Bündner Oberländer Schaf im Kanton Solothurn: «Jede Geburt ist eine Wundertüte»

Mit Bündner Oberländer Schafen hat Ruedi Battaglia auf dem solothurnischen Scheltenpass die Verbuschung im Griff. Für den Bündner sind sie auch ein Stück Heimat.

Ruedi Battaglia spricht ruhig und überlegt und sofort kristallisiert sich im Gespräch der Bündner Dialekt heraus, welchen auch seine Frau Karin spricht. Die beiden haben sich nach dem Kennenlernen in der näheren Umgebung für einen landwirtschaftlichen Pachtbetrieb umgeschaut, der ihren Vorstellungen entspricht, und etliche Höfe besichtigt: «Wir mussten den Suchkreis jedoch immer weiterwachsen lassen und schlussendlich stellte sich die Frage: Suchen wir schweizweit oder lassen wir es ganz sein?»

Idyllisch am Scheltenpass

Dann fiel ihnen eine Anzeige auf für den Pachtbetrieb in der Solothurner Gemeinde Beinwil, idyllisch am Scheltenpass gelegen. Sie waren jedoch nicht die einzigen Interessenten und so bewegten sie sich durch das ganze Bewerbungsprozedere mit Betriebskonzept und Gesprächen hindurch.

Es funktionierte und seit dem ersten Juni 2019 betreiben sie den Betrieb in Pacht mit Baurecht. «Wir haben diesen Schritt nie bereut, denn hier haben wir Platz für die Evolèner Rinder, Pferde und die Schafe», erklärt der 42-Jährige, dessen Grossmutter schon Schafe hatte und diese Faszination wohl weitergab.

Der gelernte Landmaschinenmechaniker hat als Zweitausbildung den Landwirt erlangt. Seine Frau Karin hat sich der Pferdeausbildung gewidmet und sich früh selbstständig gemacht.

Gemäss dem Leitsatz «Erhalten für die Zukunft» züchtet und hält Ruedi Battaglia alte Nutztierrassen aus dem Erhaltungsprogramm von Pro Specie Rara. (Bild: Karin Rohrer)

Jede Geburt ist eine Wundertüte

Der Betrieb im Solothurner Jura ist prädestiniert für die Haltung von kleinen Nutztieren, da es viele Flächen gibt, die nicht durch Grosstiere nutzbar sind. Ziegen passen nicht zu seiner Person. Ruedi Battaglia wollte spezielle Schafe und hat sich schlau gemacht, kam dadurch auf die Bündner Oberländer Schafe.

«Mitentscheidend war für mich die Tatsache, dass in dieser Rasse jedes Schaf anders aussieht. Es kommen jegliche Farben und Grössen vor, sowohl horntragende als auch hornlose Tiere. Sie sind absolut Unikate. Jede Geburt ist eigentlich eine Wundertüte.» Nicht nur das Aussehen war ein wichtiger Punkt, sondern auch das Weideverhalten dieser Rasse. Im Frühling fressen sie gerne das Laub von Büschen und jungen Bäumen.

«Eigentlich sind es meine Mitarbeiter, denn sie helfen, buschige Flächen im Zaun zu halten, und wenn ich sie mähe, fressen sie die Blätter ab und bremsen damit das Wachstum extrem. Zur Kontrolle der Verbuschung sind es ideale Tiere», schwärmt der Landwirt. Ein weiterer Pluspunkt sei die nicht saisonale Fruchtbarkeit. Diese Schafe nehmen das ganze Jahr hindurch auf und so kann das Lammern geplant werden, was auch einen höheren Preis für die Lämmer mit sich zieht, wenn nicht alle gleichzeitig von der Alp herunterkommen.

Zudem sind sie sehr robust, nicht krankheitsanfällig, gute Futterverwerter, anpassungsfähig und problemlos in der Haltung. So führten also viele Faktoren zum Entscheid für diese Rasse. «Und vielleicht auch noch die Tatsache, dass es Bündner sind», schmunzelt Ruedi Battaglia.

Zeit nehmen für die Beobachtung der Tiere

Im Verhältnis zu ihrer Grösse gibt das Bündner Oberländer Schaf gut Milch und wird auch oft als Kreuzungsrasse eingesetzt, um die positiven Eigenschaften auf andere Herden herüberzubringen: «Das habe ich auch getestet mit dem Bündner Oberländer als Mutterlinie und dann einer sogenannten Fleisch-Linie darauf, damit die Lämmer beide Vorzüge aufweisen.»

Ruedi Battaglia hat eigene Böcke. Er züchtet nicht auf Leistung oder Aussehen, sondern mehr auf Gesundheit und Umgänglichkeit. Aktuell sind es um die 50 Schafe, die er sein Eigen nennt, im Winter etwas weniger. In der Herde sind Auen, Böcke und Jungzucht eingerechnet.

Die Schafe werden nicht gemolken, die Milch ist einzig für die Lämmer da. Ausstellungen sind nicht sein Ding, obwohl er Mitglied in einem Zuchtverein ist. «Ich habe meine Tiere an die Standorte angepasst, will da so wenig wie möglich hineinpfuschen. Ich beobachte die Tiere genau, investiere viel Zeit, lasse die Natur walten und fahre gut damit», sinniert Ruedi Battaglia, welcher extensiv landwirtschaftet.

Zweimal im Jahr gibt er Lämmer ab, im Frühling und im Herbst. Es ist auch die Zeit, in welcher die anderen Tiere in den Handel gehen, ob in den Biokanal, an regionale Händler oder in die Direktvermarktung.

Die Schafe von Ruedi Battaglia sind geschätzte Mitarbeiter auf dem Hof, besonders beim Entbuschen. (Bild: Karin Rohrer)

Kleine Persönlichkeiten

Im Winter sind die Tiere arbeitsintensiv, da Ruedi Battaglia nicht maschinell ausmisten kann. Er hat verschieden grosse Gruppen und mehrere Weiden, der Widder wechselt hin und her. Im Sommer stehen vorwiegend die Zaunkontrolle, der Weidewechsel und natürlich die tägliche Kontrolle der Tiere an: «Man nimmt sich automatisch mehr Zeit für die Schafe und sie sind entsprechend zutraulich.

Jedes Tier hat seinen Namen und seine Persönlichkeit und darauf nehme ich Rücksicht. Zu gewissen Schafen hat man eine sehr enge Beziehung und andere sind eher im Hintergrund und machen ihren Dienst.» So haben die Tiere ein unterschiedliches Auftreten, manche sind immer die ersten am Zaun und wollen Streicheleinheiten.

«Und dann gibt es dieses eine, alte Schaf, das mich fast wahnsinnig macht. Im Stall hört man sonst nichts von ihr, aber wenn sie gelammert hat, ist sie am Schimpfen, macht Lärm und will sofort Heu haben, sobald ich da bin», sagt Ruedi Battaglia, für den die Lammzeit spannend und schön ist.

Ein starkes Vertrauensverhältnis

Auch beeindruckend war, dass das kleinste Schaf, das Ruedi Battaglia je hatte, nie weniger als zwei Lämmer auf einmal bekam. Wenn er intensiv mit Bauarbeiten rund ums Haus beschäftigt war und sich etwas weniger mit den Schafen beschäftigen konnte, entwickelte sich rasch eine gewisse Scheu. Sobald er sich wieder mehr mit ihnen abgibt, sind sie zutraulich.

Das zeigt ihm, dass die Schafe eine gewisse Zuwendung benötigen und für ein Vertrauensverhältnis Zeit investiert werden muss: «Es sind kleine Persönlichkeiten, man muss nur genau hinschauen.» Ein altes Schaf hatte mal eine Verletzung und durch die Fliegen resultierte ein Infekt, was ein desinfizierendes Bad notwendig machte. «Ich lief mit dem Schaf durch das Haus ins Bad, habe es in der Wanne shampooniert. Es hat schön stillgehalten und lief brav wieder hinaus, zurück in die Gruppe», erinnert er sich an das zutrauliche Tier.

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