«Die entscheidenden Schiedsrichter sind die Kälber» – Tipps für die optimale Ration

Zu energiereiche Rationen bergen das Risiko für Durchfall und Pansenazidose. Tierarzt Martin Kaske erklärt, warum bei der Kälberfütterung Fingerspitzengefühl gefragt ist.

Milch, Milch und noch mehr Milch – das ist heute das Prinzip in der Kälberaufzucht während der ersten Lebenswochen. Neugeborene Kälber fressen zunächst kein Festfutter, und nur durch hohe Milchmengen erreichen sie hohe tägliche Zunahmen und damit eine robuste Konstitution, um trotz harscher Wetterbedingungen und zahlreicher Krankheitserreger in der Umgebung gesund zu bleiben.

«Dennoch ist es wichtig, dass ein Kalb schon ab dem ersten Lebenstag Beifutter erhält», erklärt Martin Kaske, Tierarzt beim Rindergesundheitsdienst Schweiz (RGS). Nur so würden sich die Tiere daran gewöhnen und später grössere Mengen aufnehmen. In der Natur zeigen die Kälber nämlich anfänglich ein Meideverhalten gegenüber festem Futter – ein angeborenes natürliches Verhalten, um nicht potenziell giftige Pflanzen aufzunehmen.

Mit einer Handvoll frischem Futter anfangen

Kälber orientieren sich an der Kuh und lernen durch das Beobachten der Mutter, welches feste Futter gefressen werden kann. «Da wir aber unsere Kälber früh vom Muttertier trennen, entfällt diese Vorbildfunktion.» Deshalb empfiehlt Martin Kaske, schon in der ersten Lebenswoche täglich eine Handvoll frisches Futter anzubieten. Sehr wenig sei ausreichend, um die spielerische Gewöhnung zu erreichen – es müsse aber wirklich frisch sein. Stelle man den Kälbern nur am Anfang einen vollen Kessel Futter hin, verschmutze dieses schnell durch Regen, Speichel oder Kot, was erst recht nicht zum Fressen anrege. «Sobald sie aber von sich aus fressen, erhalten sie grössere Mengen», sagt Kaske. Der RGS empfiehlt, die Tiere frühestens von der Milch abzugewöhnen, wenn sie 1 kg Futter pro Tag zu sich nehmen.

Hohe Zunahmen verbessern die erste Laktation

Kaske weiss aber, dass Kälber, die viel Milch trinken, «Leckermäuler» sind und häufig die Milch dem Futter vorziehen. So müsse man halt auch die Milch anfangen zu reduzieren, um sie damit quasi zum Fressen zu zwingen. In den ersten Lebenswochen soll aber die Milch im Fokus stehen. Die Empfehlung des RGS lautet: In den ersten sechs Lebenswochen sollen die Kälber möglichst 1 kg am Tag zunehmen, um eine optimale Organ-, Rahmen- und Euterentwicklung zu erreichen.

Das werde sich später auszahlen. In mehreren wissenschaftlichen Studien wurde ein langfristiger Effekt des Wachstums während der Tränkeperiode gezeigt: Je höher die täglichen Zunahmen in dieser Phase sind, desto mehr Milch geben die Tiere in der ersten Laktation. Entscheidend sei somit gerade in den ersten Lebenswochen viel Milch, aber auch die zügige Aufnahme von Beifutter, vor allem ab dem zweiten Lebensmonat.

Kälber müssen den Umgang mit Festfutter zuerst lernen. (Bild: Alissa Scheuermeier)

Auch bei der Art des Futters gibt Martin Kaske eine klare Empfehlung ab: Es soll eine Kälber-TMR sein, also eine Mischration mit Kraftfutter und Strukturfutter, die auch Mineralstoffe, Spurenelemente und etwas Melasse enthalten. «Wir wollen eine hohe Futteraufnahme, aber es gleichzeitig nicht übertreiben mit der Energiedichte», ansonsten bestehe aufgrund eines zu hohen Anteils leicht verdaulicher Kohlenhydrate das Risiko für eine Pansenazidose.

Für die optimale Mischration ist Fingerspitzengefühl gefragt

Am wichtigsten ist Kaske aber eine gute Beobachtung der Kälber während der Aufzucht. Man müsse sich an die optimale Ration herantasten. Es gebe auf der einen Seite Mischrationen, die gut verträglich und gut für die Pansenentwicklung sind, jedoch nur eine moderate Energiedichte haben. Auf der anderen Seite gebe es Rationen mit hoher Energiedichte und hohem Proteingehalt, was bis zu einem gewissen Grad gewünscht ist, aber eben auch Risiken hinsichtlich Durchfall und Pansenazidose berge. Die optimale Mischration für die eigenen Tiere zu finden, brauche Fingerspitzengefühl.

Kaske sagt dazu: «Es ist unwichtig, was die Beratung oder Fachleute empfehlen. Die entscheidenden Schiedsrichter sind die Kälber.» Sie sollen das Beifutter nämlich gerne und viel fressen, frohwüchsig sein, eine gute Kotkonsistenz sowie ein schönes Haarkleid haben. Keinesfalls vergessen dürfe man zudem, dass zusätzlich zum Beifutter auch Wasser für eine gute Entwicklung und hohe Futteraufnahme zwingend notwendig sei.

Kaske empfiehlt, regelmässig mit der Waage oder dem Massband zu kontrollieren, wie viel die Kälber zunehmen. Wenn sie in den ersten sechs Lebenswochen 1 kg pro Tag zulegen würden, so habe man ganz offensichtlich in der Tränkeperiode alles richtig gemacht – und die Voraussetzung für eine hohe Leistungsbereitschaft im weiteren Leben geschaffen.

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