Luzius Fischer steht in einem Waldstück oberhalb von Muttenz BL und blickt hinüber zur Ruine Wartenberg. Das Naturschutzgebiet dort leuchtet herbstlich rot – eigentlich ein schönes Bild, doch Fischer sieht etwas anderes: «Dort ist der Bestand am Zusammenbrechen», sagt der Forstingenieur. Als Leiter der Kreisforstdienste beim Amt für Wald und Wild beider Basel kennt er die Situation im Baselbieter Wald.
Es geht um die Buche. Nach dem flächendeckenden Zusammenbruch der Population in der Ajoie im Kanton Jura droht nun, nach dem extremen Hitzesommer 2026, im Baselbiet dasselbe. «Es ist das, was wir erwarten», sagt Fischer nüchtern. Vor ihm liegt eine Fläche mit Jungwuchs, auf der anderen Seite des Waldwegs ein Stück, wo man die Bäume stehen liess.
Auch hier zeigt sich ein schütteres Bild: abgebrochene Äste, verfärbte Kronen. «Dem Specht gefällt es», meint Fischer lapidar – doch die Lage ist ernst. «Hier können wir die nächsten 20, 30 Jahre nichts mehr machen», sagt er. Zu gefährlich wäre es, Forstleute für Holzereiarbeiten in die absterbenden Bäume zu schicken.
Kollabierende Kapillaren
Was den Buchen so zu schaffen macht, ist zunächst ein physikalischer Prozess. An heissen Sommertagen verdunsten die Blätter in der Krone sehr viel Wasser, das ständig von den Wurzeln durch haarfeine Röhren nach oben gepumpt werden muss. Kommt kein Wasser nach, kollabieren diese Kapillaren – die Zellen werden irreparabel geschädigt. Dabei kann es sein, dass nur ein Teil der Äste abstirbt, während andere noch eine Weile grün bleiben, erklärt Fischer. Ein gewisser Prozentsatz der Bäume stirbt sofort ab, bei anderen zieht sich der Prozess über zwei bis drei Jahre hin – die Spätfolgen des Hitzesommers seien deshalb derzeit nur schwer abzuschätzen.
Verstärkt wird das Problem durch den hohen Stickstoffeintrag im Wald, der aus Industrie, Verkehr und Landwirtschaft stammt. Er schädigt die Mykorrhiza-Pilze im Boden, die den Bäumen helfen, an Wasser und Nährstoffe zu kommen. «Die Mykorrhiza ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen», berichtet Fischer. Dazu kommen Vorschädigungen, vor allem aus dem Hitzesommer 2018. «Die Bäume sind im Dauerstress», sagt Fischer – was auch die Widerstandsfähigkeit gegen andere Stressfaktoren mindert.
Alte Bestände, grosse Verluste
Das Buchensterben trifft die Baselbieter Wälder hart: 50 Prozent der Waldfläche im Kanton sind Buchenbestand, grösstenteils alt – 100, 120, teils 140 Jahre, mit 30 bis 40 Meter hohen Stämmen. «Die vertragen das nicht mehr», sagt Luzius Fischer. Manche Bäume stammen noch aus der Zeit der Niederwälder mit Stockausschlag und haben keinen richtigen Stammkern – sie können plötzlich kollabieren.
Ob der Klimawandel für alle Buchen das Ende bedeutet oder nur für jene aus einer kälteren, feuchteren Zeit, ist offen. In den klassischen Hallenwäldern – entstanden nach der Abholzung der Eiche und der Aufgabe der Waldweide im 19. Jahrhundert – standen die Buchen eng beieinander und bildeten lange, gerade Stämme mit kleinen Kronen und flachen Wurzeln.
Gut fürs Sägewerk, aber bei Trockenheit und Hitze zusätzlicher Stress. Eine Buche mit mehr Platz, grösserem Wurzelwerk und breiterer Krone könnte am selben Standort besser mit Klimaextremen umgehen – doch angesichts der Prognosen, die für die Region Basel einen noch stärkeren Temperaturanstieg vorhersehen als für die übrige Schweiz, ist auch das fraglich geworden. Das Hauptproblem, so Fischer, sei die Zeit: Der Wald komme mit dem Tempo der Erwärmung nicht mehr mit.
Verwirrte Vegetation
Wie unberechenbar die Bäume derzeit reagieren, zeigt eine Beobachtung von Raphael Häner, Geschäftsführer des Verbands der Waldeigentümer «Wald beider Basel»: «Bei vielen Bäumen wissen wir schlicht nicht, ob sie im Frühling 2027 nochmals ausschlagen.» Er habe eine Linde beobachtet, bei der sich die Blätter schon im Juni und Juli herbstlich verfärbt hätten.
«Nach dem Regen vor drei Wochen hat sie nun eine zweite Blattgeneration ausgebildet.» Auch Birnbäume, die jetzt wieder blühen, hat er gesehen. «Wenn es in Zukunft öfter so ist, dass auf einen heissen und trockenen Sommer ein langer milder Herbst folgt, haben wir vielleicht regelmässig einen zweiten Austrieb», sagt Häner.
Die Eiche als Hoffnungsträgerin
Vielversprechender sind die Erfahrungen mit der Eiche, die bis zum Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert in weiten Teilen des Baselbiets vorherrschend war – dann aber für den Eisenbahnbau gefällt oder anderweitig des hohen Erlöses wegen als kommunales Tafelsilber «geopfert» wurde. Einige Bestände blieben erhalten, etwa in Allschwil BL, wo sich damals ein Gemeindepräsident gegen die Fällaktion gestellt hatte.
«Sie hatten in diesem Sommer deutlich weniger Probleme», sagt Fischer. Die Elsbeere gilt auch als «klimafitte» Art, die die Trockenheit besser übersteht – bei der Eiche spielt dabei auch die Tiefe der Wurzeln eine Rolle.
Auch Häner setzt Hoffnungen auf Trauben- und Stieleiche: In der Region Basel dürften sie in Lagen bis 1000 Meter über Meer vordringen. Allerdings können auch bei diesen Arten Krankheiten auftreten, etwa das akute Eichensterben (Acute Oak Decline, AOD). Die dafür verantwortlichen Bakterien wirken laut Häner typischerweise im Zusammenspiel mit Trockenstress, Frost, Insekten und weiteren Faktoren und können zu erhöhten Sterberaten unter den Eichen führen.
Dass selbst robustere Eichenarten unter Extrembedingungen nicht automatisch verschont bleiben, zeigt auch eine Beobachtung aus dem Kanton Jura (siehe Kasten). Bereits 2019 hat der Verband dazu ein Positionspapier zum Wald im Klimawandel erarbeitet, dessen Kernbotschaft lautet: «Wir müssen im Kanton Baselland nicht zwischen fünf Baumarten wählen, wir haben fünfzehn heimische Baumarten zur Verfügung. Wir möchten Platz schaffen für Vielfalt – Baumarten-, Struktur- und genetische Vielfalt.»
Naturverjüngung oder Exoten?
Für die Waldbesitzer stellt sich damit eine grundsätzliche Frage der Waldpflege. «Waldbesitzer müssen auf 100 Jahre hinaus planen», sagt Häner. «Im Gegensatz zum Bauern erntet der Förster nicht selbst, was er gesät hat.» Klar sei: In den tieferen und trockeneren Lagen der Region habe sich die Fichte weitgehend verabschiedet, und der Wald werde sich weiter verändern.
Die Frage ist, wie die Waldeigentümer das steuern können – weiterhin auf Naturverjüngung setzen, oder gleich gezielt Exoten anpflanzen? Letzteres verursache sehr hohe unmittelbare Kosten bei ungewissem Erfolg. Der Vorteil der Naturverjüngung liege oft in der genetischen Vielfalt: «Die eigentliche Strategie ist deshalb nicht Naturverjüngung oder Exoten, sondern Naturverjüngung als Basis plus gezielte Pflanzungen, andere Herkünfte und gegebenenfalls neue Baumarten dort, wo die natürliche Verjüngung nicht zukunftsfähig erscheint», so Häner.
Fällen oder stehen lassen?
Für die Forstwirtschaft stellt sich eine schwierige Frage. Manche plädieren dafür, angeschlagene Buchen rasch auszuräumen und auf Jungwuchs zu setzen. «Die Bäume rausholen, solange sie noch einen gewissen Wert haben und solange man sie überhaupt noch fällen kann», sagt Fischer.
Doch ein plötzliches Überangebot an Buchenholz würde den Markt fluten und zu einem Preiszerfall führen wie einst nach dem Sturm Lothar – die Fällaktion würde sich nicht rentieren. Hinzu kommt: «Wir hätten die Kapazitäten gar nicht» – Personal und Maschinen reichen nicht aus. Und die waldbauliche Zukunft bleibt ungewiss: Neuanpflanzungen erfordern massive Investitionen, besonders wenn der Jungwald klimafit sein soll.
Der entgangene Holzerlös mag laut Häner gering sein, weil rund 80 Prozent der Holzernte in der Region ohnehin als Energieholz genutzt wird. Die Kosten einer schwierigen Sicherheitsfällung seien dagegen erheblich: «Halbtote Bäume fällen zu wollen, ist lebensgefährlich.» Bei der Bewirtschaftung setze man deshalb Prioritäten – oft die Sicherheit, etwa wenn eine Gemeinde eine Waldhütte besitzt. Auch die Ausrüstung spiele eine Rolle: «Mit dem Vollernter können wir wesentlich sicherer arbeiten.»
Abschied vom systematischen Waldbau
Der zunehmend schlechte Zustand des Waldes hat die forstwirtschaftliche Praxis im Kanton bereits stark verändert. Klassische Methoden wie Femel- und Saumschlag sind grossflächigen Behandlungen gewichen – die Bevölkerung hat sich an das neue Bild grossflächig kahlgeschlagener Hänge gewöhnen müssen.
Nötig seien diese Eingriffe, weil die Schäden so breit verteilt seien, sagt Fischer: «Den systematischen Waldbau können wir hier gar nicht mehr betreiben.» Das liegt auch daran, dass klimafitte Arten wie Eiche, Föhre oder Elsbeere mehr Licht brauchen und in Konkurrenz mit der Buche in traditionellen, kleinräumigen Verfahren gar nicht natürlich aufkommen – zu viel Schatten, zu viele Randeinflüsse.
Fischer zeigt ein Beispiel: Über dichtem Jungwuchs mit gepflanzten Jungbäumen stehen auf einer grossen Fläche nur noch wenige grosse Bäume, vor allem Eichen. «Keine schönen Bäume, aber sie dienen als Samenbäume», erklärt er. Insgesamt acht Hektaren wurden so behandelt, ein grosser Teil der Bäume ganz gefällt. Ein Bild, das in den nächsten Jahren häufiger zu sehen sein wird. Später soll daraus ein mosaikartiger Wald entstehen – dafür braucht es Flächen von 6 bis 10 Hektaren.
Für die Fichte sieht Fischer im Kanton praktisch keine Zukunft mehr, ausser in Lagen über 800 Metern: «Die wächst vielleicht 20, 30 Jahre, dann kommt ein heisser Sommer und wir haben den Borkenkäfer.»
Vermögensverlust im Wald
Die finanziellen Konsequenzen des Extremsommers zeigen sich laut Häner vor allem beim Vermögensverlust. «Es ist wie Inflation: Wenn 20 Prozent des wirtschaftlich nutzbaren Holzvorrats ausfallen, ist das für einen Waldeigentümer wie ein plötzlicher Vermögensverlust.»
Der Verband arbeite deshalb mit dem Kanton an einem Hilfsprogramm. Langfristig sei klar, so Häner: Bund und Kanton müssten wesentlich mehr Geld für die Waldpflege zur Verfügung stellen, wenn der Wald im Klimawandel die gleichen Leistungen für die Allgemeinheit erbringen soll.

Jurassier kennen das Buchensterben
Für den Kanton Jura ist das Buchensterben keine neue Erfahrung. Bereits 2018 verfärbten sich einzelne Buchen vorzeitig, ohne dass man der Sache grosse Beachtung schenkte. Im Frühling 2019 dann der Schock: In der Ajoie trieben zahlreiche grosse, alte Buchen nicht mehr aus. Die Bäume wurden binnen kurzer Zeit brüchig – «wie Glas», beschreibt es Eric Wuillemin vom Office de l'environnement des Kantons Jura. Verkehrssicherung hatte oberste Priorität, ebenso die rasche Ernte des noch werthaltigen Holzes, bevor es sich weiter entwertete.
Ein positiver Nebeneffekt: Die entstandenen Freiflächen ermöglichten die natürliche Ansiedlung von Lichtbaumarten. Durch gezielte waldbauliche Pflege – Erschliessung, Freistellung der Naturverjüngung, gezieltes Auflichten – entstand eine vielversprechende Baumartenmischung. Die Bäume, die 2019 überlebt hatten, hielten sich bis diesen Sommer mehr schlecht als recht. Nun, nach dem Hitzesommer 2026, sind ihre – oft ohnehin schon schütteren – Kronen vorzeitig «verbrannt». Ob sie überleben, wird sich erst im kommenden Frühling zeigen.
Im Vergleich zu 2019 zeigen sich 2026 drei Unterschiede: Erstens ist diesmal der ganze Kanton betroffen, nicht nur einzelne Regionen. Zweitens leiden auch andere Baumarten: Birken vertrockneten am Stamm, das Laub von Bergahorn verbräunte und fiel stellenweise ab, selbst robustere Arten wie Winterlinden und Traubeneichen (Quercus petraea) zeigten lokal Stresssymptome. Drittens sind alle Entwicklungsstadien betroffen – vom Dickicht über die Stangenholzphase bis zum Altbestand.
Als wichtigste Lehre aus 2019 nennt Wuillemin die gezielte Kronenpflege: Freigestellte Bäume entwickeln eine vitalere, widerstandsfähigere Krone. Sein Rat an Waldbesitzer: nicht in Panik verfallen – der Frühling werde einen Teil der offenen Fragen beantworten. Dennoch brauche es Wachsamkeit bei der Verkehrssicherung, bei der rechtzeitigen Ernte von Wertholz und vor allem bei Investitionen in die entstehenden Freiflächen, um eine gute Durchmischung der nachwachsenden Baumarten zu sichern.

