In der Schweiz soll es künftig eine Obergrenze für die Anzahl Wölfe je nach Region geben. Ist dieser Schwellenwert erreicht, sind Abschüsse von einzelnen Wölfen oder Rudeln zu erlauben, verlangte Ständerat Fabio Regazzi (Mitte, TI) in seiner Motion. Beide Räte haben dem zugestimmt und auch der Bundesrat sprach sich dafür aus. «Ich glaube, die Massnahme ist sinnvoll», bekräftigte Umweltminister Albert Rösti in der Grossen Kammer. «Sie stellt in keiner Weise den Bestand oder die Art infrage, weil die Art des Wolfes nach Überschreiten einer bestimmten Schwelle frei jagdbar ist.»
Möglicherweise Referendum gegen «Rasenmähermethode»
Pro Natura hingegen bezeichnet den Schwellenwert als kontraproduktive «Rasenmähermethode», die wegen auseinandergerissener Rudel zu mehr Nutztierrissen führen könne. Ausserdem kritisiert der Umweltverband, dass nun schon wieder das Gesetz angepasst wird. Das verunsichere die Älpler(innen) sowie die Wildhut und behindere die Kantone bei der fachgerechten Umsetzung des bestehenden Rechts.
In Zukunft würden Wölfe unabhängig von Schäden, der Umsetzung von Herdenschutzmassnahmen und dem positiven Einfluss von Grossraubtieren auf die Natur mittels einer starren Zahl reguliert, kritisiert die Gruppe Wolf Schweiz (GWS). Sie beabsichtigt, sich in der Umsetzung der Motion Regazzi dafür einzusetzen, dass die Anliegen von Natur- und Artenschutz berücksichtigt werden. Auch ein Referendum schliesst die GWS nicht aus.
Wölfe werden proaktiv geschossen – und trotzdem gibt es immer mehr in der Schweiz
Auch in diesem Winter haben die Kantone zahlreiche Abschussbewilligungen erhalten. Die Wirkung der präventiven Regulierung ist aber nach wie vor unklar. Die Risszahlen scheinen sich jedoch bei leicht wachsendem Wolfsbestand zu stabilisieren.«Schäden an der Natur, am Jungwuchs, haben massiv zugenommen»
Natur- und Artenschützer betonen häufig die Rolle des Wolfes in einem gesunden Ökosystem. So sollen Grossraubtiere etwa dazu beitragen, die natürliche Waldverjüngung zu fördern. Dies, indem ihre Präsenz den Verbiss durch Wild reduziert. Im Nationalrat wollte Markus Schnyder (SVP, GL) wissen, ob die Wirkung des Wolfes auf das Verhalten des Wildes in der vorberatenden Kommission diskutiert worden sei. Das sei nicht der Fall gewesen, antwortete Kommissionssprecherin Monika Rüegger (SVP, OW).
«Es ist ein grosses Problem, dass die Wildtiere in den letzten Jahren viel unruhiger geworden sind, weil sie auch durch den Wolf verjagt und gejagt werden, auch im Wald», fuhr sie dann aber fort. «Offenbar haben die Schäden an der Natur, am Jungwuchs, massiv zugenommen.» Es gehe nicht nur um den Schutz der Schafe, nahm Albert Rösti den Ball auf. Es gehe auch um den Schutz der Wildtiere und um den Schutz vor Verbiss. «Fragen Sie die Förster und Waldbewirtschafter, was hier zu tun ist. Wir müssen hier tätig sein», so Rösti.
Waldeigentümer: Positive Effekte im Management berücksichtigen
Auf einzelne Fragen könne der Verband nicht im Detail Stellung nehmen, erklärt Benno Schmid, Leiter Kommunikation und Politik von Wald Schweiz, auf Anfrage der BauernZeitung. Der Waldeigentümer-Verband verfüge über keine detaillierten Zahlen über die Auswirkungen des Wolfes auf die Waldverjüngung. Schmid verweist jedoch auf ein Projekt der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).
Darin wurde die zeitliche Entwicklung des Verbisses durch wild lebende Huftiere anhand der Schweizerischen Landesforstinventare (LFI) untersucht.
Man stellte anhand dieser Analyse fest, dass bei höherer Wilddichte – geschätzt durch die Anzahl Fallwild und Abschüsse – mehr Verbiss auftrat. Die WSL betont aber, dass die Baumverjüngung ein komplexer und von vielen Faktoren beeinflusster Prozess sei. Der Wolf wird in dieser Studie nicht thematisiert.
Im Positionspapier von Wald Schweiz fordert der Verband, dass positive Effekte der Grossraubtiere auf die Waldverjüngung beim Raubtiermanagement berücksichtigt werden. «Die Grossraubtiere alleine lösen das Verjüngungsproblem nicht, sie nehmen jedoch Einfluss auf die räumliche Verteilung und die Grösse der Schalenwildbestände und begünstigen damit grundsätzlich die Waldverjüngung», heisst es im Positionspapier.
Anderes Verhalten, aber abhängig vom Ort
Verhaltensänderungen durch Wolfspräsenz bestätigt David Clavadetscher, Geschäftsführer von Jagd Schweiz. «Das Wild wird vorsichtiger, kann seine Aktivitätszeiten verändern und bestimmte Bereiche anders nutzen oder meiden», schildert er. Das könne die räumliche Verteilung der Tiere verändern.
Solche Effekte würden aber nach Erkenntnissen der Stiftung Kora stark von den jeweiligen örtlichen Bedingungen abhängen. «Beim Rothirsch werden zudem überproportional häufig junge und alte Tiere vom Wolf erbeutet», erklärt Clavadetscher weiter. Die Auswirkungen auf den Bestand seien deshalb nicht einfach mit der Zahl an gerissenen Tieren gleichzusetzen.
Eine allgemeingültige Aussage zu den Folgen für die Waldverjüngung könne man nicht machen. Es sei auch möglich, dass das Wild sich in gewisse Bereiche zurückzieht und es dort lokal zu mehr Verbiss kommt. Europäische Untersuchungen zeigen laut David Clavadetscher kein einheitliches Bild. «Entscheidend ist deshalb nicht alleine die Anwesenheit des Wolfes, sondern wie sich Wildbestände und deren räumliche Verteilung unter den jeweiligen Lebensraumbedingungen entwickeln», so seine Schlussfolgerung.
Regional angepasstes Wald-Wild-Management ist entscheidend
Auf jeden Fall wird die Jagd mit Wolfspräsenz anspruchsvoller, sagt der Geschäftsführer von Jagd Schweiz. Ein geringerer Jagderfolg bedeutet aber nicht automatisch, dass weniger Wild vorhanden ist. Und auch nicht, dass zwangsläufig der Wildbestand zunimmt. Insgesamt, so David Clavadetscher, könne man heute klar feststellen, dass der Wolf die Jagd nicht überflüssig mache.
«Wölfe erbeuten nicht zwingend jene Tiere, die für die Regulierung des Bestandes oder die Erreichung bestimmter jagdlicher Ziele besonders relevant sind», gibt er zu bedenken.
Das Fazit: «Von einer generellen Beziehung ‹mehr Wölfe = weniger Waldschäden› kann ebenso wenig ausgegangen werden, wie von ‹mehr Wölfe = mehr Waldschäden›», fasst David Clavadetscher zusammen. Für die Beurteilung seien die tatsächliche Wilddichte, deren räumliche Verteilung und die konkrete Situation der Waldverjüngung entscheidend.
Es gelte, die Entwicklung regional und anhand konkreter Daten zu beurteilen. «Die natürliche Waldverjüngung hängt nicht von einem einzelnen Faktor ab, sondern vom Zusammenspiel von Wildbestand, Lebensraum, Waldstruktur, Baumarten und Waldbewirtschaftung», sagt Clavadetscher. Entscheidend bleibt aus seiner Sicht ein an die regionalen Verhältnisse angepasstes Wald-Wild-Management.

