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4.30 Franken Stundenlohn – hat die Mutterkuhhaltung die unfairsten Preise?

Bauern verdienen mit Mutterkühen am wenigsten. Die Preise seien nicht fair, sagt Ökonom Mathias Binswanger. Daniel Flückiger von Mutterkuh Schweiz sieht das etwas anders.

Ökonom Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz hat sich im Auftrag von Faire Märkte Schweiz (FMS) damit befasst, was faire Preise in der Landwirtschaft wären. Nach seiner Einschätzung sind zahlreiche Produzentenpreise nicht fair.

Am grössten ist die Differenz zwischen dem, was die Produzenten laut Binswanger pro GVE erhalten, und dem vollkostendeckenden Produzentenpreis in der Mutterkuhhaltung. «Die Preise hätten im Durchschnitt von 2016 bis 2023 mindestens 101 Prozent höher sein müssen, um ein angemessenes Einkommen zu ermöglichen», schreibt der Ökonom. Es sei allerdings zu berücksichtigen, dass dieser Betriebszweig in den meisten Fällen mit anderen kombiniert oder als Nebenerwerb betrieben werde.

«Die Mutterkuhhaltung hat somit für viele Betriebe den Charakter eines Zusatzverdienstes, wo dann auch tiefe Stundenlöhne in Kauf genommen werden», so Binswangers Fazit.

Nur die Hälfte des Stundenlohns in der Milchproduktion

Die von ihm errechneten Stundenlöhne (inklusive Direktzahlungen) liegen in der Tierhaltung weit unter dem Niveau im Pflanzenbau und in der Mutterkuhhaltung sind sie am tiefsten: Mit 4.30 Fr./Stunde beträgt der Stundenlohn hier laut dem Ökonom noch gut die Hälfte des Stundenlohns in der Milchproduktion (8.30 Fr./Stunde).

Fairness: «Wichtig, aber subjektiv»

Zusatzverdienst oder nicht, Arbeit sollte dennoch angemessen entlohnt werden. Aber sind die Preise in der Mutterkuhhaltung unfair? «Ich finde Fairness wichtig, aber auch sehr subjektiv», sagt Daniel Flückiger, Geschäftsführer von Mutterkuh Schweiz. Der Verband setze auf starke und glaubwürdige Labels wie Natura-Beef und Natura-Veal.

«Damit erzielen die Produzenten im Vergleich zu anderen Labels hohe Preise, die zudem seit 2010 um 30 Prozent gestiegen sind», gibt Flückiger zu bedenken. In der Analyse von Mathias Binswanger erzielen Mutterkuhbetriebe mit Natura-Beef im Berggebiet die höchsten Stundenlöhne – einerseits dank Direktzahlungen, andererseits aufgrund des erwähnten Labelzuschlags. «Ein Bio-Natura-Beef mit Taxierung C3 wird zurzeit mit 15 Fr./kg Sg abgerechnet. Ist das fair?», bemerkt Daniel Flückiger und lässt die Frage im Raum stehen.

Tiefer Arbeitsverdienst aus betrieblichen Gründen, nicht wegen Marktpreisen

Binswangers Berechnung des Stundenlohns kann der Geschäftsführer von Mutterkuh Schweiz nicht nachvollziehen. «Für Betriebe, bei denen ein wesentlicher Teil des Einkommens aus der Mutterkuhhaltung kommt, ist ein Arbeitsverdienst von 4.30 Fr./Stunde nicht plausibel», findet Daniel Flückiger.

Agroscope weise in der offiziellen Einkommensstatistik für Mutterkuhbetriebe einen Arbeitsverdienst von 15.23 Fr./Stunde aus. Und Daniel Flückiger ergänzt: «Das ist ein Durchschnitt. Es gibt auch Betriebe, die auf einen Arbeitsverdienst von 20 oder 30 Fr./Stunde kommen – oder auch auf weniger.» Er ist überzeugt, dass die Mutterkuhhaltung für viele Betriebe attraktiv ist.

Viele, die Mutterkühe im Nebenerwerb halten, würden ausserdem zuerst jene Aktivitäten finanziell optimieren, mit denen sie den grössten Teil ihres Einkommens erzielen. Der resultierende Arbeitsverdienst aus der Mutterkuhhaltung ist dann tiefer als bei einem Vollerwerbs-Mutterkuhhalter. «Aber wegen der betrieblichen Voraussetzungen und nicht wegen der Marktpreise», hält Flückiger fest.

«Konsumenten sollen gerne und mit Überzeugung kaufen»

Mutterkuh Schweiz engagiere sich für gute Preise, versichert Daniel Flückiger weiter – aber mit einer anderen Strategie als FMS. Bessere Preise seien nur möglich, wenn etwas bei den Konsument(innen) gefragt sei und gut bezahlt werde, so die Haltung des Geschäftsführers.

«Die Konsument(innen) sollen gerne und mit Überzeugung einen höheren Preis für Qualitätsfleisch aus tierfreundlicher und naturnaher Mutterkuhhaltung bezahlen», verdeutlicht er. Mit diesem Ziel hat Mutterkuh Schweiz in den letzten 50 Jahren Natura-Beef und weitere Labels lanciert.

Dadurch – und dank der Zusammenarbeit mit Bell, Coop, Vianco und Viegut – hätten sich die Preise für Absetzer aus der Mutterkuhhaltung seit den 1980er-Jahren deutlich verbessert. Es gehe darum, diese Erfolgsgeschichte weiterzuführen, wobei sich Daniel Flückiger zuversichtlich zeigt: «Die Zukunftsaussichten sind dank der guten Nachfrage, der insgesamt rückläufigen Rindfleischproduktion, der hohen Bedeutung des Tierwohls und anderer Faktoren gut.» Er rechnet damit, dass die Preise auch künftig in kleinen Schritten steigen.

Die Hälfte des Einkommens stammt aus Direktzahlungen

Die Marktpreise sind das eine. Direktzahlungen sind aber auch ein wichtiger Teil des Einkommens von Schweizer Landwirt(innen). Mathias Binswanger hat sie in seiner Studie berücksichtigt und ihr Anteil am Verdienst ist in der Mutterkuhhaltung vergleichsweise hoch.

Rund die Hälfte des Einkommens stamme hier aus Direktzahlungen – und trotzdem wird laut dem Ökonom mit Mutterkühen gesamthaft am wenigsten pro Stunde verdient. Mutterkuh Schweiz sieht denn auch bei den Bundesbeiträgen mehr unmittelbaren Handlungsbedarf als bei den Marktpreisen.

Agrarpolitischer Korrekturbedarf im Tal- wie auch im Berggebiet

«Die Mutterkuhhaltung eignet sich besonders gut, um die Leistungen zu erbringen, die von der Gesellschaft neben der Lebensmittelproduktion ebenfalls gewünscht werden», führt Daniel Flückiger aus. Das sei der Grund, weshalb Mutterkuhbetriebe bereits heute überdurchschnittlich viele Direktzahlungen erhielten.

«Jedoch ist die Summe der Direktzahlungen seit 2010 insgesamt um zwei Prozent gesunken», ergänzt er. Es sei zu einer massiven Umverteilung zulasten der Rindviehhaltung im Talgebiet gekommen – aber die Einkommen im Hügel- und Berggebiet seien nach wie vor viel tiefer als in der Talzone. «Unter dem Strich gibt es bei den Mutterkuhbetrieben im Tal- wie auch im Berggebiet Korrekturbedarf», so Flückiger.

Daher fordere man mehr Mittel für die ganze Rindviehhaltung und vor allem für die graslandbasierte. «Die Agrarpolitik sollte die Bewirtschaftung des Graslands Schweiz besser fördern», bekräftigt er. In der AP 30+ braucht es nach Meinung von Mutterkuh Schweiz mehr Mittel, um alle Neuerungen umzusetzen. Sonst werde an einem Ort gespart, was am anderen ausgegeben werde, und der Schaden sei im Endeffekt ebenso gross wie der Nutzen.

«Das unterstützt unsere Forderung»

Punkto Agrarpolitik ist Daniel Flückiger völlig mit Mathias Binswangers Analyse einverstanden. «Die Studie bestätigt einmal mehr: Betriebe, die hauptsächlich auf Wiederkäuer setzen, erzielen in der heutigen Agrarpolitik unterdurchschnittliche Einkommen», fasst der Geschäftsführer zusammen.

Für ihn passt das nicht zu dem Umstand, dass genau diese Betriebe viele gesellschaftlich erwünschte Leistungen erbringen. Auch trügen sie zu einem hohen Netto-Selbstversorgungsgrad bei. «Das unterstützt aus meiner Sicht die Forderung von Mutterkuh Schweiz, in Zukunft bei den Direktzahlungen die gesamte Rindviehhaltung besser zu fördern», schliesst Flückiger.

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