pv_die-grune-onlineABO

Hohe Zellzahlen im Milchviehbestand ganzheitlich angehen

Die Tankmilch-Zellzahl schiesst plötzlich in die Höhe und bleibt über mehrere Monate hoch, obschon es eigentlich gar keine grosse Änderung im Management gab. Abhilfe schafft häufig nur eine detaillierte Analyse des gesamten Betriebs.

Kurz & bündig

  • Beim Auftreten von Problemen mit der Eutergesundheit ist ein ganzheitliches Vorgehen wichtig.
  • Nicht alle Tiere mit hohen Zellzahlen müssen antibiotisch behandelt werden.
  • Um die behandlungswürdigen Tiere auszuwählen, muss man die Vorgeschichte des Tieres sowie das Resultat der bakteriologischen Milchuntersuchung berücksichtigen.

Im Frühjahr 2026 meldete sich ein Betriebsleiter bei RGS, da seine Tankmilch-Zellzahl seit einigen Monaten bei über 200 000 Zellen/ml lag. In den letzten zwei Jahren kam es immer gegen Ende Winter zu einem Anstieg der Zellzahlen. Akute Viertel gab es kaum, die Kühe hatten hohe Zellzahlen, ohne Fieber und ohne veränderten Allgemeinzustand. Bis dahin war die Eutergesundheit auf seinem Betrieb immer sehr gut. Umso grösser war die Enttäuschung, dieses Problem nicht in den Griff zu bekommen.

Bei einem Besuch im Rahmen der Eutergesundheit ist es zwingend notwendig, immer den ganzen Betrieb, die Tiere und die Melktechnik anzuschauen. Der Service der Melkanlage wurde auf dem Betrieb erst vor Kurzem durchgeführt und ergab keine Mängel. Auch die Melkarbeit in Bezug auf Technik und Sauberkeit des Betriebsleiters war ohne Auffälligkeiten.

Die Tiere waren in einem schönen Pflegezustand und sehr sauber. Nur bei 2 von 35 Tieren war ein leicht verschmutztes Euter festzustellen. Was jedoch auffiel, war der dünne Mist der Kühe. Die Kühe erhielten eine Heu-Emd-Mischung und es wurde zweimal täglich eine Kraftfuttermischung vor dem Raufutter verteilt. Ein Grossteil der Heu-Emd-Mischung blieb in der Futterkrippe liegen.

Zellzahlanstieg häufig in der Start- und Hochlaktation

Auf dem Betrieb wurden Mastitiden nur behandelt, wenn die Kühe Fieber zeigten. Dann wurde während 5 Tagen mit einem Breitspektrum-Antibiotikum behandelt. Bei erfolgloser Therapie wurde eine Milchprobe gezogen und teilweise Antibiogramme angefertigt. Diese ergaben, dass bei den nachgewiesenen Streptococcus-uberis-Stämmen Resistenzen gegen Penicillin vorhanden waren. Bezüglich der Routine beim Trockenstellen wurden die meisten Kühe ohne antibiotische Trockensteller trockengestellt.

Die Analyse der Milchleistungsprüfung der letzten Monate und Jahre zeigte den Verlauf der Zellzahlen sowie der Milch-Inhaltsstoffe. Der Zellzahlanstieg war häufig in der Start- und Hochlaktation. Zusätzlich gab es einzelne Rinder, welche schon bei der ersten Milchwägung hohe Zellzahlen aufwiesen. Von den 35 aktuell gemolkenen Kühen hatten 11 Kühe, also knapp 30 Prozent, Zellzahlen von über 150 000 Zellen/ml. Erwünscht wäre weniger als 15 Prozent. In diesem Fall kann also von einem Bestandesproblem gesprochen werden.

Ebenfalls auffällig war, dass drei Tiere in der Mitte ihrer Laktation bereits seit der Abkalbung hohe Zellzahlen aufwiesen. Diese Tiere hatten bereits in den vorangehenden Laktationen Probleme mit den Zellzahlen. Es handelt sich hier also um chronisch infizierte Tiere oder «Problemkühe».

Leitkeim mithilfe von Milchproben identifiziert

Für weitere Untersuchungen wurde von allen Kühen, die in der letzten Milchwägung über 150 000 Zellen/ml aufwiesen, eine Milchprobe genommen. Dafür wurde mit dem Schalmtest ermittelt, welches/welche Viertel vor allem betroffen war/waren. Solche Laboruntersuchungen sind unumgänglich, um den wichtigsten Keim – also den «Leitkeim» – in einer Herde zu identifizieren.

Die Resultate zeigten, dass zwei Tiere mit Staphylococcus aureus infiziert waren. Dieser Keim ist ansteckend und kann beim Melken von Kuh zu Kuh übertragen werden. Hinzu kamen weitere fünf Tiere, welche mit Streptococcus uberis infiziert waren. Die restlichen Tiere hatten «nur» andere, Nicht-Aureus-Staphylokokken im Euter.

Die wichtigsten Risikofaktoren auf diesem Betrieb zusammengefasst:

  • Dünner Mist der Kühe: Die tatsächlich gefressene Ration der Tiere wies einen Mangel an Fasern auf, da die Tiere selektionieren konnten. Dieser Umstand führte dazu, dass die Kühe in der Start- und Hochlaktation in den Bereich einer milden Pansenübersäuerung (subklinische Pansenazidose) kommen konnten, was den Gesundheitszustand und das Immunsystem negativ beeinträchtigte. Die geschwächten Kühe waren so anfällig für Euterentzündungen mit wenig pathogenen Keimen.
  • Chronische Euterinfektionen: Es gab mehrere Kühe im Bestand, deren Euter seit längerer Zeit krank waren und die auch permanent Keime ausschieden.
Bei einem Besuch im Rahmen der Eutergesundheit ist es wichtig, die Melkarbeit in Bezug auf Technik und Sauberkeit der Betriebsleiterin oder des Betriebsleiters genau anzuschauen.(Bild: RGS)

Diese Massnahmen wurden ergriffen

Am wichtigsten war es, die Neuinfektionsrate einzudämmen, also zu verhindern, dass neue Tiere erkranken. Daher wurde eine Zwischendesinfektion eingeführt, da eine strikte Melkreihenfolge schwierig umzusetzen war. Das Melkzeug wurde nach jeder Kuh mit verdünnter Peressigsäure eingesprüht, sodass eine Keimübertragung von Tier zu Tier erschwert wurde.

Des Weiteren wurde ein Behandlungsplan für die betroffenen Kühe aufgestellt: Die beiden Trägerinnen von Staph. aureus (glücklicherweise beide fortgeschritten in der Laktation) wurden mit einem passenden Trockensteller trockengestellt. Die Tiere mit frischen Euterentzündungen durch Strept. uberis wurden mit einem wirksamen Antibiotikum ins Euter sowie einem Entzündungshemmer behandelt.

Die anderen Tiere sowie die chronisch Erkrankten wurden im Moment nicht behandelt. Durch eine Anpassung der Fütterungsstrategie wird die Immunität der Kühe stabilisiert, sodass sie sich zukünftig effizienter gegen die häufig in der Umgebung der Kühe vorkommenden Keime wehren können.

Mit diesem Vorgehen, welches verschiedene Aspekte der Eutergesundheit berücksichtigt, sollte das Problem der hohen Zellzahlen in den nächsten Wochen behoben sein. Die neuen Milchwägungen werden es zeigen.

Lara Moser ist Tierärztin bei Rindergesundheit Schweiz am Standort Bern.

Alle Beiträge zu Rindergesundheit im Dossier: www.diegruene.ch/rgd

Weiterlesen

  • Nach wie vor wird in der Landwirtschaft viel investiert. Bauprojekte sollten sehr gut geplant werden, um Enttäuschungen und Probleme zu vermeiden.

    Glarus verschärft Kriterien für Investitionshilfen – Bergbetriebe fürchten Nachteile

    Der Kanton Glarus hat die Vergabe von Investitionskrediten und Starthilfen verschärft. Neben Liquiditätsmassnahmen gelten ab Juli strengere betriebswirtschaftliche Kriterien. Der Bauernverband warnt vor Nachteilen für kleinere Bergbetriebe.
    Show more
    ABO
  • Kulinarisches Berner Oberland: Gewinnen Sie das Buch «Alpe-Chuchi»

  • Wiesen nach Trockenheit sanieren: Übersaat erst bei Regen und kühleren Tagen