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«Es braucht im ganzen System mehr Geld» – Meret Schneider verteidigt Tierbeiträge

Die Diskussion über Fleischsubventionen gehe ihr auf die Nerven, sagte Meret Schneider an einem Podium an der ETH Zürich. Die Grüne forderte mehr Geld im System, auch für pflanzliche Eiweisse.

Es war nicht der Satz, den man von einer Grünen erwartet hätte. Die Diskussion über die «Subvention von Fleisch» gehe ihr auf die Nerven, erklärte Meret Schneider. In ihrer eigenen politischen Klientel ist das ein Reizthema. Für die Zürcher Nationalrätin beruht die Debatte aber auf einem riesigen Missverständnis, wie sie am 22. Oktober an einer vom Netzwerk Klima und Landwirtschaft und Agroecology Works! organisierten Podiumsdiskussion zur Klimafitness der Landwirtschaft an der ETH Zürich sagte.

Eine Grüne verteidigt die Tierbeiträge

Die meisten tiergebundenen Beiträge seien Produktionssystembeiträge wie BTS und RAUS, so Schneider. Ohne sie käme es zu mehr Intensivierung, weniger Auslauf und weniger Labels. Die Bauern wollten vielleicht mitmachen, doch wenn der Detailhandel nicht mitziehe, schrieben sie rote Zahlen. Würde man nur dem Markt folgen, hätte man Schweinebestände und Milchmenge längst heruntergefahren. Dann kämen diese Produkte einfach aus dem Ausland. Die Abschaffung der «Fleischsubventionen» wäre deshalb eine Verschlimmbesserung.

Ähnlich argumentierte sie auf eine Frage aus dem Publikum: Wie lässt sich die Fütterung von Schweinen und Hühnern mit Nahrungsmitteln für Menschen angehen, ohne die Fleischsubventionen zu streichen? Würde man nur dort kürzen, hätte die Schweiz «ein sauberes Ländle», sagte Schneider. Die Konsumierenden würden aber nicht anfangen, Linsen zu essen, sondern einfach brasilianisches Poulet kaufen. Den Protein-Shift müsse man über den Preis erreichen, einen «Quick Fix» gebe es nicht.

SBV-Vertreter Ralf Bucher ordnete ein: Hühner und Schweine seien zwei komplett unterschiedliche Märkte. Neue Hühnerställe seien wegen der Raumplanung kaum zu bauen, Poulet werde zunehmend importiert. Die Schweinebranche dagegen sei ein Opfer des eigenen Erfolgs, dank Zuchtfortschritt gebe es mehr Ferkel pro Sau. Wirklich subventioniert sei sie nicht.

«Mit meiner Patentlösung: mehr Geld»

Schneider scheute auch eine Position nicht, die sie selbst als unpopulär bezeichnete: «Es braucht im ganzen System mehr Geld.» Schon 2021 hatte sie eine Motion eingereicht, «mit meiner Patentlösung: mehr Geld», wie sie lachend sagte. Gemeint war eine Art Abwrackprämie für Schweinebauern, auch wegen der zerfallenden Preise.

Die bürgerliche Mehrheit im Parlament lehnte die Motion damals ab. In diesem Jahr legte Suisseporcs selbst ein Stilllegungskonzept zur Mengensteuerung vor. An der ausserordentlichen Delegiertenversammlung vom 27. Mai verfehlte es die nötige Zweidrittelmehrheit um vier Stimmen. Hätten die Landwirtschaftsvertreter im Parlament Schneiders Vorschlag damals zugestimmt, so die Nationalrätin, hätte die Branche solche Stilllegungen früher und einfacher durchführen können – «mit viel Geld vom Bund».

Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik an der ETH, sonst meist einig mit Schneider, hielt für einmal dagegen: Es sei schon sehr viel Geld im System. Auch die vom SBV oft genannte Zahl, wonach die Betriebe 80 Prozent ihrer Einnahmen am Markt erzielten, sei «keine saubere Zahl». Solange es einen Grenzschutz gebe, könne nicht wirklich von einem freien Markt gesprochen werden. Schneider blieb dabei: Es brauche trotzdem mehr Geld, auch damit sich pflanzliche Eiweisse lohnten.

Lupinen-Schokolade statt Palmöl

Wie steinig der Weg zu mehr pflanzlichem Eiweiss ist, zeigte Marc Chautems, Landwirt und Risikomanagementspezialist bei AXA Climate. Sein Betrieb baute Lupinen an: 40 Prozent Protein, lokal produziert, ohne Dünger. Doch die Abnehmer winkten ab. Also röstete er seine Lupinen in der Küche und machte daraus Schokolade. «Ein cooles Produkt, die Leute lieben es – und die Lupinen waren vor der nächsten Ernte alle weg.» Die Foodbranche investiere Millionen in neue Produkte und kaufe Palmöl ein, ohne zu fragen, was lokal verfügbar wäre, kritisierte Chautems.

Finger sah darin ein grundsätzliches Problem: Förderung bringe nichts, wenn die Kanäle fehlten und niemand konsumiere oder verarbeite. Und gäbe es am Ende für alles Einzelkulturbeiträge, höben sich die Vorteile für bestimmte Kulturen wieder auf.

In der Schweiz fehle der Mittelteil der Wertschöpfungskette, präzisierte Schneider: Es gebe zwar Endverarbeiter wie das Zürcher Vegan-Start-up Planted und es gebe auch Produzenten, aber keine Verarbeitung dazwischen. «Planted braucht Erbsenprotein, Schweizer Bauern können Erbsen liefern, aber das Erbsenprotein wird nicht in der Schweiz hergestellt», verdeutlichte sie. So seien Kichererbsen immer noch «eher ein Hobby für den Hofladen». Schneider will die Verarbeitungskapazitäten ausbauen. Auch ein Grenzschutz für Hülsenfrüchte sei denkbar – bisher gibt es keinen.

«Das muss man sich leisten können»

Finger zeigte sich erschüttert, wie wenig die Schweiz auf den Hitzesommer 2026 vorbereitet gewesen sei. Schneider kommentierte trocken: «Politiker sind erstaunlich hitzeresistent.» Bucher forderte Investitionen in Bewässerungsleitungen, etwa um das Grundwasser im Mittelland zu nutzen.

Widerspruch kam aus dem Publikum. Tina Siegenthaler, Co-Betriebsleiterin des Biohofs Fondli, warnte vor solchen Bewässerungssystemen: «Das wird zu einem Strukturwandel führen, das muss man sich leisten können.» Grössere Betriebe aber widersprächen dem Bodenschutz. Bucher entgegnete: «Der Betrieb soll das nicht selber finanzieren müssen, es braucht Beiträge von Bund, Kanton, Gemeinden, ausserdem handelt es sich um Gemeinschaftsprojekte. Aber ja, es ist eine grosse Anfangsinvestition.»

Eine solche müsse sich auch wirtschaftlich lohnen, merkte Finger kritisch an. Er warnte vor einem System, das laufend die Symptombekämpfung verbessert und dennoch Jahr für Jahr an den Anschlag kommt – sinnvoller sei eine Transformation der Anbausysteme, damit diese langfristig mit weniger Wasser auskommen könnten.

Weg vom Narrativ des modernen Grossbetriebs

Eine grundsätzliche Frage stellte Lisa Meienberger, Agronomin und Projektleiterin Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura. Sie erzählte von einem Spaziergang mit ihrer Grossmutter, einer alten Bäuerin. Ihre Generation sei von der Intensivierung der Landwirtschaft gar nicht so begeistert gewesen, habe diese ihr gesagt: «Aber damals hiess es: Wenn du ein guter Bauer sein willst, musst du nach Holland und Dänemark schauen.» Lange habe das Ideal der Wirtschaftlichkeit gegolten. Für einen Wandel brauche es einen Kultur-Shift – «doch wer ist für die Kultur verantwortlich?», fragte Meienberger.

Neue Technologien stünden kleinräumigen Strukturen nicht im Weg, antwortete Finger, im Gegenteil: Dank ihnen könne man aus dem alten Narrativ ausbrechen, dass nur grosse Betriebe mit grossen Maschinen, Flächen und Beständen fortschrittlich seien. Damit dies aber geschehe, dürften innovative Akteure nicht behindert werden, sagte er – mit einem Seitenblick auf den aus der Not zum Schokoladenproduzenten gewordenen Chautems.

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