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Chancen und Herausforderungen der Hirschhaltung in der Schweiz

Hirsche zählen zu den landwirtschaftlichen Nutztieren und werden in der Schweiz zur extensiven Fleischproduktion gehalten. Durch die wachsende Hirschzucht hat sich der Inlandanteil beim Wildfleisch in den letzten Jahren erhöht.

Kurz & bündig

– Hans Krähenbühl aus Radelfingen BE hält seit dem Jahr 2009 Damhirsche zur Fleischproduktion. – Die Hirschhaltung bietet eine gute Möglichkeit, steile Flächen zu nutzen und mit der Direktvermarktung ein gutes Einkommen zu erzielen. – Die Anschaffungskosten für das Gehege sind hoch und es besteht eine Ausbildungs- und Bewilligungspflicht.

Es ist ein frostiger, klarer Wintermorgen. Aus der Ferne sind die Umrisse der anmutigen und doch eher scheuen Tiere zu erkennen, welche zusammen in einer Gruppe stehen: ein idyllisches Bild. «Hirsche sind sehr elegante Tiere. Sie sind sehr sensibel und spüren sofort, wenn etwas anders ist», sagt Hans Krähenbühl, Hirschhalter aus Radelfingen BE.

Auf rund 1,5 ha Land kümmert sich Hans Krähenbühl täglich um bis zu 20 Damhirsche. Vor den Damhirschen bewirtschaftete er dieselbe Fläche 20 Jahre lang mit Schafen. Aufgrund des Parasitendrucks hat er sich damals dazu entschieden, die Fläche anders zu bewirtschaften. «Hirsche haben mir schon immer gefallen», schwärmt Krähenbühl.

«Die Schiessanlage war damals direkt neben unserem Haus. Als diese nach Aarberg verlegt wurde, habe ich mich dazu entschieden, mit den Hirschen anzufangen», erzählt Krähenbühl. Im August 2009 sind dann die ersten Tiere in das Gehege eingezogen.

Hans Krähenbühl ist der langjährige Betreuer der Damhirsche und sein Sohn, welcher einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, ist der Tierhalter.

Hans Krähenbühl ist Hirschhalter und kümmert sich um bis zu 20 Tiere.
Hans Krähenbühl ist Hirschhalter und kümmert sich um bis zu 20 Tiere.

Überschaubarer Arbeitsaufwand und wenig Ansprüche

Der tägliche Kontrollgang ist ein wichtiger Bestandteil der Tierbetreuung. Dazu fallen weitere Arbeiten wie zum Beispiel das Auffüllen des Wassers oder die Weidepflege an. «Mit Unkräutern habe ich kaum Probleme. Ab und zu muss ich Brennnesseln oder Disteln entfernen», sagt Hans Krähenbühl.

Die Tiere erhalten ergänzend zum Weidefutter Maissilage und Zuckerrübenschnitzel. Im Winter füttert Hans Krähenbühl Heu zu, welches er selber produziert. «Der Arbeitsaufwand bei den Hirschen ist gesamthaft gering und man ist zeitlich nicht gebunden», das sieht Krähenbühl als grossen Vorteil.

Die Tiere werden vom Hochsitz aus, welcher sich im Gehege befindet, geschossen.
Die Tiere werden vom Hochsitz aus, welcher sich im Gehege befindet, geschossen.

Im Gegensatz zu den Schafen hatte Hans Krähenbühl bis jetzt bei den Damhirschen auch keine Probleme mit Parasiten. Generell sind die Tiere sehr robust. «Probleme mit Krankheiten hatte ich bis jetzt noch keine», sagt Krähenbühl. Das Fleisch vermarktet Hans Krähenbühl direkt. Die Tiere verkauft er ganz oder halb an Privatpersonen, an Metzgereien, den Fleischhandel, an Jäger und an Restaurants. In der Metzgerei wird das Fleisch jeweils nach Wunsch verarbeitet.

Krähenbühl verweist hier auf den Aufwand und die entstehenden Kosten vom Schuss bis hin zum verkaufsfertigen Fleisch. Zudem ist vor dem Schuss eine Schlachttieruntersuchung durch den Tierarzt nötig, was auch zusätzlich kostet. «Gerade die Kosten für die Verarbeitung haben sich in den letzten Jahren erhöht», fügt Krähenbühl an.

Die Herde setzt sich aus drei Generationen zusammen. Tiere, welche Anfang Juni geboren werden, werden im nächsten Jahr im Herbst geschossen.
Die Herde setzt sich aus drei Generationen zusammen. Tiere, welche Anfang Juni geboren werden, werden im nächsten Jahr im Herbst geschossen.

Selber in die Hirschhaltung einsteigen

«Die Hirschhaltung bietet eine gute Möglichkeit, steile Flächen zu nutzen und vor Ort Wertschöpfung zu generieren. Besonders, wenn die Tiere direkt auf dem Betrieb geschlachtet und vermarktet werden. Mit Direktvermarktung lässt sich ein gutes Einkommen erzielen, denn die Preise für Hirschfleisch sind besser als beispielsweise für Schaffleisch», sagt Sabina Graf von der Schweizerischen Vereinigung der Hirschhalter (SVH).

Die Hirschhaltung ist für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe aber ein Nebenerwerb und wird oft mit anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten kombiniert.

Neben einer Bewilligungspflicht und einer obligatorischen Ausbildung müssen HirschhalterInnen Bauvorschriften einhalten, da die Gehege hohe Zäune erfordern und Baubewilligungen oft zeit- und kostenintensiv sind. «Viele unterschätzen die Hürden durch das Raumplanungsgesetz», weiss Graf aus Erfahrung.

Auch die zunehmende Population wilder Rothirsche hat einen Einfluss auf die Schweizer Hirschhaltung. «Bei Damhirschen haben wir dieses Problem nicht, aber die Ausbreitung wilder Rothirsche stellt eine Herausforderung für zukünftige Rotwildhalter dar», fügt Graf an.

Chancen und Herausforderungen der Hirschhaltung in der Schweiz

«Durch die Hirschhaltung können steile Flächen genutzt und vor Ort Wertschöpfung generiert werden.»

Sabina Graf, SVH

Anschaffungskosten für das Gehege nicht unterschätzen

Die Zaunhöhe muss bei der Haltung von Hirschen mindestens 2 m betragen. Das Hirschgehege von Hans Krähenbühl wurde in Eigenleistung gebaut. Zudem konnte er die Betonpfosten von einem alten Rebberg und die Eisenrohre gebraucht über die Zuckerfabrik kaufen. Das Drahtgeflecht hat er neu gekauft. «Die Kosten für das Gehege lagen schlussendlich trotzdem bei gut 20 000 Franken», zeigt Krähenbühl auf.

Ein weiterer Nachteil ist, dass der Zaun fix ist und nicht einfach auf einer anderen Parzelle aufgestellt werden kann, wie zum Beispiel ein Schafzaun. Es gibt zwar Möglichkeiten, das Gehege in verschiedene Teile abzutrennen und so parzellenweise zu weiden. «Die Tieranzahl ist aber durch die Futtergrundlage begrenzt», verdeutlicht Krähenbühl. Pro Hektare können etwa zehn Muttertiere gehalten werden.

Die Damhirsche werden in einem Gehege mit fixem Zaun gehalten, der mindestens zwei Meter hoch sein muss.
Die Damhirsche werden in einem Gehege mit fixem Zaun gehalten, der mindestens zwei Meter hoch sein muss.

Zunehmende Hirschzucht und doch stark von Importen geprägt

«Im Jahr 2024 hielten 325 Landwirtschaftsbetriebe total 13 074 Hirsche, darunter 10 487 Damhirsche und 2587 Rothirsche. Im Durchschnitt macht das gut 40 Tiere pro Betrieb», sagt Sabina Graf. Die grössten Betriebe sind in den Kantonen Jura (durchschnittlich 122 Tiere) und Schaffhausen (durchschnittlich 87 Tiere) zu finden. Die kleinsten landwirtschaftlichen Haltungen liegen in Obwalden (durchschnittlich 7 Tiere) und im Tessin (durchschnittlich 10 Tiere).

Doch wie gross ist das Interesse bei den LandwirtInnen, neu in die Hirschhaltung einzusteigen? «In der ‹Fachspezifischen Berufsunabhängigen Ausbildung (FBA) Hirsche›, die alle zukünftigen Hirschhalterinnen und Hirschhalter absolvieren müssen (von ausgebildeten Tierpflegern abgesehen), sieht es in den zwei letzten Jahren so aus: Etwa 20 bis 25 % der Teilnehmenden haben einen Haupterwerbsbetrieb in der Familie und halten oder möchten Gehegewild halten. Gut die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen hat einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb in der erweiterten Familie und möchte dort in Zukunft Hirsche halten. Die restlichen Teilnehmenden möchten einen kleinen Betrieb oder nur Land kaufen und Gehege erstellen. Ein bis zwei Absolventen sind Tierbetreuer in einem bestehenden Hirschpark, der meist einer Gemeinde oder einer Stadt gehört», erklärt Graf.

Neben der Hirschzucht spielt auch die Jagd eine Rolle in der Versorgung mit Schweizer Wildfleisch. Für die JägerInnen ist der Nischenstatus des Wildfleischs eher ein Vorteil, da das Fleisch dadurch ohne Probleme vermarktet werden kann. Nichtsdestotrotz ist die Schweiz zu einem grossen Teil auf Wildfleischimporte angewiesen. Im Jahr 2024 lag der Inlandanteil von verkaufsfertigem Wildfleisch laut der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft Proviande bei 37,4 %. Die Importe decken den Grossteil der Nachfrage, da diese nicht durch die Zucht und Jagd gedeckt werden kann.

Trotz der Herausforderungen zeigt die steigende Inlandproduktion der letzten Jahre, dass sich die Hirschzucht auf dem Markt etabliert hat. «Die Hirschhaltung ist eine Möglichkeit, hochwertiges, gesundes Fleisch zu produzieren, und ausserdem werden bei dieser Produktion kaum Medikamente eingesetzt», so Graf.

Der männliche Hirsch, der Stier, kann bis etwa zehn Jahre genutzt werden.
Der männliche Hirsch, der Stier, kann bis etwa zehn Jahre genutzt werden.

Hirschhaltung in der Landwirtschaft

Hirsche zählen zu den landwirtschaftlichen Nutztieren. In der Schweiz werden Dam-, Sika- und Rothirsche gehalten, welche als Gehege- oder Zuchtschalenwild bezeichnet und extensiv zur Fleischgewinnung gehalten werden. Bewilligungspflicht Tierschutzrechtlich sind Hirsche Wildtiere. Das Halten von Hirschen erfordert deshalb eine kantonale Bewilligung für das Halten von Wildtieren. Diese wird erteilt, wenn die Anforderungen an die Gehege und Einrichtungen sowie an die Ausbildung der Betreuungsperson erfüllt sind. Zudem muss die regelmässige tierärztliche Überwachung sichergestellt werden können. Gesuchsformulare sind beim zuständigen kantonalen Veterinärdienst zu beziehen. Ausbildungspflicht Wer für die Betreuung der Hirsche verantwortlich ist, muss die Fachspezifische Berufsunabhängige Ausbildung (FBA) Hirsche absolviert haben oder über ein Diplom als Tierpflegerin oder Tierpfleger und Erfahrung mit der Haltung von Hirschen verfügen. Quelle: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)