Am 1. Oktober 2026 tritt das Freihandelsabkommen zwischen der EFTA und Kosovo für die Schweiz und Liechtenstein in Kraft. Für Island und Norwegen gilt es bereits seit dem 1. September. Unterschrieben wurde der Vertrag schon im Januar 2025 in Davos. Für die Landwirtschaft heisst das Abkommen nicht einfach «Grenze auf». Die Schweiz behandelt jede Warengruppe unterschiedlich – das zeigt eine Auswertung der rund 2500 Zolltarifpositionen, also der einzelnen Zollansätze pro Ware, im Vertragsanhang.
Käse zollfrei, Milch geschützt
Ganz oben auf der Öffnungsliste steht Käse: Mozzarella, Hartkäse, Schmelzkäse – alles wird ab dem 1. Oktober zollfrei. Das ist tatsächlich neu. Bisher lief Kosovo als Entwicklungsland über das Allgemeine Präferenzsystem (kurz APS), ein Vergünstigungsprogramm für ärmere Länder, bei dem längst nicht alle Agrarwaren zollfrei waren. Mit dem Freihandelsabkommen verliert Kosovo diesen Status und erhält im Gegenzug eine garantierte Nullzoll-Linie, wie sie sonst nur die EU geniesst.
Bei Frischmilch, Rahm, Milchpulver und Butter bleibt die Schweiz dagegen zurückhaltend: Diese Waren bleiben fast durchgehend geschützt, der Zoll gilt unverändert weiter. Auch bei Zucker macht das Abkommen keine Zugeständnisse.
Fleisch nur im Kontingent
Bei Rindfleisch, Geflügel und Eiern öffnet sich der Markt nur ein Stück weit – und nur innerhalb der Mengen, die schon heute zollfrei importiert werden dürfen (den sogenannten Kontingenten). Ein neues, eigenes Kontingent nur für Kosovo gibt es nicht. Zum Vergleich: Beim Mercosur-Abkommen erhalten die südamerikanischen Länder ein eigenes Weizenkontingent von 1500 Tonnen. Bei Kosovo fehlt so etwas.
Kosovo kann gar nicht liefern
Heisst die volle Käse-Öffnung nun echte Konkurrenz für Schweizer Bauern? Ein Blick auf Kosovos Landwirtschaft zeigt: eher nicht. Die dortige Milchwirtschaft besteht vor allem aus kleinen Familienbetrieben, die oft nur für den Eigenbedarf produzieren.
Nur 10 bis 15 Prozent der Milch gehen überhaupt an Molkereien, der Rest bleibt informell. Kosovo führt sogar selbst Milchprodukte ein – rund 82 000 Tonnen (in Milchäquivalent, also umgerechnet auf Rohmilch) pro Jahr, im Wert von 25 bis 30 Millionen Euro. Ein Land, das den eigenen Milchbedarf nicht deckt, hat keine Reserven, um Käse in die Schweiz zu exportieren.
Auch der Gesamthandel bestätigt das Bild: Zwischen EFTA und Kosovo wurden 2023 rund 175 Millionen Euro umgesetzt. Kosovos Exporte in die EFTA-Staaten – rund 76 Millionen Euro – bestehen vor allem aus Möbeln, Kunststoff, Stahl und Holz, nicht aus Agrarprodukten. Das ist ein grosser Unterschied zum Mercosur-Abkommen: Brasilien und Argentinien sind starke Agrarexporteure mit echten Überschüssen.
Deshalb sind die Sorgen des Bauernverbands in diesem Punkt berechtigt. Bei Kosovo fehlt diese Exportkraft schlicht. Die grosszügige Käse-Öffnung ist deshalb wohl eher ein politisches Wohlwollen gegenüber dem Kosovo als eine reale Marktöffnung mit Konkurrenz.
Verwechslung mit dem Weizenkontingent
Auch beim Weizen lohnt sich ein genauer Blick. Das erwähnte Kontingent von 1500 Tonnen gehört zum Mercosur-Abkommen, nicht zu Kosovo – das wird manchmal verwechselt. Kosovo importiert rund 60 Prozent seines Weizenbedarfs selbst. Auch hier gilt: Der Nullzoll auf dem Papier ist korrekt, spielt in der Praxis aber keine Rolle, weil Kosovo gar nichts zu liefern hätte.
Der Käsemarkt kippt
Einen Befund lohnt es sich trotzdem, genauer anzuschauen, auch wenn er auf den ersten Blick wenig mit Kosovo zu tun hat: Die Schweizer Käse-Handelsbilanz – das Verhältnis von Export zu Import – ist unter Druck geraten.
2014 exportierte die Schweiz noch 14 182 Tonnen mehr Käse, als sie importierte. Bis 2022 ist dieser Exportüberschuss auf noch 3875 Tonnen gesunken – ein Rückgang von rund 73 Prozent innerhalb von acht Jahren. Grund laut Schweizer Milchproduzenten (SMP): Die Exporte wuchsen im Schnitt nur 1,3 Prozent pro Jahr, die Importe dagegen 4 Prozent.
Im ersten Halbjahr 2023 importierte die Schweiz erstmals in der jüngeren Geschichte mehr Käse, als sie exportierte, rund 4500 Tonnen mehr. Über das ganze Jahr 2023 gerechnet drehte die Bilanz dank eines starken Exportschubs im zweiten Halbjahr nochmals leicht ins Plus.
Mehr Käse importiert als exportiert
Für die ersten Monate 2026 gilt nun erneut: Wertmässig wird mehr Käse importiert als exportiert, wie die BauernZeitung berichtet. Die Branche selbst – Switzerland Cheese Marketing – betont zwar, mengen- und preismässig sei die Bilanz je nach Betrachtungszeitraum weiterhin robust. Der starke Franken macht ausländischen Käse, vor allem aus der EU, für Schweizer Konsumenten aber zunehmend günstiger, während Schweizer Käse im Export teurer wird.
Das ändert nichts daran, dass Kosovo nichts liefern könnte. Es zeigt aber: Die Schweiz öffnet den Käsemarkt nicht aus einer Position der Stärke, wie man das von früheren Abkommen gewohnt ist, sondern in einer Phase, in der die eigene Branche schon unter Druck steht.
Der Lindi-Käse scheitert
Wie schwer sich Schweizer Käse überhaupt gegen Importware behaupten kann, zeigt ein Beispiel aus dem Zürcher Oberland: der Lindi-Salzlakenkäse. 2021 wollte Initiant Daniel Wäfler fünf Prozent der jährlich rund 10 000 Tonnen importierten Salzlakenkäse durch sein Schweizer Produkt ersetzen – umgerechnet 500 Tonnen, gedacht vor allem für die Balkan-Diaspora in der Schweiz.
Erreicht wurden am Ende gerade zehn Tonnen pro Jahr. Ende 2023 musste die produzierende Käserei Herschmettlen schliessen, einen Ersatzbetrieb fand Wäfler nicht. Seither wird im Zürcher Oberland kein Lindi-Käse mehr hergestellt.
Das gesamtschweizerische Ziel hält Wäfler trotzdem nicht für unmöglich – gemeinsam mit anderen Herstellern von Salzlakenkäse wie der Firma Züger sei es erreichbar. Sein Fazit: «Zu Schweizer Salat gehört auch ein Schweizer Salatkäse.»
Die verpasste Chance
Kosovo schafft im Gegenzug zur Schweizer Käse-Öffnung selbst alle Zölle auf EFTA-Agrarimporte ab. Für Schweizer Käseproduzenten wäre das ein neuer, zollfreier Markt – genutzt hat das bisher aber niemand ernsthaft.
Daniel Wäfler sieht die Chance trotzdem nicht nur im Export von fertigem Käse, sondern in gemeinsamen Agrarprojekten: Kosovo habe brachliegende Flächen, während der Schweiz zunehmend Fläche fehle. Weil das Land bei Milch schlecht selbstversorgt sei und besonders Milchpulver importieren müsse, könnte die Schweiz nicht nur Käse und Milchüberschüsse liefern, sondern auch vor Ort investieren und die Eigenproduktion fördern.
Davon würden am Ende Bauernfamilien in beiden Ländern profitieren, so Wäfler: «Nachhaltigkeit ist angesagt und kein Verdrängen, wie wir es im Weltmarkt und den Produzentenpreisen erleben.» Die Balkan-Diaspora in der Schweiz bleibe als Käufergruppe wichtig, kaufe aber weiterhin stark nach Preis.
Eine 2021 angekündigte Marktstudie des Bundesamts für Landwirtschaft zu Produkten wie Lindi kam nie zustande – der Markt habe sich schneller entwickelt, als die Studie fertig geworden wäre, sagt Wäfler. Nach dem Produktionsende sei das Thema ganz von der Agenda verschwunden. Wäfler selbst ist inzwischen Gemeindepräsident von Gossau ZH und zeigt sich offen für neue Impulse: Er würde eine neue Käserei oder andere Agrar-Ideen in der Region begrüssen.
Zollfreiheit reicht nicht
Der Fall Lindi zeigt: Ein Nullzoll allein schafft noch keinen Markt – in keine Richtung. Rechtlich stützt sich das Abkommen im Agrarbereich auf das WTO-Agrarabkommen statt auf eine volle Liberalisierung. Fünf Jahre nach Inkrafttreten soll geprüft werden, ob weitere Zollsenkungen möglich sind – unter Berücksichtigung der Landwirtschaftspolitik auf beiden Seiten.
Im Vergleich zum viel grösseren und umstritteneren Mercosur-Abkommen, das laut Bauernverband jährlich 70 bis 115 Millionen Franken kosten könnte, dürfte der Effekt des Kosovo-Abkommens auf den Schweizer Agrarmarkt klein bleiben. Der bilaterale Handel bewegt sich insgesamt im tiefen zweistelligen Millionenbereich.
Ob Schweizer Käse künftig in Kosovo eine Rolle spielt, hängt weniger vom Zoll ab als davon, ob Produzenten, Investoren und Behörden auf beiden Seiten tatsächlich etwas aufbauen. Für die Schweizer Landwirtschaft bleibt das Abkommen vorerst vor allem eines: eine Öffnung mit überschaubarem Risiko – und eine Chance, die noch niemand richtig gepackt hat.

