Ein Hornuss fliegt anders als ein Fussball. Das klingt nach der ziemlich überflüssigen Erkenntnis. Wer aber am Rand des Rieses den Kopf in den Himmel reckt und das kleine schwarze Ding sucht, merkt schnell: So einfach ist die Sache nicht.
«Do, do, do!» Die Rufe kommen aus dem Ries. Köpfe gehen hoch, Männer laufen ein paar Schritte, Schindeln werden gehoben. Irgendwo weit vorne muss ein Nouss unterwegs sein. Für geübte Hornusser scheint seine Flugbahn so gut lesbar wie für einen Bauern die Wetterfront am Himmel. Ich sehe – gar nichts. Und beginne zu fragen.
Vertraut – und doch nicht ganz verstanden
Hornussen ist mir seit meiner Kindheit vertraut. Der Hornusser-Bitz der HG Oberwil bei Büren BE liegt westlich unseres Dorfes beim Bürenwald. Wer auf den umliegenden Äckern arbeitete, kannte das vielstimmige «Do, do, do» aus dem Ries. Immer wieder fanden wir Bauern einen verlorenen Nouss auf dem Feld.
Beim Veteranenhornussen in Zuchwil SO merkte ich, dass Zuschauen und Verstehen zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Am Vorabend sah ich beim Training der Oberwiler zu. Tags darauf spielten sie mit Messen gegen Winistorf-Seeberg SO und Dotzigen BE.
Einer meiner geduldigen Auskunftgeber war Jakob «Köbu» Beer, unser ehemaliger Käsermeister. «Beim Hornussen musst du nicht nur schauen, du musst den Nouss lesen», erklärte mir Köbu. Jahrzehntelange Nähe zu einem Hornusserplatz garantiert eben noch keine Regelkenntnis.
Drei Meter Stecken und 78 Gramm Nouss
Hornussen sieht verblüffend einfach aus. Da ist der Bock, darauf wird der Nouss gesetzt. Der Schläger holt mit seinem bis zu drei Meter langen Stecken aus. An dessen Ende sitzt das Träf. Dieses trifft den Nouss – im Idealfall sauber – und dann geht die Post ab.

Der Nouss wiegt rund 78 Gramm. Beim Abschlag kann er gegen 300 km/h erreichen, bis zu 70 Meter hoch steigen und mehr als 300 Meter weit fliegen. Was nach roher Kraft aussieht, ist Präzisionsarbeit. Steckenführung, Bewegungsablauf, Treffpunkt und Timing müssen stimmen. Dazu kommt der Wind.
Bei den Veteranen sitzt der Bewegungsablauf auch nach Jahrzehnten noch. Nicht mehr jeder Rücken macht alles so bereitwillig mit wie mit zwanzig. Aber Erfahrung lässt sich nicht kaufen – und Ehrgeiz offenbar auch nicht abstellen.
Hinten beginnt die Mannschaft
Am Bock steht der Schläger allein. Sobald der Nouss unterwegs ist, beginnt jedoch die zweite Hälfte des Hornussens. Das Ries beginnt 100 Meter vom Abschlag entfernt. Dort müssen die Abtuer den Nouss früh erkennen, seine Flugbahn beurteilen und abschätzen, wo er herunterkommt. Dann heisst es laufen.
Mit der Schindel – einem Holzbrett von ungefähr 60 auf 60 Zentimetern – versucht man, den Nouss abzufangen. Sie wird hochgehalten oder gezielt in seine Flugbahn geworfen. Viel Zeit bleibt nicht. Der Nouss kann noch mit weit über 100 km/h im Ries eintreffen.
Hornussen verlangt auch Mut. Ich würde bei einem schwarzen Geschoss mit dieser Geschwindigkeit wohl über einen taktischen Rückzug nachdenken. Die Hornusser laufen dorthin. «Vorne schlägt jeder für sich, aber im Ries sind wir eine Mannschaft», brachte Köbu den entscheidenden Unterschied auf den Punkt.
Ein Nummero schlägt viele Punkte
Damit kommen wir zu jener Regel, ohne die man eine Hornusser-Rangliste kaum versteht. Als gelegentlicher Zuschauer denkt man: Wer am weitesten schlägt und am meisten Punkte sammelt, gewinnt. Falsch gedacht.
Fällt ein Nouss innerhalb des Ries unabgetan zu Boden, kassiert die verteidigende Mannschaft ein «Nummero». Bei der Rangierung zählt zuerst die Zahl dieser Nummero. Erst bei gleicher Anzahl entscheidet die Schlagleistung.
Damit bekommt das Geschehen im Ries eine andere Bedeutung. Der Einzelne kann noch so prächtig schlagen: Lässt seine Mannschaft einen Nouss durch, wird die Schlagleistung zweitrangig. Gerade das gefällt mir an diesem Sport. Vorne darf einer glänzen. Hinten müssen alle füreinander einstehen.

Auch am Bock kann es die Null geben
Natürlich hat auch das Schlagen seine Tücken. Misslingen zwei Versuche, resultiert eine Null. Wer länger neben dem Bock steht, beobachtet plötzlich Details: Wie steht der Schläger, welche Hand führt, wie wird der Stecken beschleunigt? Es gibt sogar Hornusser, die auf beiden Seiten schlagen können. Von weitem wirkt das archaisch: Bock, Stecken, Träf, Nouss und ein kräftiger Mann oder eine kräftige Frau. Je länger man hinschaut, desto technischer wird es.
Auch das Material hat sich verändert. Früher wurden Stecken aus Holz, unter anderem Esche, verwendet. Später kamen Fiberglas und moderne Verbundwerkstoffe dazu; heute gehört Kohlefaser längst zum Hornusserplatz. Aus früheren Zeiten ist sogar überliefert, dass Holzstecken beim Bauern in die Gülle gelegt wurden, damit sie besser «zogen».
Ein Sport mit bäuerlichen Wurzeln
Dass Hornussen bis heute stark mit der Landwirtschaft verbunden ist, kommt nicht von ungefähr. Vorformen sind aus dem 16. und 17. Jahrhundert überliefert; als erster Hornusser-Wettkampf gilt ein Anlass von 1655. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Sport besonders unter Bauern. Gespielt wurde auf abgeernteten Feldern.
Hornussen war von Anfang an auf Land angewiesen. Das gilt bis heute. Einen Hornusserplatz kann man nicht in eine Turnhalle verlegen; ein grosses Fest braucht erst recht Fläche. Dazu gehören nicht nur Schläger, Abtuer und Helfer, sondern auch Grundeigentümer und Bewirtschafter.
Vom Junghornusser bis zum Veteranen
Wer Hornussen als Sport älterer Männer betrachtet, liegt ebenfalls daneben. Frauen und Männer spielen nach denselben Regeln in gemischten Mannschaften. Frauen übernehmen Funktionen in Spielleitungen, Vorständen und Nachwuchsausbildung. Beim Nachwuchs bis 16 Jahre ist bereits ungefähr jedes sechste Mitglied ein Mädchen.

Jugendliche stehen neben Männern, die ihre ersten Nousse schlugen, als Kohlefaser noch Zukunftsmusik war. Junghornusser können bei einem Match einen ausgefallenen Spieler ersetzen, die Jungen lernen von den Alten. Hornussen kennt kein sportliches Ablaufdatum.
Wohl kaum ein einfaches «Bauerntennis»
Gelegentlich wird Hornussen als «Bauerntennis» bezeichnet. Der Vergleich ist praktisch, aber ungefähr so präzise wie die Behauptung, ein Mähdrescher sei ein etwas grösserer Rasenmäher. Hornussen ist Kraftsport und Präzisionsarbeit, Laufspiel und Mannschaftssport. Dazu kommen Reaktionsvermögen, Augenmass, Mut, Technik und eine gehörige Portion Erfahrung. Und selbstverständlich das Vereinsleben.
Beim Veteranenhornussen kommt Kameradschaft hinzu. Das heisst aber nicht, dass es niemanden mehr kümmert, wer gewinnt. Sobald der Nouss auf dem Bock liegt, wird aus dem gemütlichen Veteranen wieder der Wettkämpfer.

Ich muss noch einiges lernen
Als ich Zuchwil verliess, verstand ich mehr vom Hornussen als bei meiner Ankunft. Aber längst nicht alles. Ich weiss nun, weshalb ein unabgetaner Nouss eine Mannschaft härter treffen kann als einige kurze Streiche, und dass hinter einem scheinbar einfachen Schlag erstaunlich viel Technik steckt.
Genau deshalb beginnt die Bauernzeitung mit diesem Artikel ihre Serie «Auf dem Weg ans Eidgenössische 2027». Wir wollen bis zum Eidgenössischen Hornusserfest dorthin gehen, wo dieser Sport lebt: zu Gesellschaften und Aktiven, zu Junghornussern und Hornusserinnen, zu ehemaligen Schlägerkönigen, zum organisierenden Verein und zum OK – und auch zu den Bauern und Landbesitzern, ohne deren Boden ein solches Fest nicht stattfinden könnte.


