Die Ferkelkastration ist ein schmerzverursachender Eingriff, der nur unter Betäubung durchgeführt werden darf. Die Immunokastration wäre die tierschonendste Methode zur Verhinderung des Ebergeruches. Eine Umstellung ist zur Zeit aber aus verschiedenen Gründen unrealistisch. Die Ebermast würde den massiven Eingriff der Kastration verhindern, bringt aber wegen dem aggressiveren Verhalten der Eber andere Probleme. «die grüne» zeigt die Vorteile und Nachteile der verschiedenen Methoden auf.
Männlichen Ferkel werden kastriert, um den Ebergeruch zu vermeiden
Der Grund für die Kastration von männlichen und weiblichen Ferkeln war früher ein anderer als heute: Die Kastration sollte verhindern, dass sich auf der Waldweide gemästete Hausschweine mit Wildschweinen vermischten.
Aufgrund der zahlreichen Bezeichnungen für das kastrierte Schwein, eines der wichtigsten Nutztiere im Mittelalter, wurden die Kastrierer im deutschsprachigen Raum auch als Sauenschneider, Geizer oder Gelzenmacher bezeichnet. Die Kastrierer wurde vom Volk verspottet und sogar in Volksliedern besungen, zum Beispiel im Lied «Acht Sauschneider müssen es sein» von Joseph Haydn.
Erst im 19. Jahrhundert verlagerte sich die Schweinemast in geschlossene Stallsysteme und nur noch die männlichen Ferkel wurden kastriert, um den unangenehmen Ebergeruch zu vermeiden. Der Beruf des Sauenschneiders verschwand und dessen Tätigkeit wurde in den Aufgabenbereich des Landwirtes integriert.
Nur empfindliche Nasen riechen den Ebergeruch
Weder in der «guten alten Zeit» der Waldweide-Mast im sogenannten Hute-Wald (der Begriff kommt vom «Vieh hüten»), noch in der modernen Hochleistungs-Produktion wurden die männlichen Ferkel unter Schmerzausschaltung oder Betäubung kastriert. Man glaubte fälschlicherweise, dass neugeborene Säugetiere noch kein Schmerzempfinden haben und rechtfertigte so die betäubungslose Kastration, um den Ebergeruch zu verhindern.
Mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife setzen die Hoden des Ebers Hormone frei, die sich im Fettgewebe einlagern:
- Das Geschlechtshormon Androstenon, mit dem Eber über ihren Geruch Sauen anlocken.
- Das Stoffwechselprodukt Skatol, das im Dickdarm beim Abbau von Eiweiss entsteht.
Erhitzt der Konsument das Eberfleisch beim Kochen oder Braten, werden Androstenon und Skatol freigesetzt. Aber nur empfindliche Nasen nehmen dies als unangenehmen, schweiss- und urinartigen Geruch war.
Bereits in den 1990er-Jahren wurde die betäubungslose Kastration in der Schweiz kritisiert. Nach dem 2010 angepassten Schweizer Tierschutzgesetz ist die Kastration ein schmerzverursachender Eingriff, der nur unter Schmerzausschaltung vorzunehmen ist.
Weil die Marktführer Coop und Migros aber die chirurgische Kastration mittels Inhalations-Narkose favorisierten, etablierte sich diese in der Schweiz.
Die chirurgische Ferkelkastration bedeutet für die Ferkel hohen Stress
Schweizer Landwirte mit Sachkundenachweis dürfen die Kastration der Ferkel auf ihrem Betrieb selbst vornehmen. Heute werden in der Schweiz jährlich 1,3 Mio. männlicher Ferkel kastriert.
Bei nahezu 100 Prozent der Tiere wird die Kastration unter Schmerzausschaltung mit der Inhalations-Narkose Isofluran durchgeführt, erklärt Felix Grob von Suisseporcs, dem Verband der Schweizerischer Schweinezucht- und Schweineproduzenten.
Die chirurgische Kastration ist ein Eingriff der, trotz Schmerzausschaltung und Narkose, für die männlichen Ferkel ein hohes Mass an Stress bedeutet:
- Etwa 20 Minuten vor der Betäubung mit dem Narkose-Gas Isofluran wird den Ferkeln intramuskulär ein schmerzstillendes Mittel verabreicht, das der Landwirt vom Tierarzt bezieht.
- Die in der Atemmaske fixierten Ferkel atmen das Narkose-Gas ein. Die ersten 10 bis 20 Sekunden der Fixierung in den Atemmasken sind für die Ferkel mit grossem Stress verbunden.
- Nach etwa 90 Sekunden kontrolliert der Landwirt, ob die Narkose ausreichend ist. Dann öffnet er die Haut und drückt die Hoden heraus. Nach dem Durchtrennen der Samenstränge werden die Hoden entnommen.
- Erfahrungsgemäss erwachen die Tiere nach der Entnahme aus den Atemmasken schon nach 90 bis 120 Sekunden wieder.
Die chirurgische Kastration mit Isofluran kostet 4.90 Franken pro Ferkel
Auch Schweinezüchter Simon Lehmann in Hindelbank BE kastriert seine männlichen Ferkel mittels chirurgischer Kastration unter Isofluran-Narkose. Nach der Kastration näht er die Wunde nicht, so kann die Wundflüssigkeit gut ablaufen. Nur ein Jod-Spray kommt zum Einsatz.
Der Ferkelverlust durch postoperative Komplikationen hält sich auf seinem Betrieb in Grenzen. «In der ganzen Zeit (seit 2010) passierte es drei Mal, dass wir ein Ferkel infolge der Kastration verloren haben», erzählt Simon Lehmann.
Nur etwa zwei Minuten brauchen die Ferkel, bis sie wieder auf den Beinen stehen. »Dann gehen sie selbstständig zurück zur Muttersau und saugen», berichtet Lehmann.
«Ich habe noch nie ausgerechnet, wie viel die chirurgische Kastration mit Isofluran pro Ferkel kostet», sagt Simon Lehmann.
Gemäss Raphael Helfenstein von Suisseporc belaufen sich die Kosten der gesamten Kastration pro Ferkel auf etwa 4.90 Franken. Die Anschaffung des Narkosegerätes liegt bei rund 10'000 Franken.
Die Immunokastration
Die Immunokastration lässt im Vergleich zur chirurgischen Kastration ein grösseres Mass an körperlicher Unversehrtheit zu.
Der Landwirt spritzt den jungen Ebern im Alter von acht Wochen das immunologische Präparat «Improvac», das die Bildung des Geschlechtshormons Androsteron verhindert. Dazu ist weder Schmerzausschaltung noch eine Betäubung oder ein Sachkundenachweis notwendig. Improvac ist kein Hormon, sondern ein (zwar unvollständiges) Eiweiss, das aber dem natürlichen Botenstoff entspricht und wie eine Impfung funktioniert.
Nach der Gabe bildet der Eber Antikörper gegen den Botenstoff GnRH (Gonadotropin Releasing Hormon), der normalerweise für die Bildung von Androstenon verantwortlich ist. Fehlt dieses, wird indirekt auch die Bildung von Skatol unterdrückt und die Eber bleiben bis zur Schlachtung geruchlos.
Die Hoden der Tiere beginnen zu schrumpfen und werden zunehmend kleiner. Eine zweite Impfdosis wird vier Wochen vor der Schlachtung verabreicht. Diese ist notwendig, da der Effekt des Wirkstoffs reversibel ist und die verminderte Hodenfunktion nach einiger Zeit wieder nachlässt.
Der Eber baut die injizierten Eiweisse durch seinen Stoffwechsel wieder ab. Nach der Impfung gibt es keine Absetzfristen und das Fleisch ist unmittelbar verzehrfähig.
Der Amtstierarzt überprüft auf dem Schlachthof, ob die Hodengrösse der Eber den Vorgaben entspricht (< 600g, < als 11,6 cm) und ob die Tiere kein ausgeprägtes Eber-Verhalten zeigen:
- Entspricht das Tier den Vorgaben, werden die Hoden nach dem Schlachten entfernt und entsorgt, und das Fleisch als genusstauglich freigegeben.
- Entspricht die Hodengrösse oder das Tierverhalten nicht den Vorgaben, wird das Fleisch des Schlachtkörpers olfaktorisch überprüft:
- Weicht der Geruch des Schlachtkörpers stark ab, wird der Schlachtkörper als genussuntauglich eingestuft und entsorgt.
- Weicht der Geruch des Schlachtkörpers nur leicht ab, wird zusätzlich eine Kochprobe vorgenommen. Ist diese unauffällig, wird das genusstaugliche Fleisch weiterverarbeitet.
Die aufwendige Kontrolle bedeutet Mehrkosten von 4 Franken pro Tier. Diese kommen zu den Impfkosten von 6 Franken pro Tier hinzu.
«Die Impfung gegen Ebergeruch mit Improvac kommt in Europa selten zum Einsatz», erklärt Claire Bussy Pestalozzi vom BLV. In Australien und Neuseeland wird die Immunokastration aber schon seit 1998 breit eingesetzt. In Europa hat sich bisher nur Belgien dafür entschieden. Um den Einsatz in der Schweiz zu erhöhen, wäre ein Umdenken der Fleischbranche nötig, verbunden mit einer klaren Botschaft an die Konsumenten.
Ebermast braucht keine Kastration – bringt aber andere Tierschutz-Probleme
Der massive Eingriff der Kastration wird mit der Ebermast gänzlich umgangen – bringt aber möglicherweise andere Tierschutz-Probleme.
Mit der Geschlechtsreife zeigen die Eber nämlich ein aggressiveres Verhalten. Es kommt häufiger zu Rangkämpfen und die Tiere reiten gegenseitig vermehrt auf. Weil die Eber beim Aufreiten oft schreien, wird die Ebermast im Vergleich zur Mast von Kastraten als sehr «laut» bezeichnet.
Weitere ebertypische Verhalten wie Ausschachten (Unfähigkeit den Penis in die Vorhaut zurückzuziehen) und Penisbeissen nehmen ebenfalls zu. Schwächere Tiere haben in der Eber-Gruppe schlechte Karten und werden vielfach von stärkeren Artgenossen drangsaliert. Wenn es keine adäquate Ausweichmöglichkeit gibt, kann dies Dauerstress für schwächere Eber bedeuten.
Die Haltung kleinerer Gruppen kann den Überblick über das Tierverhalten erleichtern. Ausserdem bildet sich leichter eine feste Rangordnung, die intensiven Kämpfen vorbeugt.
Die Ebermast ist in vielen EU-Ländern weit verbreitet
Durch ihre bessere Futterverwertung haben Eber rein wirtschaftlich in der Mast klare Vorteile gegenüber Kastraten. Besonders im letzten Drittel der Mast zeigen die Eber schnelle und hohe Zunahmen.
Mit einem deutlich höheren Protein-Ansatzvermögen weisen die Schlachtkörper der Eber einen höheren Muskelfleisch-Anteil auf und sind deshalb für viele Landwirte nicht uninteressant.
Mit der Ebermast können Landwirte sich den Aufwand der Kastration sparen und vermeiden Verluste durch postoperative Komplikationen.
In der Schweiz mästen nur sehr wenige Betriebe Eber, in vielen EU-Ländern ist die Ebermast hingegen weit verbreitet:
- In England oder Spanien werden nur die wenigsten Ferkel kastriert
- Auch in Irland und Grossbritannien werden traditionell fast ausschliesslich Eber gemästet
Interessant ist dabei die Tatsache, dass die Wahrnehmung des störenden Ebergeruches auch kulturell unterschiedlich geprägt ist.

