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Vom Turbo-Poulet zum Musterschüler: Migros nimmt das Tempo raus

Auf dem Hof von Walter und Christine Stucki haben Migros und IP-Suisse ihr Programm für eine nachhaltigere Optigal-Produktion lanciert. Was im März als Ankündigung begann, hat nun einen Fahrplan – und auch einige Fragezeichen.

Es ist kein Zufall, dass Migros und IP-Suisse ihr neues Poulet-Programm ausgerechnet in einer Scheune verkünden, umgeben von Heu und Strohballen statt Konferenzraum-Teppich. Der Auftritt soll Bodenhaftung signalisieren – für ein Projekt, das die Schweizer Geflügelproduktion in der Breite verändern will, nicht nur in einer Nische.

Gemeinsame Richtlinien entwickelt

Wie ernst es gemeint ist, zeigt sich in den Details, die Christophe Eggenschwiler, Geschäftsführer von IP-Suisse, den Gästen präsentierte: Migros und IP-Suisse haben gemeinsame Richtlinien für die Optigal-Pouletfleischproduktion entwickelt.

Produzentinnen und Produzenten müssen künftig 9 statt bisher 7 Prozent Biodiversitätsförderflächen ausweisen – artenreiche Wiesen, Hecken, Buntbrachen, Blühstreifen oder Hochstamm-Feldobstbäume. Beim Tierwohl kommen eine besonders tierfreundliche Stallhaltung (BTS), zusätzliche Pickmöglichkeiten und vor allem langsamer wachsende, halbextensive Rassen dazu.

Sichtbares Zeichen für die Kundschaft: der Marienkäfer von IP-Suisse, der künftig auf den Optigal-Packungen prangt. Mehr als 10 000 Bäuerinnen und Bauern produzierten heute bereits nach den IP-Suisse-Anforderungen, betonte Eggenschwiler – eine Basis, auf der das neue Optigal-Programm nun aufbaut. Für Migros ist das die Gelegenheit, Tierwohl-Ansprüche dort zu verankern, wo sie am meisten Volumen bewegen.

Vom Ross 308 zur Rasse JA 787

Wie diese Ansprüche konkret in den Stall übersetzt werden, zeigt der Rassenwechsel: Ein bedeutender Teil des Optigal-Sortiments wechselt von der schnellwüchsigen Hybridrasse Ross 308, die wegen Atemnot und Skelettproblemen in der Kritik steht, zu langsamer wachsenden Linien wie der Rasse JA 787.

Diese Tiere bleiben rund 42 statt rund 35 Tage in der Mast – eine Woche länger also. Das klingt nach Detail, ist für die Betriebe aber betriebswirtschaftlich relevant: Ein Umtrieb (Mastdurchgang) pro Jahr fällt weg, was laut den am Anlass genannten Zahlen einem Produktionsverlust von rund 12 Prozent entspricht.

Wer diesen Verlust trägt, ist damit die eigentliche Preisfrage hinter dem Programm. Migros will ihn über ein Vergütungsmodell auffangen, das den Verdienst der Betriebe stabil halten soll – die Mehrkosten sollen primär über Effizienzgewinne bei Migros selbst kompensiert werden, nicht bei Produzenten oder an der Ladenkasse. Ob diese Rechnung tatsächlich aufgeht, ohne dass am Ende doch irgendwo nachjustiert wird, bleibt abzuwarten.

Auf konkrete Preiszusagen liess sich Thomas Stoffel, Leiter Category Management Fleisch bei der Migros Supermarkt AG, denn auch nicht ein: In einer volatilen Marktlage sei es nicht sinnvoll, Preise festzunageln. Die Futterverfügbarkeit sei nur eines von mehreren Beispielen, wo die Kosten derzeit steigen würden.

Höhere Anforderungen umsetzbar machen

Dass sich das Programm trotzdem in der Fläche durchsetzen lässt, hängt für IP-Suisse massgeblich davon ab, wie praxisnah die neuen Vorgaben tatsächlich sind. «Die neue Optigal-Richtlinie verbindet höhere Anforderungen an das Tierwohl mit einer Lösung, die von vielen Betrieben umgesetzt werden kann», sagt Eggenschwiler.

Wie viele Betriebe das in absehbarer Zeit sein werden, zeigt der Fahrplan: Aktuell produzieren rund 50 Betriebe nach den neuen Richtlinien; Micarna arbeitet insgesamt mit über 500 Partnerbetrieben zusammen. Bis Ende 2026 sollen es 61 sein, die umgestellt haben.

Der Rollout selbst ist gestaffelt: Ab September deckt Optigal 30 Prozent des Bedarfs im Standardsortiment ab, ab Oktober kann das gesamte Standardsortiment zu 100 Prozent mit Optigal bestückt werden. Bis Ende 2027 soll die komplette Umstellung innerhalb von Optigal stehen – inklusive tieferem Bedarf an importierten Bruteiern.

Der Ehrgeiz reicht dabei über Optigal hinaus: Mindestens die Hälfte des bei Migros verkauften Poulets soll künftig den Marienkäfer tragen, wurde am Anlass in Aussicht gestellt.

Vier von fünf: das «Better Chicken Commitment»

Am deutlichsten wird der Anspruch beim «Better Chicken Commitment (BCC)», einer Initiative internationaler Tierschutzorganisationen: Mit dem neuen Programm erfüllt Migros bereits vier von fünf Kernanforderungen vollständig – mehr Platz im Stall (30 kg/m², maximal eine Teilausstallung), strukturierte Ställe mit erhöhten Ebenen und Beschäftigungsmöglichkeiten, langsamer wachsende Rassen sowie unabhängige Audits mit öffentlichem Reporting.

Die fünfte Anforderung, die schonende Betäubung ohne Aufhängen, hängt dagegen an einem Bauprojekt, das noch gar nicht steht: dem geplanten Ersatzneubau des Geflügelschlachthofs in Saint-Aubin FR. Der heutige Betrieb in Courtepin FR stammt aus dem Jahr 1962 und hat laut Migros das Ende seiner Nutzungsdauer erreicht – die schonende CAS-Gasbetäubung, wie sie das BCC verlangt, lässt sich in der alten Anlage schlicht nicht umsetzen.

Der Neubau soll das ändern und gleich mehr leisten als nur eine neue Betäubungstechnik: Migros will darüber die Wertschöpfungskette stärker in der Schweiz verankern und auch in vorgelagerte Produktionsstufen investieren, von der Elterntierhaltung über die Brüterei bis zur Mast, um den Bedarf an importierten Bruteiern schrittweise zu senken.

Der Wasserverbrauch soll gegenüber dem heutigen Betrieb um 40 Prozent respektive rund 240 Millionen Liter pro Jahr sinken. Erst mit diesem Neubau, nicht schon mit der jetzt lancierten Rassenumstellung, wäre also der Grundstein für ein vollständiges, öffentliches BCC-Commitment gelegt – Migros wäre dann der erste Schweizer Detailhändler mit einer solchen Selbstverpflichtung.

Funktioniert Nachhaltigkeit im breiten Sortiment?

Losgelöst vom Schlachthof-Neubau bleibt die Frage, wie sich Nachhaltigkeit im breiten Sortiment mit tiefen Preisen verträgt. Nachhaltigkeit habe im Fleischsortiment bislang eine zu kleine Rolle gespielt, sagte Thomas Stoffel, Leiter Category Management Fleisch bei der Migros Supermarkt AG. Besonders im Bereich Tierwohl wolle man das nun ändern.

Gleichzeitig machte er klar, dass das günstigere Sortiment nach BTS-Standard bestehen bleibt – für Kundinnen und Kunden, die aufs Budget achten müssen. Migros löst diesen Spagat mit einer klaren Vierer-Struktur im Sortiment: Bio Suisse und Knospe bleiben als extensive Weidehaltung ein Nischensegment. Optigal mit IP-Suisse avanciert zur strategischen Kernmarke, eine günstigere Migros-Basisqualität nach BTS-Standard bedient die preissensible Kundschaft. Und Importware – ausschliesslich nach Schweizer Tierschutzvorgaben – ergänzt das Angebot dort, wo die Nachfrage das Inlandangebot übersteigt.

Wachsender Markt, wachsender Anspruch

Diese Struktur ist auch eine Reaktion auf einen Markt, der seit Jahren nur eine Richtung kennt: Der Geflügelfleischabsatz in der Schweiz ist seit 2017 von 117 000 auf 152 000 Tonnen gestiegen, das Pro-Kopf-Angebot lag 2025 bei 16,5 Kilogramm. Die inländische Produktion legte seit 2020 um 9,7 Prozent zu. Migros bezieht nach eigenen Angaben bereits 84 Prozent ihres frischen Geflügelsortiments aus Schweizer Produktion – kein anderer Detailhändler komme auf einen so hohen Inlandanteil, betonte man an der Veranstaltung.

Ganz ohne Widerspruch blieb das nicht: Auf die Frage, wie sich Bio-Poulet-Importe mit der neuen Nachhaltigkeitskampagne vertragen, verwies Migros auf den insgesamt tiefen Importanteil. Bio bleibe – siehe Sortimentsstruktur oben – bewusst ein Nischensegment, das nur ergänzend zugekauft werde, um die Nachfrage zu decken, stets nach Schweizer Tierschutzvorgaben. Eine Antwort, die technisch korrekt ist, ohne die eigentliche Frage ganz zu beantworten.

Die Suche nach Produzenten

Und selbst mit Fahrplan und Vergütungsmodell bleibt eine Wette offen: wie schnell sich weitere Betriebe für die Umstellung gewinnen lassen. Migros sucht laut eigenen Angaben aktiv neue Produzentinnen und Produzenten – das Interesse in der Landwirtschaft sei vorhanden, hiess es an der Veranstaltung, die technische Umstellung auf eigene Elterntierhaltung in der Schweiz sei aber anspruchsvoll.

Das erste wie auch letzte Wort an diesem Nachmittag hatte Christopher Rohrer, Leiter Nachhaltigkeit der Migros-Gruppe. «Die Kundinnen und Kunden wollen Schweizer Fleisch», sagte er. Eine Produktionsverlagerung ins Ausland senke den Konsum nicht, sondern verlagere ihn bloss. «Schweizer Fleisch ist gefragt – das ist unsere höchste Priorität.»

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