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Das Unwort heisst «optimieren»

Jürg Wirth ist der Meinung, dass uns optimieren mehr schadet als nützt. Wenn Abläufe nicht bis ins Letzte optimiert sind, halte uns das gesünder.

Wann genau es begonnen hat, lässt sich im Nachhinein nicht mehr so eindeutig feststellen. Aber es muss irgendwann Ende der 1980er-, anfangs der 1990er-Jahre gewesen sein. Da erschien auf meinem Radar zum ersten Mal der Begriff «Mc Kinsey». Erst dachte ich an Whisky, merkte aber bald, dass die ganz andere Dinge im Schilde führten, als den Menschen einen kurzen Rausch und etwas Zufriedenheit zu verschaffen.

Zufrieden waren die Menschen, also die Arbeitenden, also diejenigen, die ich während meiner Lehre bei der BBC selig (Brown Boveri Company) erlebt habe, durchaus. Die Arbeitsbelastung hielt sich in Grenzen, der Teamgeist war optimal und ab und an blieb Zeit für einen kleinen oder grösseren Büro-Apéro. Nein, damals hiess das noch nicht Team-Event und die Anlässe gingen ziemlich spontan, dafür umso freudiger über die Bühne. Und das Beste am Ganzen, die Turbinen, die sie damals herstellten, haben funktioniert. Denn die Leute bei BBC hatten Berufsstolz und Ehre und wollten ihre Sache richtig machen. Was sie auch taten.

Doch dann kamen eben die Mc Kinseys und wie sie alle hiessen und begannen Strukturen zu durchleuchten, Betriebe zu analysieren und Abläufe zu optimieren. Da haben wir’s, dieses Unwort: «optimieren». Auch die BBC, respektive später ABB, wurde davon nicht ausgenommen. Abteilungen wurden restrukturiert, Betriebszweige geschlossen, andere eröffnet und eben einfach alles optimiert. Seither treffe ich immer mal wieder ehemalige Arbeitskollegen in der Clinica Holistica in Susch, weil sie gerade ein Burnout haben.

All mitlesenden Landwirte und Landwirtinnen und alle andern denken nun vielleicht: «Und was hat das mit mir zu tun?» «Sehr viel», muss ich da einwerfen.

Es beginnt nämlich beim Butterzopf. Warum schmeckt uns der selbstgemachte Zopf am Sonntagmorgen so gut? Weil er nicht optimiert ist! Wenn im Rezept steht, dass es 3 dl Milch und 60 Gramm weiche Butter braucht, dann geben wir dies dazu und überlegen nicht, ob es vielleicht auch nur mit 2 dl Milch und dafür einem zusätzlichen dl Wasser ginge und vielleicht etwas weniger Butter und dafür etwas Planta-Margarine oder gar nichts mehr dazu. Denn wir wollen ja einen Butterzopf und kein Stück Papier oder bestenfalls einen Karton.

Womit wir schon fast bei der Landwirtschaft wären. Auch dort finden findige Leute immer wieder Optimierungspotenzial, und das sind selten «die aus Bern», die kommen eher aus der anderen Ecke.

Den Hang noch runterrechen – geschenkt. Blasen ist innovativ und optimiert. Ein netter Schwatz geht dann zwar nicht mehr, aber egal.

Das Gras trocknen lassen und als Heu einbringen – dauert viel zu lange. Siloballen pressen lautet das Gebot der Stunde. Zwar fehlt der aromatische Heugeruch, dafür sind die Insekten gleich mit eingepackt und der Futterwert soll viel besser sein, optimiert eben.

Den Schweinen noch ein Jahr oder mehr Zeit geben zum Aufwachsen – geschenkt. Drei bis vier Monate müssen reichen. Dabei sind die anderen Pro Specie Rara und das Schnitzel bleibt vor und nach dem Braten gleich gross.

Vieh nur mit Heu und Gras zu füttern – geschenkt. Schliesslich sind die Rassen auf Milch oder Fleisch optimiert, und nichts geht mehr nur mit dem für die Tiere natürlichsten Futter. Wo also liegt der Unterschied zur bereits durch optimierten Wirtschaft? – Eben. Wollen wir uns wirklich in Susch wieder treffen?

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