ABO

Keine Anbauschlacht, aber ein Überdenken des Systems

Die Diskussion um die Versorgungssicherheit wurde durch den Ukraine-Krieg neu entfacht. Vier Ostschweizer Bauernverbandsvertreter äussern sich zum Zielkonflikt zwischen Ökomassnahmen und Nahrungsmittelproduktion und sagen, was sie vom Plan Wahlen 2.0 halten.

Die Diskussion um die Rückführung von Biodiversitätsflächen in Fruchtfolgeflächen angesichts des Krieges in der Ukraine ist inzwischen auch in der Kantonalpolitik angekommen. Die Zürcher SVP-Kantonsräte Martin Hübscher, Daniel Wäfler und Daniela Rinderknecht haben eine Anfrage zum Thema Versorgungssicherheit eingereicht. Unter anderem wollen sie von der Regierung wissen, welchen Beitrag der Kanton zur Lebensmittelproduktion leistet und mit welchen Massnahmen kurz-, mittel- und langfristig die Versorgung mit Nahrungsmitteln aus einheimischer Produktion gefördert werden kann.

Alter Zielkonflikt erscheint in neuem Licht

In der Anfrage verweisen die Politiker auf die jüngsten Pläne des Kantons, im Zürcher Oberland eine gemäss Bodenkataster als gute Fruchtfolgefläche ausgewiesene Parzelle zu renaturieren und in ein künstliches Biotop zu überführen. Diese Entwicklung ist allerdings nicht neu. Im Kanton Zürich gibt es zahlreiche Beispiele, wo Ackerland auf Geheiss des Kantons renaturiert wurde.

Auf die Frage, weshalb man gerade jetzt politisch aktiv wird, sagt Martin Hübscher: «Die momentane Situation gibt Anlass, die Leute auf einen alten Zielkonflikt aufmerksam zu machen und ihnen den Stellenwert einheimischer Produkte bewusster zu machen.» Dabei gehe es nicht um eine «Anbauschlacht», wie sie der Plan Wahlen 2.0 der SVP Schweiz fordert.

Tierische Abfälle verwerten und Recycling-Dünger nutzen

Vielmehr müsse der Kreislaufbewirtschaftung mehr Beachtung geschenkt werden. «Wir werden nicht darum herumkommen, Nährstoffe aus tierischen Abfällen wieder für die Nutztierfütterung zu verwerten», sagt Hübscher. Als weiteres Beispiel nennt er die Phospor- und Stickstoff-Rückgewinnung aus Klärschlamm. Mit Recycling-Dünger könne man die Düngerabhängigkeit vom Ausland reduzieren. «Es braucht einen gesamtheitlichen Ansatz», fasst das ZBV-Vorstandsmitglied zusammen.

Qualität muss steigen, nicht die Quantität

Es gibt einen weiteren Grund für den politischen Vorstoss. Martin Hübscher, Daniel Wäfler und Daniela Rinderknecht stören sich an der neuen Regelung, dass auf Ackerflächen 3,5 Prozent Ökoflächen ausgeschieden werden sollen. Hübscher rechnet vor: «Bei 44'000 ha Ackerflächen im Kanton Zürich gingen 1540 ha für die Produktion verloren.»

Hübscher schildert die Pro­blematik an einem eigenen Beispiel. Er hat eine Buntbrache in eine extensive Wiese umgewandelt. Obwohl die Parzelle immer noch dieselbe ist, gilt die Fläche nun nicht mehr als Ökofläche auf Ackerfläche. «Wir haben im Kanton Zürich 13 Prozent Öko­flächen. Es braucht nicht mehr Quantität, sondern mehr Qualität bei den Ökoflächen.» Man müsse den Fokus auf einen schonenden Umgang mit den Ressourcen legen, ist sich Hübscher bewusst. «Das ist aber nicht gleichbedeutend mit mehr Ökoflächen.»

Das sagen die Präsidenten der Bauernverbände zum Plan Wahlen 2.0

Zeit, die eigene Produktion zu stärken

[IMG 2] Die Politik tut gut daran die aktuelle Situation auf den globalen Märkten nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Fallen doch mit Russland und der Ukraine die wichtigsten Lieferanten von Getreide, Ölsaaten und Kunstdünger für längere Zeit aus. Dies trifft vor allem Europa, Nordafrika und den Nahen Osten. Es ist eine ethische Frage, ob die Schweiz sich auch in Zukunft, ohne Rücksicht auf die globale Lage, auf den Exportmärkten bedienen soll, oder ob es an der Zeit ist, die eigene Produktion zu stärken.

Nicht die richtige Bezeichnung

[IMG 3] Plan Wahlen 2.0 ist für mich nicht die richtige Bezeichnung. Ich halte es für kontraproduktiv, alle Errungenschaften einer umweltverträglichen Lebensmittelproduktion über Bord zu werfen und nun wieder «auf Teufel komm raus» zu produzieren. Ich begrüsse es hingegen, dass nun auch die Hauptaufgabe der Landwirtschaft wieder aufs Tapet kommt: Lebensmittel zur Versorgung der Bevölkerung bereitstellen. Diese sollte in die aktuellen Diskussionen einfliessen, z.B. wenn wir darüber reden, 3.5 Prozent des bestens Ackerlands als Ökofläche auszuscheiden.

Ein Umdenken ist notwendig

[IMG 4] Es benötigt ein Umdenken. Die inländischen Nahrungsmittelproduktion muss gestärkt werden. Jedoch kann nicht die Anbauschlacht 2.0 der Weg dahin sein. Ich nenne es «nachhaltige Intensivierung». Es geht darum, um das Optimum aus Produktion und Nachhaltigkeit herauszuholen, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, ohne die Umwelteinwirkung zu verschlechtern. Zusätzlich ist dem Kulturlandschutz mehr Gewicht und Schutz zuzuordnen, speziell bei Hochwasserschutzprojekten und Gewässerraumausscheidungen.

Weiterlesen