Kurz & bündig
- Das Einatmen von Staub aus Futter und Einstreu ist der häufigste Auslöser von Equinem Asthma.
- Die Krankheit tritt oft schubweise auf. Keine Symptome bedeuten nicht, dass das Pferd gesund ist.
- Die Staubbelastung muss im gesamten Luftraum des Stalles reduziert werden.
Das Pferd wird von einem Hustenanfall geschüttelt. Es ist nass geschwitzt und zittert. Die Nüstern aufgerissen, Panik in den Augen. Es kämpft um Atem, die Flanken pumpen.
So dramatisch wird es zum Glück nur in schweren Fällen von Pferdeasthma. Bei weniger stark erkrankten Tieren fallen die Symptome oft kaum auf. Dennoch wird die Diagnose heute häufig gestellt: Gemäss Studien sind über 50 Prozent der Pferde betroffen, davon rund 10 bis 15 Prozent hochgradig.
Ein erwachsenes Pferd atmet im Ruhezustand 8- bis 18-mal pro Minute, bei körperlicher Anstrengung steigt die Atemfrequenz auf über 120 pro Minute. Mit jedem Atemzug bewegt das Pferd 5 bis 8 Liter Luft. Die Leistungsfähigkeit der Pferdelunge ist enorm, angepasst an das Leben als Lauf- und Fluchttier. Das macht sie aber auch anfällig.

Gründe für die häufige Diagnose
Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass Pferde frische Luft brauchen. Ställe werden grösser und luftiger, Auslauf und Weidegang ergänzen die Boxen. Warum wird Pferdeasthma heute dennoch so oft diagnostiziert? Ob die Krankheit häufiger geworden ist oder nur häufiger diagnostiziert wird, lässt sich gemäss Markus Schmidt von der Pferdeklinik Niederlenz kaum feststellen. Sicher würden sensibilisierte Halterinnen und Halter bereits leichte Fälle abklären. Dazu komme eine genauere Diagnostik. «Gut so», findet der Tierarzt. «Denn je länger die Symptome bestehen und je stärker sie sind, desto schwieriger wird die Behandlung.»
Was ist Pferdeasthma?
Pferdeasthma oder Equines Asthma ist eine chronische Lungenerkrankung beim Pferd. Sie wird nicht durch eine Infektion ausgelöst, sondern ist eine entzündliche Überempfindlichkeitsreaktion. Die Hauptursache ist eingeatmeter Staub aus Heu und Stroh. Diese sind reich an feinsten, organischen Staubpartikeln wie Schimmelpilzsporen oder Bakterienbestandteilen.
In der Umgangssprache heisst die Erkrankung auch Dämpfigkeit oder Heustauballergie. Ebenfalls verwendet werden die englischen Begriffe RAO (Recurrent Airway Obstruction), IAD (Inflammatory Airway Disease) und COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease), je nach Schweregrad.
Verschiedene Ursachen machen krank
In der Regel führen mehrere Faktoren zu einer Erkrankung:
- Einatmen von Staub aus Futter und Einstreu (Schimmelpilzsporen, Milben, Schmutz).
- Generelle Staubbelastung im Stall, zusätzliche Staubaufwirbelung beim Wischen oder Einstreuen.
- Schlecht belüftete Ställe (z. B. geschlossene Fenster und Türen).
- Ungenügend Zugang zu Frischluft im Auslauf oder auf der Weide.
Eine weitere Rolle spielt die genetische Veranlagung. Untersuchungen des Schweizerischen Instituts für Pferdemedizin (ISME) zeigen, dass Nachkommen von Pferden mit schweren Krankheitsformen ein deutlich erhöhtes Risiko haben, selbst zu erkranken. Gehäuftes Auftreten von Symptomen während der Pollensaison lässt vermuten, dass auch Pollen einen Einfluss haben. Verstärkte Symptome im Winter liegen oft daran, dass die Pferde in dieser Zeit weniger Frischluft bekommen. Weiter können Hitze und staubtrockene Reitplätze auf die Lunge schlagen.

So zeigt sich Pferdeasthma
Ein erkranktes Pferd produziert vermehrt Sekret, das aus der Nase fliesst oder heraufgehustet wird. Seine Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Bronchien verengen sich, das Atmen fällt schwerer. Besteht die Entzündung über längere Zeit, verliert das Lungengewebe seine Elastizität, die Atemwege werden immer mehr eingeengt. Ein gesundes Pferd atmet flach über die Rippen und das Zwerchfell. Ein stark asthmatisches Pferd presst mit seiner Bauchmuskulatur mühsam die verbrauchte Luft aus der Lunge, im fortgeschrittenen Stadium wird an der Flanke eine sogenannte Dampfrinne sichtbar.
«Man muss nicht bei jedem Husten in Panik verfallen», relativiert Markus Schmidt, «nicht jedes hustende Pferd hat Asthma.» Auch bakterielle und virale Infekte können Husten auslösen, ebenso Parasiten, Umweltbelastung oder Lungenbluten. Schmidt empfiehlt eine tierärztliche Abklärung bei starkem, wiederkehrendem oder länger anhaltendem Husten und bei Leistungsdepression.
Die Grunddiagnostik ist im Stall möglich und beginnt mit einer klinischen Untersuchung des Pferdes. Zusätzlich geben Endoskopie oder Lungenspülung Aufschluss über den Zustand der Atemwege. Weitere Diagnoseinstrumente sind Lungenröntgen, Ultraschall des Brustkorbes und Laboruntersuchungen von Blut, Sekreten oder Spülflüssigkeit.

«Nicht jedes hustende Pferd hat Asthma.»
Markus Schmidt, Tierarzt, Pferdeklinik Niederlenz
Das hilft den kranken Pferden
«Die Grundlage jeder Asthmatherapie ist die Optimierung der Haltung. Damit steht oder fällt der Behandlungserfolg», betont Tierarzt Markus Schmidt. Daneben verschaffen Medikamente und Inhalation einem erkrankten Pferd Erleichterung. Auch pflanzliche Mittel wirken unterstützend. «Jedes Pferd mit Asthma hat unterschiedliche Bedürfnisse», betont Schmidt. «Eine Verbesserung ist häufig erst nach zwei bis drei Monaten zu sehen. Je konsequenter die Massnahmen umgesetzt werden, desto grösser ist der Erfolg.» Die gute Nachricht: «Bis zu 75 Prozent der erkrankten Pferde sind bei optimaler Haltungsform symptomfrei, und zwar ohne medikamentöse Behandlung.»
Allerdings ist die Diagnose Pferdeasthma für die Besitzerin oder den Besitzer erst mal ein Schock. Zu den Sorgen um das Wohlbefinden des Tieres kommen künftig Mehraufwand und Kosten. «Die Umstellung kann aufwendig werden», weiss Lea Stucki vom Schweizerischen Institut für Pferdemedizin. Sie hat sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Einfluss von Umweltfaktoren auf Equines Asthma befasst und Pferdehalterinnen und -halter beim Management nach der Diagnose begleitet. Ihre Erfahrung: «Es fehlt meistens nicht am Verständnis. Aber die erwünschten Massnahmen sind manchmal schwierig umzusetzen.» Bauliche Gegebenheiten können nicht immer verändert werden, bei Einstellpferden muss der Stallbetreiber die Veränderungen mittragen. Ein Argument für Haltungsoptimierungen: Was einem Asthmatiker hilft, wirkt bei gesunden Pferden vorbeugend.


Den gesamten Luftraum beachten
Zum Glück stehen nicht nur spektakuläre Massnahmen auf Lea Stuckis Liste. Sie rät, mit einfach umsetzbaren Dingen zu starten und Schritt für Schritt auszuprobieren, was hilft (siehe «Raus aus dem roten Bereich: von belastend zu wohltuend»). Die oberste Regel: Staub minimieren. Und zwar im gesamten Luftraum des Stalls. Auch das Heu und die Einstreu in der Nachbarboxe belasten ein empfindliches Pferd. Und ein Raufutterlager oberhalb der Boxen erhöht die Staubbelastung permanent.
Im Innenbereich rät Lea Stucki zu grossem Luftvolumen und guter Belüftung, zu offenen Fenstern auch im Winter: «Pferde ertragen Kälte gut, Staub aber nicht.» Stallarbeit sollte wann immer möglich in Abwesenheit der Tiere erledigt werden. Denn Wischen und Streuen wirbelt feine Staubpartikel auf, die bis zu einer Stunde oder länger in der Luft hängen. Lea Stucki betont, dass Futtermittel generell staubarm sein müssen, unbedingt geruchlich und optisch frei von Schimmelpilz. Dieser kann sich auch auf einwandfrei geerntetem Material bilden, wenn es schlecht gelagert wird. Als feuchtere Alternative zum Heu empfiehlt die Veterinärmedizinerin Haylage. Wer beim Heu bleibt, kann den Staub durch Bedampfen oder mindestens 30 Minuten langes Einweichen binden (siehe «Hustenpferde optimal füttern: drei Methoden im Vergleich»).

«Die Empfindlichkeit kann sich bei gutem Management verbessern.»
Lea Stucki, Tierärztin, ISME Avenches, Vetsuisse, Universität Bern
Fressverhalten beeinflusst die Staubentwicklung
Auch das individuelle Fressverhalten eines Pferdes wirkt sich auf die Staubbelastung aus, das zeigen Untersuchungen des Instituts für Pferdemedizin: Steckt ein Pferd den Kopf tief in die Futterkrippe, wie beispielsweise bei manchen Slow-Feed-Systemen, inhaliert es vermehrt Staub. Ebenfalls ungünstig können aufgehängte Heunetze sein, die das Pferd beim Fressen kräftig bewegt.
Wenn ein Pferd mit Pferdeasthma wieder symptomfrei lebt, ist das kein Beleg für eine falsche Diagnose ‒ sondern dafür, dass die Haltung stimmt. «Die Empfindlichkeit kann sehr individuell sein und sich bei gutem Management verbessern», sagt Lea Stucki. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass Asthma oft schubweise auftritt. «Das Ganze ist sehr dynamisch. Wer ein anfälliges Pferd hat, muss das immer im Hinterkopf behalten.»



