Für die Schätzung der Schäden im Feld kommen ausgebildete Miliz-SchadenexpertInnen der Mobiliar zum Einsatz. Bevor der Schadenfall abgeschlossen wird, bespricht Steffen mit den KundInnen das Ergebnis der Schadenschätzung und der daraus folgenden Entschädigung. Im Juni und Juli 2026 gab es sehr viele Meldungen. «Raps, Gerste und Weizen konnten noch von der Winterfeuchte profitieren», beobachtet er. Bei Kartoffeln, Mais und Zuckerrüben hingegen sieht er grosses Schadenpotenzial. Erste Erhebungen laufen bei den Früh- und Pflanzkartoffeln, die anderen Sorten sind Ende Juli dran.
Die Pflanzen starteten 2026 gut, leiden aber seither
Was sowohl Steinegger als auch Steffen klar sagen: Die Extreme nehmen gefühlt nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter zu. Den guten Start im Frühling 2026 machte die Kälte Ende April zunichte, danach folgte ein Temperatursprung, den die Pflanzen nicht mehr zum Wachsen nutzen konnten.
Auch im August hofft Steinegger noch auf Regen für sein Sojafeld und darauf, dass die Kartoffeln etwas wachsen. Er müsse das Wetter einfach hinnehmen, sagt er. Aber es ist klar: zuzuschauen, wie die Kulturen zugrunde gehen, tut weh.

Betriebsspiegel
der Familie Steinegger
Stefan Steinegger, Grossaffoltern BE
LN: 55 ha in einer ÖLN-Gemeinschaft; 5 ha Wald
Kulturen: Zuckerrüben, Mais, Kartoffeln, Weizen, Raps, Gerste, Dinkel, Eiweisserbsen, Sojabohnen, Kunstwiesen
Tierbestand: 20 Milchkühe
Weitere Betriebszweige: Holz- und Lohnarbeiten
Arbeitskräfte: Stefan und Amanda Steinegger, Fritz Steinegger (Onkel), Aushilfen bei Arbeitsspitzen

