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Wühlen fürs Wohlgefühl im Schweinestall

Das Interesse daran, Wühlbereiche in vorhandene Stallbauten zu integrieren, kommt aus der Praxis. Landwirt Martin Krummenacher baute seinen Schweinemaststall um und berichtet über seine Erkenntnisse.

Kurz & bündig

  • Viele Schweinehaltende sind daran interessiert, ihren Tieren eine Möglichkeit zum Wühlen zu geben. 
  • Stallbaulich ist dies aber oft nur sehr eingeschränkt möglich. 
  • Im Rahmen des Projektes «Im Grunze gut» bauen Landwirt-Innen ihre Ställe dahingehend um und berichten von ihren Erfahrungen. 
  • Kernthemen sind die Sauberhaltung der Wühlbereiche und die Arbeitswirtschaftlichkeit beim Misten.

«Für uns war klar: Entweder wir hören mit der Schweinemast ganz auf oder wir investieren, sodass wir uns bei der Fleischvermarktung abheben können», sagt Landwirt und Betriebsleiter Martin Krummen­acher aus Daiwil bei Willisau LU. Die Entscheidung fiel auf das Zweite. 

Nach einer Umbauzeit von drei Jahren nahm Martin Krummenacher einen gänzlich umstrukturierten Schweinemaststall in Betrieb. Vor dem Stallumbau gab es 200 Mastplätze; die Schweine auf dem Betrieb hatten keinen Auslauf. Das ist nun anders: Die Anzahl der Mastplätze hat sich auf 150 reduziert und den Schweinen stehen neben einem Auslauf ins Freie auch ein Pool und ein Wühlareal zur Verfügung.  

Artgerechte Haltung als Investition in die Zukunft

Wie kam es zu der Entscheidung, eine solch umfangreiche Veränderung umzusetzen? Da der Betrieb die hofeigenen Produkte nur direktvermarktet und daher viel im Austausch mit den Kunden steht, stellte sich irgendwann die Frage, ob eine Investition in das Tierwohl und damit auch in die Vermarktung der Schweine an der Zeit wäre. 

Umgesetzt werden konnte die Restrukturierung des Stalles auch durch die Förderung der Albert-Koechlin-Stiftung. Diese unterstütze Projekte in der Zentralschweiz und habe explizit Betriebe gesucht, die in Sachen artgerechter Tierhaltung etwas Neues ausprobieren wollten – dies habe den Umbau erst ermöglicht, erzählt Krummenacher. Zudem ist der neue Stall eingebettet in das Projekt «Im Grunze gut».

Mirjam Holinger, die beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) für das Projekt mitverantwortlich ist, erklärt: «In den letzten Jahren sind immer mehr Landwirte und Landwirtinnen auf uns zugekommen und wollten wissen, wie es funktionieren könnte, ein Wühlareal in den Stall zu integrieren.» Dass Schweine wühlen müssen, ist keine Neuigkeit. Doch an der Umsetzung im Stall scheitert es in der Breite noch. Vor diesem Hintergrund habe man das zweiteilige Projekt lanciert. 

«Für die Tiere hat das Wühlareal einen enormen Mehrwert.»

Mirjam Holinger, FiBL

Während ein Teil des Projektes die Freilandhaltung in einem «Sau-Karavan» untersucht, widmet sich der zweite Projektteil der Beschäftigung von Schweinen im Stall mittels eines Wühlareals. Man habe zunächst einen Arbeitskreis, ein sogenanntes «Living Lab» gegründet, das aus sechs Schweinebetrieben, Forschungseinrichtungen, landwirtschaftlichen Schulen, Branchenverbänden und Stallbaufirmen besteht. Drei der teilnehmenden Schweinebetriebe haben das Wühlareal bereits umgesetzt, während die restlichen Betriebe noch in der Planungs- oder Umsetzungsphase sind. 

Wühlbereich und Pool für jede Bucht 

Die Zusammenarbeit mit der Stiftung und den projektbegleitenden Institutionen wie dem FiBL habe sehr gut funktioniert, bestätigt Martin Krummenacher. «Gemeinsam mit dem FiBL haben wir die Platzverhältnisse eruiert und festgelegt, wie viel Quadratmeter das Wühlareal haben muss», berichtet der Landwirt. 

Insgesamt gibt es im Stall fünf Wühlareale mit einer Grösse von jeweils 5 × 4 Metern. In jeder Bucht leben 25 Schweine, die sich einen Wühl­bereich und einen Pool teilen. Im Vormaststall sind 50 Mastjager pro Bucht untergebracht, das Wühlareal dort ist mit 5 × 5 Metern etwas grösser. «Die Jager sind aktiver und verbringen mehr aktive Zeit im Wühlareal, während die älteren Mastschweine dort auch viel ruhen», erzählt Krummen­acher. 

Landwirt Martin Krummenacher macht die Tierbetreuung durch den Umbau des Schweinestalls noch mehr Freude.(Bild: «die grüne» / Pia Neuenschwander)

Die Platzverhältnisse entsprechen Bio-Standards, jedoch wird der Betrieb konventionell geführt. Die Umstrukturierung des Stalles hat insgesamt 400 000 Franken gekostet. Das An­legen der Wühlareale und der Pools habe davon 200 000 Franken ausgemacht, so der Landwirt. 

Die Vermarktung sowie die Preisbildung wurden dementsprechend angepasst. Man könne die Vorteile des Stalles sowohl den Besuchern vor Ort auf dem Betrieb als auch den Kunden am Marktstand zeigen und vermitteln. Hier gebe es aber noch bislang unausgeschöpftes Potenzial: «Künftig möchten wir an die Wühlbereiche Kameras montieren. Die Kunden am Marktstand könnten dann durch Scannen eines QR-Codes live sehen, was die Schweine gerade machen. Das würde die Glaubwürdigkeit noch erhöhen», so Krummenacher. 

Was würden die Zuschauenden zu sehen bekommen? Die Mastschweine nutzen das Substrat nicht nur zum Wühlen und Erkunden, sondern auch, um sich dort auszuruhen. In der Bucht der Mastjager ist derweil noch mehr Spielverhalten zu beobachten. Generell seien die Schweine zwar interessiert, die Grundstimmung im Stall sei jedoch sehr entspannt, berichtet der Tierhalter. Die Tiere lassen sich in ihren Ruhephasen zumeist nicht stören.  

Weniger Schwanzbeissen mit geeignetem Wühlmaterial

Obschon die Tiere sehr ausgeglichen sind, komme es aber auch nach dem Stallumbau manchmal zu Schwanzbeissen, allerdings seltener. «Wir haben einen besseren Überblick. Es handelt sich meist nur um ein Tätertier. Wenn wir dieses rausnehmen, beruhigt sich die Situation gleich», erzählt Martin Krummenacher. 

Mit dem Stallumbau hat sich die Anzahl Mastplätze reduziert und den Schweinen stehen neu ein Auslauf ins Freie, ein Pool und ein Wühlareal zur Verfügung.(Bild: «die grüne» / Pia Neuenschwander)

Schweine, denen Wühlmaterial zur Verfügung stehe, würden weniger Schwanzbeissen zeigen als Schweine ohne Wühlmaterial, schreibt das FiBL dazu in einem Merkblatt. Bei einer dünnen Strohschicht können Schweine ihr Wühlbedürfnis nicht zur Genüge ausleben. Es braucht also mehr gutes Wühlmaterial, um Schweine zufriedenzustellen. 

Dass die Tiere deutliche Präferenzen haben, ist ebenfalls hinlänglich belegt. Kompost, Erde aus der Zuckerrübenproduktion, Sägemehl mit Rüstabfällen oder Pellets beziehungsweise Maissilage mit Stroh – alles Substrate, die Schweine klar bevorzugen. Sägemehl ohne leckere Zusätze, Langstroh, Rindenschnitzel oder Äste sind nur mittelmässig spannend, während eine Strohraufe, Strohwürfel und die langweiligen Klassiker Seil, Kette oder Holzbalken nach einer Initialbegutachtung meist in der Buchtenecke landen und ignoriert werden. Gezielte Verhaltensbeobachtungen der Schweine sind nicht Teil des Projektes. In der Verhaltensänderung der Schweine liege jedoch der grösste Vorteil für die Landwirte. «Für die Tiere hat das Wühlareal einen enormen Mehrwert. Einige der teilnehmenden Betriebs­leiter sagten, sie könnten sich ihre Tierhaltung bereits nicht mehr ohne Wühlareal vorstellen», so Mirjam Holinger. 

Einstreusystem streut täglich Strohpellets und Langstroh nach

Dennoch gebe es auf allen Betrieben auch Herausforderungen: Die Sauberkeit ist in diesem Zusammenhang eines der Kernthemen im Projekt. «Die Herausforderung ist, dass die Schweine nicht ihren Kotbereich in das Wühlareal verlagern», berichtet Mirjam Holinger. Leider setzen die Schweine nicht selten auch auf dem Betrieb der Familie Krummenacher Kot und Urin in den Wühlbereichen ab. Daher ist die Wahl der Einstreu von grosser Wichtigkeit. 

Martin Krummenacher nutzt Strohpellets als Grundeinstreu: «Was uns an den Strohpellets überzeugt, ist ihre gute und lange Saugfähigkeit. Durch die Pellets bleiben die Wühlareale viel sauberer.» Für die Strohpellets veranschlagt der Betriebsleiter zwischen 7000 und 8000 Franken pro Jahr für alle Wühlflächen. «Wir schauen, was sich als Einstreu eignet und was wir gut beziehen können. Aktuell sind die Wühlbereiche zum Beispiel zusätzlich mit Buchenlaub eingestreut», erzählt er.  

Das automatische Einstreusystem streut täglich Strohpellets und Langstroh nach. Dies erhöht die Attraktivität für die Tiere, weil die Einstreu stets interessant bleibt. Alle zehn bis zwölf Wochen werden die Wühlareale mit dem Hoflader komplett ausgeräumt und frisch eingestreut. «Das Ausmisten dauert etwa zwei Stunden. Dass man die Wühlareale gut anfahren kann, ist ebenfalls ein wichtiges Kriterium beim Bau», unterstreicht der Landwirt.  

Wichtige Erkenntnisse aus der Praxis inkludieren neben der Befahrbarkeit auch die Überdachung der Wühlflächen. Zudem sollten genug Türen für das Personal eingebaut sein, damit dieses nicht über die Buchtenwände klettern muss. Auf dem Betrieb der Familie Krummen­acher kommt das Substrat nach dem Ausmisten auf den Miststock und wird für den Ackerbau und für die Biogasanlage eingesetzt.  

Die Mastschweine nutzen das Substrat nicht nur zum Wühlen und Erkunden, sondern auch, um sich dort auszuruhen.(Bild: «die grüne» / Pia Neuenschwander)

Pro Tag könne man etwa eine Stunde Arbeitszeit für die Tierkontrolle und die Instandhaltung der Wühlareale und Pools veranschlagen. «Die Kombination aus diesen beiden Elementen ergänzt sich für die Tiere sehr gut und ich bin davon überzeugt, dass die Kombination besser ist als ein Element für sich», sagt Martin Krummen­acher.   

Im Sommer koten und urinieren die Tiere vermehrt in die Pools; die Wühlfläche bleibt dann sauberer. Im Winter ist das anders. Zugang zur Wühlfläche haben die Schweine von morgens um 7 Uhr bis abends um 19 Uhr. In der Nacht werden die Buchten durch Rolltore vom Aussenbereich abgegrenzt. Wenn sie die Möglichkeit hätten, würden die Schweine auch draussen schlafen, davon ist der Landwirt überzeugt.  

«Es läuft und ich bin glücklich damit, wie das System funktioniert»

Eine wichtige Komponente sei das eigene Gefühl dem Umbau gegenüber. «Die Tierbetreuung macht mir im Alltag mehr Freude», sagt Krummenacher, der nicht nur die Haltung, sondern auch die Fütterung seiner Mastschweine ganzheitlich betrachtet. Diese besteht zu 73 Prozent aus Nebenprodukten wie Ausschusskartoffeln, Teig- und Käseabgang und Schotte. Hinzu komme Mineralstoffkonzentrat und Soja bei den jüngeren Schweinen. Qualitativ sei das Futter sehr hochwertig und dabei verhältnismässig günstig.  

Sicher wäre es leichter, Mischfutter aus einer Mühle zu beziehen, sagt der Landwirt, denn die Fütterung von Nebenprodukten sei aufwendig und berge Herausforderungen. Nicht nur logistische, sondern auch ganz banale, wie zum Beispiel die Inhomogenität des abgesetzten Kots, mit der man umgehen müsse. «Wir können diese Art der Fütterung den Kunden gegenüber gut erklären und daran erinnern, dass Schweine ursprünglich dafür gezüchtet wurden, Nebenprodukte zu verwerten», erklärt Martin Krummen­acher. Veränderungen bei den Tageszunahmen verzeichnet der Landwirt durch die Integration der Wühlbereiche nicht, jedoch habe sich die Fleischqualität durch die vermehrte Bewegung verbessert.

«Es läuft und ich bin glücklich damit, wie es funktioniert», berichtet der Betriebsleiter. Für Landwirte, die in einen neuen Stall investieren möchten, sei es sicher ein guter Ansatz, Wühlbereiche zu integrieren. Es trage zur Imageverbesserung der Schweinehaltung bei, und vor allem, wenn man in direktem Kundenkontakt stehe, könne man gut dafür argumentieren. 

 Letztendlich profitieren die Schweine am meisten davon, weil sie eines ihrer grössten Grundbedürfnisse durch die aktive Erkundung der Einstreu täglich über viele Stunden hinweg befriedigen können. «Es ist momentan sicher nicht das Ziel, dass nun alle Bio- oder Labelbetriebe ein Wühlareal umsetzen müssen. Es geht aktuell darum, Erfahrungen zu sammeln. Wenn es sich als tauglich erweist, kann man in ein paar Jahren vielleicht über eine breitere Umsetzung sprechen», schlussfolgert Mirjam Holinger.

FiBL-Merkblatt «Wühlareale für Mastschweine»

Betriebsspiegel der Familie Krummenacher

Martin Krummenacher (Landwirtschaft) und Franz Krummenacher (Vermarktung), Daiwil bei Willisau LU

LN: 25 ha

Kulturen: Raps, Urdinkel, Natur- und Kunstwiesen

Tierbestand: 150 Mastschweine, 37 Milchkühe, 35 Mastrinder, 24 Mastkälber, 20 Mutterschafe, 4 Ziegen, 350 Legehennen

Weitere Betriebszweige: Direktvermarktung über Hofladen und Wochenmärkte, Partyservice

Arbeitskräfte: 10 Arbeitskräfte

www.truellental.ch

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