Selten habe ich mich im Januar so genervt. Und zwar ob dem «Veganuary», also dem Januar, in dem uns ständig eingeredet wird, dass wir uns vegan ernähren sollen. Von allen Seiten – auf Social Media, in den Werbezeitschriften der Grossverteilern und allen anderen Werbekanälen – wurde uns den ganzen Monat vorgegaukelt, «nur wer sich vegan ernährt, handelt klimabewusst».
Verzicht ja, aber keine Kommerzialisierung
Die Belohnung für das richtige Verhalten kann ich an einem grossen Plakat neben einem Einkaufszentrum ablesen. «Die Zukunft liegt mir am Herzen» (grünes Herz) steht da.
«Darf ich persönlich nicht behaupten, die Zukunft liege auch mir sehr am Herzen, wenn ich Rindfleisch oder ein Schwinigs aus der Region aus besonders tierfreundlicher Stallhaltung zum Zmittag hatte?»
Peter Nüesch zur Werbung der Grossverteiler
Verzicht stört mich nicht. Mich stört die Kommerzialisierung des Verzichts. Hinter den Aufrufen «Bitte den Planeten schützen» ist unschwer die Verkaufsstrategie von Grossverteilern zu erkennen. Oder gibt es einen anderen Grund, weshalb sogar Mineralwasser als vegan deklariert wird?
Letzthin wurde im Anschluss an eine Veranstaltung eine gerädelte Bratwurst mit Senf und anderen Saucen als Beilage serviert. Nichts ahnend habe ich herzhaft zugegriffen, selbstverständlich ohne Senf. Ohh, was für eine Enttäuschung, das war keine Olma-Bratwurst, sondern ein Fleischersatzprodukt. Dieses war für mich jedoch mit und ohne Senf nicht zu geniessen.
Die Schweiz ist und bleibt ein Grasland
Es macht Sinn, im Grasland Schweiz über die Tierhaltung hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren. Unsere Raufutterverzehrer wandeln die Futterpflanzen um, die wir Menschen nicht verwerten können. Wir gewinnen effizient die Energie in Form von Rindfleisch, Milch und Käse.
Auf einem Grossteil der Grünlandflächen können gar kein Gemüse, Kartoffeln oder Getreide für die menschliche Ernährung angebaut werden. Ausgeschlossen sind die Hanglagen in den Bergen. Aber auch in den Talregionen gibt es viele Flächen, die nicht für den Ackerbau geeignet sind. Auch in meiner Region mit hohen Niederschlägen sind die Böden mit hohem Grundwasserstand ackerbaulich nur bedingt oder eben nur für Futterbaukulturen geeignet.
Zwischendurch auch mal fleischlos
Dass die Futterbauflächen Teil der Lösung und nicht das Problem sind, wird oft verschwiegen. Pflanzen wandeln das CO2 bei der Photosynthese um, dabei nimmt die Pflanze CO2 auf, dieses wird in Sauerstoff und Kohlenstoff umgewandelt. Der Kohlenstoff kommt durch die Wurzeln der Pflanze in den Boden und wird dort gebunden. Der Sauerstoff wird wieder in die Atmosphäre ausgestossen und ermöglicht so Leben auf der Erde.
Ich verzichte auf diesen «Plant-based»- und «Vegan»-Hype. Ich geniesse unsere wunderbaren natürlichen Produkte, welche unsere Landwirtschaft hergibt. Hierzulande haben wir die besten Voraussetzungen für artgerechte und naturnahe Produktion.
«Und zwischendurch darf es gerne auch mal ohne Fleisch sein, denn die Vielfalt der regionalen und frisch verfügbaren Spezialitäten ist so gross.»
Peter Nüesch zur Vielfalt der regionalen Produkte
Bei einem feinen Käse- oder Kartoffelgericht mit Gemüse oder Salat kann ich gerne mal auf das Fleisch verzichten. Und das, weil mir die Zukunft unseres Planeten sehr am Herzen liegt.
Zum Autor
Peter Nüesch ist Präsident des St. Galler Bauernverbands und FDP-Kantonsrat. Er schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

