Routiniert fährt Florian Wittwer mit dem Mistzetter im steilen Gelände. Er ist ruhig und konzentriert, den Blick auf das Gelände gerichtet. Standortleiter Beni Knoll gibt ihm Anweisungen: «Noch einen Meter, dann kannst du Mist rauslassen.»
Momentan ist Florian noch der Einzige der Lernenden, der im Gelände fahren darf. Er ist auf einem Bauernbetrieb auf 1100 Meter über Meer im Trub BE aufgewachsen. Er hat bereits den Traktorführerschein gemacht und kennt sich aus mit steileren Lagen. Er hat auch den Kurs «Fahren am Hang», der vom BUL angeboten wird, absolviert. Florian geniesst seinen Status als einziger Maschinist unter den Jugendlichen.
Von den sechs Jugendlichen, die dieses Jahr ihre landwirtschaftliche Ausbildung im Hof Oberlehn machen, hat noch ein Zweiter den Traktorführerschein. Dieser ist jedoch aufgrund seiner kognitiven Einschränkung nicht in der Lage, selbstständig mit dem Transporter im steilen Gelände zu fahren. Doch auch er hat grosse Entwicklungsschritte gemacht. Vielleicht wird er mit Unterstützung schon in ein paar Monaten kurze Fahrten übernehmen dürfen.

In den kleinen Lerngruppen kann gut auf die Bedürfnisse eingegangen werden
«Ich möchte die Jugendlichen darin unterstützen, etwas zu wagen», erklärt Beni Knoll. «Gerade diejenigen, die wie Florian integrativ in der Staatsschule waren, kennen das Gefühl von Überforderung gut und trauen sich oft wenig zu.»
Der Hof Oberlehn liegt oberhalb von Walkringen, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Bern, und gehört zur Friederika-Stiftung. Diese bietet in verschiedenen Bereichen Ausbildungen an für Jugendliche mit Unterstützungsbedarf. Die Fähigkeiten der Jugendlichen liegen weit auseinander.
Im Hof Oberlehn können sie die Ausbildung «Praktiker/Praktikerin Landwirtschaft» nach INSOS machen. Angeboten wird auch ein Berufsfindungsjahr, in dem im Beruf geschnuppert werden kann. Zudem bieten sie ein Coaching an für diejenigen, die die Ausbildung zum Agrarpraktiker EBA machen. Florian wird nach den zwei Jahren «Praktiker Landwirtschaft» die Lehre zum Agrarpraktiker EBA starten, eine Lehrstelle hat er bereits in Aussicht. Er ist einer, der zupackt und gewohnt ist, zu arbeiten. Dadurch, dass die Lerngruppen klein sind, kann gut auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen werden. Bei Florian sind es auch die schulischen Fähigkeiten, die gestärkt werden konnten.

«Eifach dürezieh u guet schaffe»
Anders sieht die Situation bei Eveline Zbinden aus. Sie kommt aus Leuzigen, ihre Verbundenheit mit den Tieren ist gross. «Ich mag die Kühe», sagt sie und setzt sich zu ihnen. Vertraut krault sie den kleinen Muni, gerne lässt er sich das gefallen. Man merkt gut, dass hier ein ruhiger Umgang gepflegt wird. Die Jugendlichen sind gerne bei den Tieren. Entsprechend sind die Tiere auch sehr zahm.

«Hier habe ich viel gelernt, das hat mir Spass gemacht», erzählt die 17-Jährige, «aber manchmal war es schon sehr streng.» Sie hat eine Anschlusslösung in der Stiftung Rüttihubelbad in der Schreinerei und Gärtnerei gefunden. Finanziert wird ihre Arbeitssituation einerseits durch die Invalidenkasse und andererseits mit den Betreuungsgutscheinen des Kantons.
Eveline kann einfache Arbeiten zuverlässig erledigen, doch bei komplexeren Aufgaben ist sie weiterhin auf Unterstützung angewiesen. Die stets wiederkehrenden Arbeiten bei den Kühen passen ihr, da findet sie sich gut zurecht. «Eifach dürezieh u guet schaffe», antwortet sie auf die Frage, was sie den neuen Lernenden für einen Rat geben würde. Durchgezogen hat sie ihre Ausbildung zur Praktikerin Landwirtschaft, die sie diesen Sommer erfolgreich mit dem Diplom abgeschlossen hat.

«Ich kann mir die Zeit nehmen, die ich brauche»
Beni Knoll schätzt die ruhige Atmosphäre, in der die Jugendlichen im Hof Oberlehn in die Berufswelt einsteigen können. Die Bandbreite ist gross, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Jugendlichen entsprechend. «Gerade in der Anfangsphase ist es wichtig, die Jugendlichen gut zu begleiten, damit sie als Team zusammenwachsen können.» Knoll ist selbst Familienvater von drei Jugendlichen, er kann die Themen, mit denen sie unterwegs sind, gut nachvollziehen.

Mittlerweile hat Florian den Mistzetter zum Beladen beim Miststock abgestellt. Einige Jugendliche beobachten ihn vom Hofplatz aus. Die Stimmung ist gut, sie sind unterdessen zu einem eingeschworenen Team zusammengewachsen. Am Anfang des Ausbildungsjahres war das noch nicht so. Sie mussten etliche Schwierigkeiten meistern, um ihren Platz zu finden.
«Das Schöne hier ist, dass sie mit anderen Jugendlichen zusammen in der Gruppe unterwegs sind und nicht einfach ein erwachsenes Gegenüber haben», führt Beni Knoll aus. «Viele haben noch Defizite aufzuholen, die sie aus ihrem bisherigen Leben mitbringen. Einige hatten eine schwierige Schulkarriere, andere kommen aus belastenden Familiensituationen. Ich sehe die Diversität als Chance, um voneinander lernen zu können.»
Das gelingt im Hof Oberlehn, weil der Arbeitsdruck nicht so hoch ist. Das bestätigt auch Florian: «Das Schöne hier im Oberlehn ist halt, dass wir selten Stress haben. Ich arbeite in der Geschwindigkeit, wie ich kann, muss nicht ‹juflen› und kann mir die Zeit nehmen, die ich brauche.»

Nach der kurzen Pause steigt er wieder in den Transporter, um weiterzufahren. Eveline sucht sich eine Arbeit im Schatten. Sie ist heute sehr erschöpft, hat schlecht geschlafen und die Hitze drückt ihr aufs Gemüt. Auch das hat Platz hier, der Anspruch an die Jugendlichen bezieht sich hier weniger auf die Arbeitsleistung als auf das Erlernen von Grundkenntnissen und das Einhalten der Regeln im Zusammenleben.
Unterschiedliche Niveaus werden respektiert
«Dadurch, dass wir stärkere und weniger starke Jugendliche in der Gruppe haben, gibt es eine gute Durchmischung», führt Beni Knoll aus, «gleichzeitig ist das für sie eine riesige Herausforderung. Zum Beispiel, wenn zwei, die zusammen ein Ämtli haben, voneinander lernen, dass sie zwar auf einem unterschiedlichen Niveau arbeiten, aber deswegen die Arbeit nicht weniger wert ist. Das ist eine grosse Leistung, von beiden Seiten her, wenn sie einander helfen, und einander respektieren.»
Unterdessen ist es Mittag geworden. Der Mist ist geführt und die Jugendlichen sind schwatzend auf dem Weg zum Mittagstisch. Nicht ohne sich vorher noch kurz am Brunnen mit einer kleinen Wasserschlacht zu erfrischen.
Möchten Sie mit Menschen mit Unterstützungsbedarf zusammen arbeiten?
Für Jugendliche, die erfolgreich ihre Ausbildung abgeschlossen haben, sind Anschlusslösungen sehr gesucht, ebenso Praktikumsbetriebe, in denen die Jugendlichen zeigen können, wie sie arbeiten können und welche Qualitäten sie mitbringen. Betriebe, die sich vorstellen können, mit Menschen mit Unterstützungsbedarf zusammenzuarbeiten, können sich direkt bei der Friederika-Stiftung oder bei der Stiftung LUB melden. Das Inforama Zollikofen BE bietet einen Weiterbildungskurs für «Betreuung im ländlichen Raum» an. Der nächste Kurs startet am 30. Oktober 2026.
Ausbildungen für Jugendliche mit Unterstützungsbedarf
Die Friederika-Stiftung bietet als Kernaufgabe in acht Bereichen (Landwirtschaft, Hauswirtschaft, Gärtnerei, Schreinerei, Küche, Garten- und Landschaftsbau) IV-unterstützte erstberufliche Ausbildungen an: PrA nach INSOS, sowie in einigen Berufen auch EBA. Zudem wird eine berufliche Abklärung angeboten, um Klarheit über die individuelle Leistungsfähigkeit und das Ausbildungsniveau zu erhalten. Zusätzlich gehören begleitende Integrationsmassnahmen in den ersten Arbeitsmarkt nach der Ausbildung zum Angebot. Ziel ist es, die grösstmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmung im Alltag zu erreichen.

