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Agri-PV über Reben: Früher fehlte die Sonne, heute der Schatten

Auf dem Zelglihof in Sissach testen Ebenrain und FiBL Solarpanels über Reben – zur Energieproduktion und als Schutz gegen Hitze, Frost und Hagel. Die erste Bilanz nach dem Hitzesommer stimmt zuversichtlich.

Früher fürchtete man im Rebbau, die Trauben bekämen zu wenig Sonne. Nach dem Hitzesommer 2026 ist es umgekehrt: Sonnenbrand, eingetrocknete Beeren und trockene Böden machen den Reben zu schaffen. «Beschattung galt früher als negativ, heute wünscht man sich oft, es hätte etwas Schatten», sagte Linnéa Hauenstein vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) an einer Medienorientierung in Sissach.

Auf dem Zelglihof bekommen die Reben diesen Schatten seit Mai von oben: Über einer Parzelle der pilzwiderstandsfähigen Sorte Muscaris hängen rund 150 kleine Solarmodule, die gleichzeitig Strom produzieren.

Die Pilotanlage ist Teil des Interreg-Projekts «Agri-PV im Weinbau» am Oberrhein, an dem auch Partner aus dem Elsass, aus Baden-Württemberg und aus Rheinland-Pfalz beteiligt sind. Auf Schweizer Seite machen das Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung, das FiBL, die Genossenschaft Elektra Sissach, die Firma SV Solar und der Zelglihof mit. «Landwirtschaft und Energieproduktion stehen nicht im Widerspruch», sagte Eleonor Fiechter vom Ebenrain.

Acht verschiedene Varianten im Test

Die Versuchsanlage umfasst 250 Quadratmeter Rebfläche und rund 70 Quadratmeter Panels mit einer Leistung von 12,3 Kilowatt-Peak. Getragen werden die Module von in den Boden gerammten Stahlprofilen und Drahtseilen, Betonfundamente braucht es keine. Getestet werden acht Varianten. Die eine Hälfte setzt auf schmale Panels und ist auf das Landschaftsbild optimiert, die andere auf breitere Panels für mehr Stromertrag. Innerhalb dieser beiden Gruppen sind die Module jeweils horizontal, dachförmig oder vertikal angeordnet, in einer vierten Variante vertikal über schräg erzogenen Reben.

Die passenden kleinen Module fand Stefan Vögtli von SV Solar bei einem Hersteller in den Niederlanden, denn die gängigen Standardgrössen sind zu gross. Gebaut wurde Anfang Mai 2026, am 30. Mai floss der erste Strom. Seither hat die Anlage rund 5,75 Megawattstunden produziert, etwa anderthalbmal so viel, wie ein Vierpersonenhaushalt pro Jahr verbraucht.

Schutz vor Hitze, Frost und Hagel

Am FiBL interessiert vor allem, was die Panels für die Reben bedeuten. Neben dem Sonnenbrand gehe es auch um die Qualität, erklärte Hauenstein: Bei starker Einstrahlung und Hitze werden Aromastoffe abgebaut, gerade bei einer fruchtig-aromatischen Sorte wie Muscaris. Partner in Deutschland sehen zudem Potenzial, dass die Bodenfeuchte unter den Panels länger erhalten bleibt.

Erste Beobachtungen in Sissach sind ermutigend. Unter den Panels bilden die Reben eine gleichmässigere Laubwand, die besser durchlüftet wird. Die Blätter trocknen schneller ab, was Pilzkrankheiten vorbeugt. Ob sich dadurch auch Pflanzenschutzmittel einsparen lassen, wird im Projekt getestet.

Flache und dachförmige Panels könnten die Reben zudem vor Spätfrost und Hagel schützen. Sie verhindern, dass der Boden nachts seine Wärme nach oben abstrahlt, und fangen Hagelkörner ab. Beides ist im Baselbiet keine Theorie: 2017 vernichtete ein Spätfrost im April in der Nordwestschweiz rund 85 Prozent des Traubenertrags, und 2025 trafen die Oberbaselbieter Rebgemeinden vier Hagelschläge, zuletzt Ende August mit Körnern von fünf bis sechs Zentimetern.

Strom am Morgen und am Abend

Umgekehrt profitieren auch die Panels von den Reben. Auf Hausdächern heizen sich Solarmodule auf und verlieren Leistung. Über dem Rebberg haben sie Luft, und die Verdunstungskühle der Reben steigert ihre Effizienz, am stärksten bei flachen Panels, die die Reben auch am besten beschatten. Dachförmige Panels fangen Morgen- und Abendsonne ein. Vertikale Panels produzieren früh und spät, aber kaum über Mittag.

Genau das interessiert Stefan Jurt von der Elektra Sissach: Früher seien Solaranlagen nach Süden ausgerichtet worden, mit viel Strom am Mittag. Heute sei Strom am Morgen und am Abend gefragter, denn die Mittagsspitzen beim Solarstrom sind für die Netzbetreiber zunehmend ein Problem. Der Strom aus dem Rebberg geht ins Netz und wird als «Sissastrom» verkauft.

Mehr Solarstrom braucht es ohnehin, betonte Urs Weingartner, Rebbaukommissär am Ebenrain und Projektleiter auf Schweizer Seite. Um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen, müsse sich die Solarstromproduktion mindestens vervierfachen.

Dazu komme, dass die Wasserkraft wegen des Klimawandels an Leistung verliere. «Wenn die Gletscher einmal geschmolzen sind, wird die Wasserkraft nicht mehr so viel beitragen können wie bisher.» Schon heute liefern die Wasserkraftwerke bei Niedrigwasser infolge Trockenheit deutlich weniger Strom, wie dieser Sommer gezeigt hat.

Bewirtschaftung der Reben muss möglich bleiben

Für Winzer Daniel Wiedmer war die Anlage im Alltag kein Hindernis. Die Panels sind relativ hoch montiert, und in einer Variante werden die Triebe schräg aufgezogen, damit sich ihre Spitzen trotz der Stahlträger maschinell mit dem Laubschneider kappen lassen. «Die mechanische Bewirtschaftbarkeit soll möglichst wenig eingeschränkt werden», sagte Weingartner. Für einen grossflächigen Einsatz müssten aber Geräte angepasst werden, denn überzeiliges Fahren, also beide Seiten einer Rebzeile in einer Fahrt zu bearbeiten, ist unter den Panels nicht mehr möglich.

Bei Regen sieht Wiedmer keine Nachteile, bei Hitze eher Vorteile. Offen ist noch, ob Spritzbrühe aus der Gebläsespritze die Module verschmutzt und so den Stromertrag mindert. Beim Pflanzenschutz arbeitet der Betrieb ohnehin gezielt und nie bei Wind.

«Prädestinierte Lage für Photovoltaik»

Dass Reben sich für Photovoltaik eignen, liegt laut Weingartner auf der Hand. Wo im Baselbiet Reben für die Weinproduktion stehen dürfen, ist gesetzlich klar geregelt, mit Vorgaben zu Exposition, Hangneigung und Höhenlage. «Deshalb stehen die Reben dort, wo die Sonne scheint, eine prädestinierte Lage für Photovoltaik.» Im Kanton gibt es rund 115 Hektaren Reben.

Erfahrungen gibt es in der Schweiz aber kaum. Im Obstbau lassen sich die Gerüste der Hagelnetze für Solarpanels nutzen, wie mehrere Anlagen über Obst und Beeren zeigen. «Bei den Reben hat man das nicht», so Weingartner. Einzig in Walenstadt SG hat die ZHAW 2013 eine Forschungsanlage über Reben gebaut, mit grossen Standardpanels und massiver Konstruktion. Ein Projekt mit einem Faltdach über Reben im Wallis wurde nach mehreren Anläufen aufgegeben.

Zuversicht trotz strenger Auflagen

Entscheidend für die Zukunft solcher Anlagen ist der Nachweis, dass die Reben profitieren. Denn in der Schweiz wird eine Freiland-PV nur bewilligt, wenn sie sich positiv auf die landwirtschaftliche Produktion auswirkt, anders als im Elsass oder in Südbaden. Bis 2028 messen Ebenrain und FiBL deshalb unter anderem Mikroklima, Wasserversorgung, Hagel- und Pilzschutz sowie Traubenqualität und die Sensorik der Weine.

Die erste Saison stimmt zuversichtlich: Die Anlage lieferte viel Strom, und die Reben waren besser vor Hitze und Sonnenbrand geschützt. Offen ist dagegen eine Frage, die sich nicht messen lässt: wie Solarpanels im Rebberg ankommen. Eine Akzeptanzstudie soll zeigen, ob die Bevölkerung Reben mit Solarpanels im Landschaftsbild akzeptiert.

Ramona und Daniel Wiedmer vom Zelglihof in Sissach: Über einer ihrer Rebparzellen läuft seit Mai der Versuch mit Solarpanels. (Bild: Peter Walthard)

Agri-PV im Weinbau: Das Projekt

Was: Interreg-Projekt «Agri-PV im Weinbau» am Oberrhein. An drei Pilotstandorten in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und der Schweiz werden je unterschiedliche Konstruktionen getestet. Untersucht werden Stromertrag, Schutz der Reben, Kosten-Nutzen-Verhältnis und Akzeptanz im Landschaftsbild.

Laufzeit: Dezember 2025 bis November 2028

Pilotanlage Sissach: 250 m² Rebfläche, 70 m² Panelfläche, 12,3 kWp Leistung, Sorte Muscaris. In Betrieb seit 30. Mai 2026, bisher rund 5,75 MWh Strom.

Varianten: schmale Panels (Fokus Landschaftsbild) und breite Panels (Fokus Stromertrag), je horizontal, dachförmig, vertikal sowie vertikal mit schräg erzogenen Reben.

Partner Schweiz: Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung (Projektleitung Schweiz), FiBL, Elektra Sissach, SV Solar, Zelglihof Sissach. Projektträger ist das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz.

Finanzierung Schweiz: Bund, Kanton Basel-Landschaft und Kanton Aargau, via Regio Basiliensis.

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