Seit zwei Tagen behandelt eine Landwirtin ein Kalb mit Kamillentee. Das Kalb trinkt und ist munter, ein wenig besser geworden ist auch der Durchfall, so ihr Eindruck. Aber den leisen Zweifel, ob sie auf dem richtigen Weg ist, kann sie nicht abschütteln. Sie ruft ihre Tierärztin an, die gegen Abend vorbeikommt. Im Gespräch berichtet die Landwirtin, wie oft und in welcher Dosierung sie das Kalb bis jetzt behandelt hat. Die Tierärztin hört zu, untersucht das Tier und stellt eine Diagnose. Gemeinsam besprechen sie das weitere therapeutische Vorgehen und fällen eine gemeinsame Entscheidung zum Wohl des Tieres.
Für Michael Walkenhorst ein Traumszenario: Die Landwirtin mit ihrer Erfahrung und die Tierärztin mit ihrem Wissen sind in einem Austausch auf Augenhöhe, bei dem am Ende das Tier profitiert. Walkenhorst ist Tierarzt und forscht seit über 25 Jahren am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Er ist Co-Leiter des Departements für Nutztierwissenschaften und Co-Leiter der Gruppe Tiergesundheit. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind Arzneipflanzen und die darauf basierende Phytotherapie. In enger Zusammenarbeit mit Michelle Krügel, der Mitinhaberin von «üsi drogerie» in Münsingen BE, gibt er Kurse zur Anwendung von Heilpflanzen in der Tierhaltung.
Auf Erfahrungen mit Heilpflanzen vertrauen
Während Michelle Krügel mit ihrer Erfahrung (sie berät «die grüne» für die Heilkräuter-Serie) den Praxisteil der Kurse abdeckt, kann Walkenhorst aus einem extrem reichen, fundierten Wissen schöpfen. Im Gespräch mit ihm am FiBL wird rasch klar: Walkenhorst ist mit Leidenschaft dabei. Die Frage «Was wirkt und was nicht» bringt ihn zum Lachen: «Da könnten wir jetzt einen Tag lang darüber reden.»
Er plädiert dafür, auf Erfahrungen zu vertrauen: «Fragen Sie Ihre Grosseltern, das ist eine gute Basis.» Denn das Wissen um die Heilkraft der Kräuter wird traditionell von Generation zu Generation mündlich überliefert. Zurück zur Frage «Was wirkt und was nicht»: Rund um dieses Thema haben Pharmazie-Studentinnen fürs FiBL in der ganzen Schweiz Befragungen durchgeführt. Dazu haben sie Betriebe besucht und in mehreren Hundert Interviews sehr detailliert nachgefragt. Die LandwirtInnen haben ihr Wissen geteilt, manchmal erst, nachdem sie sich vergewissert haben, dass ihre Erfahrungen ernst genommen wurden.

«Das Wissen der Grosseltern ist nützlich.»
Michael Walkenhorst, FiBL
Im FiBL-Faktenblatt «Kälber und Ferkel mit Arzneipflanzen stärken» sind das Vorgehen und die Ergebnisse zusammengefasst. Denn «das traditionelle bäuerliche Erfahrungswissen zum Einsatz von Arzneipflanzen beim Nutztier hat das Potenzial, um darauf aufbauend zukunftsweisende Strategien für die Nutztiermedizin zu entwickeln», so das Faktenblatt.
Den Ernst der Lage richtig einschätzen
Wer aber meint, er oder sie könne die Tierarztkosten mit dem Einsatz von Heilkräutern massiv senken, liegt Walkenhorsts Meinung nach falsch: «Das ist zu kurz gegriffen. Auch die diagnostische Kompetenz muss bezahlt werden.» In der eingangs erwähnten Szene stellt die Tierärztin durchaus eine Rechnung, für die Diagnosen und allenfalls für eine Behandlung, die weiter geht als Kamillentee. Die Landwirtin hat mit ihrer Erfahrung richtig gehandelt und Sicherheit gewonnen.
«Wer Kinder hat, kennt die Situation: Wegen eines Schnupfens rufe ich nicht in der Kinderarztpraxis an. Aber wenn Fieber und weitere Symptome dazukommen, nehme ich das Telefon in die Hand», so Walkenhorst. Genauso sei es bei der Tierhaltung: Verantwortungsvolle LandwirtInnen können gut abschätzen, wann die Lage ernst sei. Tierärztinnen und Tierärzte erlebt Walkenhorst in der Schweiz meistens als offen gegenüber der Komplementärmedizin, viele hätten auch pflanzliche Heilmittel im Koffer, bei Bedarf dann aber auch die «härteren Kaliber».
Die Dosierungen ähneln sich in der ganzen Schweiz
Als Einstieg in die Welt der Heilpflanzen empfiehlt er zum Beispiel seine Lieblingspflanze: die Kamille. «Sie ist vielseitig einsetzbar und damit eine echte ‹Einstiegsdroge›», sagt Walkenhorst. Entzündungshemmend, krampflösend – das sind Eigenschaften, die bei Durchfall mit Krämpfen helfen. Auch bei entzündeten Schleimhäuten und bei Wunden kommt Kamille zur Anwendung.

Spannend sei, dass die Studien auf den Bauernhöfen und die Studien von historischer Literatur gezeigt hätten, dass sich trotz geografischer Distanz bei Pflanzen, die überall eingesetzt werden, die Dosierungen im Durchschnitt sehr ähnlich seien. «Das zeigt, wie nützlich das Wissen der Grosseltern ist», sagt Walkenhorst. Gefragt, wieso es nicht mehr phytotherapeutische Tierarzneimittel gebe, erklärt Walkenhorst, dass es auch um Geld gehe: In der Tiermedizin müsse ein Heilmittel nicht (wie bei den Menschen) an einer Spezies, sondern an mehreren getestet werden. Das sei für die Industrie schlicht nicht interessant, denn der Aufwand (zeitlich und finanziell) übersteige den (erwarteten) Gewinn bei Weitem. Deshalb basiere Phytotherapie zu einem grossen Teil auf Erfahrungen und nicht auf den sogenannten klinischen Versuchen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse gebe es aber durchaus, vor allem im Fachbereich der pharmazeutischen Biologie. Denn das Pflanzenwissen hat Potenzial: Walkenhorst sagt, dass es vermutlich rund eine Million pflanzlicher Wirkstoffe gebe, davon aber bis jetzt nur 200'000 gefunden wurden.
Tiere fressen, was ihnen guttut oder was sie heilt
Eine dritte Säule bei der Erforschung der Heilkräfte von Pflanzen für Tiere sind die Tiere selbst: Walkenhorst spricht von der sogenannten Selbstmedikation. Damit ist gemeint, dass Tiere gezielt Pflanzen fressen, die ihnen guttun. Auch das ist ein Erfahrungswissen, das der amerikanische Forscher Fred Provenza mit Versuchen belegen konnte. In einem Futterversuch mit Schafen konnte er belegen, dass die Tiere verstanden, nach welchem Futter sie satt waren, und dieses bewusst auswählten, wenn ihnen die Forschenden die Wahl liessen.
Walkenhorst erklärt diese auch mit der Neugierde: Junge Tiere probieren gerne und erleben dann, nach welchem Futter sie gesund sind. Hirten, die ihre Herde genau beobachten und sehen, wann welche Tiere welche Pflanzen fressen, geben dieses Erfahrungswissen weiter.
Wer aber nun weder kräuterkundige Grosseltern hat noch auskunftsfreudige Hirten kennt, sich aber für Kräuter interessiert, dem empfiehlt Michael Walkenhorst Kurse oder Bücher. Denn Pflanzen können nicht nur heilen, sondern auch schaden. Und wer das Gefühl habe, der Katze mit Kräutern zu helfen, der sollte das nur nach Rücksprache mit FachspezialistInnen tun: Katzen haben in ihrem Organismus keine Möglichkeit, Pflanzenwirkstoffe zu entgiften.
Wer sich aber mit seiner Tierärztin oder seinem Tierarzt gut verstehe, dürfe sich durchaus über vorbeugende und heilende Kräuter erkundigen. In der Veterinärmedizin gebe es Weiterbildungen und international organisierte wissenschaftliche Gruppen wie etwa «Med Plants4Vets», die sich intensiv mit Heilpflanzen und deren Anwendungen bei Tieren befassen.

