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Weidekuh im Berggebiet: Warum Jerseys und mobiler Melkstand sich auszahlen

Als Mirco Städler 2019 den Bergbetrieb in Muldain GR ausserfamiliär übernahm, stellte er von einer leistungsorientierten Milchproduktion mit hohem Kraftfuttereinsatz auf einen Bio-Weidemilchbetrieb um.

Heute weiden bei Mirco Städler Jerseykühe zwischen 1100 und 1600 Metern über Meer. Die Milchproduktion auf seinem Bergbetrieb in Muldain GR ist bewusst saisonal. Die Kühe legen keine weiten Strecken zu Fuss zurück, da der Melkstand auf der Weide steht. Das System hat er bis ins Detail auf das Berggebiet abgestimmt – es verlangt aber präzise Planung und grosse Reserven.

Nicht mehr Milch, sondern mehr Wirtschaftlichkeit

Wer den Hof von Mirco und Alexandra Städler in der Bergzone 3 besucht, merkt rasch, dass hier kaum etwas dem klassischen Bild eines Bergmilchbetriebes entspricht. Rund um den Stall liegen lediglich drei Hektaren Weideland. Der überwiegende Teil der Flächen befindet sich weit oberhalb des Betriebes.

Trotzdem verbringen die Kühe den grössten Teil des Jahres auf der Weide. «Als wir den Betrieb übernommen haben, standen Brown-Swiss- und Jerseykühe im Stall», erzählt Mirco Städler. «Mit nur 24 Stallplätzen und einem Kraftfutterverbrauch von sechs bis sieben Tonnen pro Jahr war das System für uns wirtschaftlich nicht überzeugend.»

Darum fiel ein mutiger Entscheid. Die Brown-Swiss verschwanden nach und nach aus dem Stall. Heute besteht die Herde fast ausschliesslich aus Jerseys. Gleichzeitig wurde der Betrieb vollständig auf Bio-Weidemilch ausgerichtet.

Der Betriebsleiter setzt auf Jersey-Genetik für leichte, gesunde und geländegängige Tiere. Die Milchkühe sind auf einer Tageskoppel zu sehen.(Bild: Mirco Städler)

«Ich suche nicht die Kuh mit der höchsten Milchleistung. Ich suche die ideale Weidekuh», sagt Städler. Diese müsse leicht, langlebig, fruchtbar und trittsicher sein. Gerade im Steilhang seien Gewicht und Beweglichkeit entscheidende Eigenschaften.

«Eine Jersey verursacht deutlich weniger Trittschäden und kommt im Gelände viel besser zurecht.» Dass Jerseys gleichzeitig eine gehaltreiche Milch liefern, ist für die Vermarktung ein zusätzlicher Vorteil. Die kleinere Milchmenge wird teilweise durch höhere Inhaltsstoffe kompensiert.

Die Natur bestimmt den Kalender

Der Jahresablauf richtet sich vollständig nach Vegetation und Höhenlage. Je nach Schneeverhältnissen beginnt die Weidesaison anfang April auf den tieferen Flächen.

«Normalerweise starten wir etwa am 5. April.» Von dort arbeiten sich die Tiere langsam hangaufwärts. In normalen Jahren werden sämtliche Weiden einmal überweidet, bevor die Kühe auf die Alp wechseln. Dieses Jahr verlief der Frühling anders. «Wegen des kalten Frühlings konnten wir die oberen Flächen nicht vollständig beweiden», erklärt Mirco Städler.

Danach marschieren die Tiere rund eine Stunde zu Fuss auf die Alp Lavoz. Dort werden sie weitergemolken. Sinkt dann die Tagesleistung einer Kuh unter acht Liter, wird sie trockengestellt. Auf dieser Alp werden 110 Biokühe gehalten und ihre Milch fliesst per Pipeline direkt zur Molkerei.

Der Melkstand kommt zu den Kühen

Nur drei Hektaren Weide liegen direkt beim Stall. Ein tägliches Hin- und Hertreiben der Herde wäre kaum machbar. Deshalb kaufte Mirco Städler einen Occasions-Weidemelkstand. «Das war eine der wichtigsten Investitionen überhaupt.»

Der einfache Side-by-Side-Melkstand für sechs Kühe wird von einem Generator mit Energie versorgt. Gemolken wird mit drei Eimern. Im Herbst wird Maiskolbenschrott als Lockfutter verwendet.(Bild: Mirco Städler)

Die Tiere bleiben dadurch dort, wo das Futter wächst. Nicht die Kühe gehen zum Melkstand – der Melkstand geht zu den Kühen. Auch im Herbst will Mirco Städler möglichst lange an diesem Prinzip festhalten.

Der Grund ist einfach: «Das Einstallen verursacht deutlich mehr Arbeit als das Melken draussen.» Damit bleibt das gesamte Betriebssystem konsequent auf Weidehaltung ausgerichtet.

Steilhänge verlangen flexible Lösungen

Nicht nur die Entfernungen stellen hohe Anforderungen. Auch das Gelände selbst. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass es keine überdüngten Liegeflächen gibt.

Statt starrer Weidepläne setzt Mirco Städler auf flexible Tageskoppeln. «Ich passe die Flächen laufend den Bedingungen an.» Je nach Futterangebot, Wetter und Hangneigung werden die Koppeln täglich neu eingeteilt. Ziel ist es, möglichst viel Futter sauber zu nutzen und gleichzeitig Trittschäden zu vermeiden.

Milch dann produzieren, wenn das Gras am besten ist

Während viele Betriebe eine möglichst gleichmässige Milchproduktion anstreben, geht Mirco Städler bewusst einen anderen Weg. Die Besamung mit KB beginnt jeweils am 8. November und dauert drei Wochen. Kühe, die in dieser Zeit nicht trächtig werden, deckt anschliessend ein Angus-Stier. Dadurch konzentrieren sich die Abkalbungen auf einen klar definierten Zeitraum. «Wir produzieren im Frühling am meisten Milch, trotz der Herbstabkalbung.»

Der Weidebeginn Anfangs April um den Stall herum. Damals waren noch keine Anzeichen für die Trockenheit zu sehen.(Bild: Mirco Städler)

Der Grund liegt auf der Hand. «Dann hat das Gras den höchsten Futterwert.» Im Sommer sinkt die Milchmenge ab. Für die Puracenter AG in Lenzerheide bedeutet das zwar grössere saisonale Schwankungen, doch das Genossenschaftssystem trägt diesem Umstand Rechnung. «Im Herbst erhalten wir darum den höchsten Milchpreis», sagt Städler.

Die Molkerei verarbeitet jährlich rund 1,2 Millionen Liter Milch regionaler Produzenten zu Käse, Joghurt und Pastmilch. Die Wertschöpfung bleibt damit in der Region.

Trockenheit verändert den Bergbetrieb

Die grösste Herausforderung der letzten Jahre ist auch im Bündner Berggebiet die Trockenheit. Der Alpsommer endet dieses Jahr vermutlich rund zehn Tage früher als üblich. Besonders anspruchsvoll wird dabei die Wasserversorgung der Tiere. Normalerweise gelangt das Tränkewasser über verschiedene Bodenleitungen zu den Weiden.

Städlers Weiden sind mit Bodenleitungen erschlossen. Das Wasser kommt zum Teil aus Drainagen.(Bild: Mirco Städler)

Fällt dieses System aus, bleibt für Mirco Städler nur noch eine Möglichkeit: «Dann müssen wir das Wasser mit dem Traktor hinauffahren.» Rund 3000 Liter werden pro Tag benötigt. Immerhin stand auf der Alp dank der Beschneiungsanlagen genügend Wasser zur Verfügung. Ganz anders sieht es auf den Betriebsweiden aus, wo jeder trockene Sommer neue Unsicherheiten bringt.

Nie auf dem letzten Zacken fahren

Ebenso wichtig wie Wasser sind im Berggebiet genügend Futterreserven. Mirco Städler verfügt über einen grossen Heuraum, zwei Hochsilos und zusätzlich zahlreiche Siloballen. Selbst zu Beginn der diesjährigen Trockenperiode lag noch rund ein Viertel der Vorjahresernte auf Lager. «Hier oben darf man nie auf dem letzten Zacken fahren.» Seine Regel lautet deshalb klar: «Du musst so viele Reserven bilden, wie du kannst.»

Denn Wetterextreme können nicht geplant werden. Wer im Berggebiet jedes Jahr sämtliche Vorräte verfüttert, gerät in schwierigen Jahren rasch unter Druck. «Ich möchte nie Tiere verkaufen müssen, nur weil das Futter ausgeht.»

Diese Sicherheitsstrategie kostet zwar Lagerraum und Kapital, verschafft dem Betrieb aber genau jene Stabilität, die ein konsequentes Weidesystem im Berggebiet benötigt.

Ein System, das zum Standort passt

Der Betrieb von Mirco Städler zeigt, dass erfolgreiche Weidemilch weit mehr ist als möglichst viele Tage auf der Weide. Entscheidend ist, dass sämtliche Elemente zusammenpassen: eine leichte und trittsichere Kuh, eine saisonale Milchproduktion, flexible Koppelführung, Melken direkt auf der Weide, ausreichende Wasser- und Futterreserven sowie eine Molkerei, welche die saisonalen Schwankungen mitträgt.

Gerade im Berggebiet entstehen wirtschaftliche Lösungen nicht durch maximale Leistung, sondern durch ein Betriebssystem, das sich konsequent an den natürlichen Gegebenheiten orientiert.

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