Viele Milchviehzüchter stehen derzeit vor einem Dilemma: Die Trockenheit hat die Futtervorräte vielerorts stark reduziert, gleichzeitig sind wegen der tiefen Milchpreise und des Futtermangels zahlreiche Kühe abgegangen. Nun hat es seit Mitte August vielerorts wieder geregnet. Das Gras wächst wieder – und trotzdem stellt sich die Frage: jetzt verkaufen oder noch warten?
Zuchtviehmarkt nicht zusammengebrochen
Die letzten Auktionen zeigen: Für gute, marktgängige Zuchttiere ist der Markt keineswegs zusammengebrochen. An der Vianco-Auktion in der Chommlen, Gunzwil LU, wurden am 25. August alle 71 angebotenen Tiere verkauft, zu einem Durchschnittspreis von rund 3475 Franken. Auch in Kradolf TG und Rothenthurm SZ war die Nachfrage erfreulich hoch. Qualität findet weiterhin ihren Käufer. Allerdings dürfte sich das Bild im Herbst verändern. Ab Anfang September bis etwa Mitte Dezember kommen traditionell viele frisch gekalbte Jungkühe auf den Markt. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass Betriebe wegen knapper Futtervorräte Tiere schnell verkaufen wollen. Das kann vorübergehend zusätzlichen Preisdruck bringen.
Wer noch genügend Futter und Stallplätze hat, sollte deshalb nicht sofort verkaufen müssen. Ich würde nur so viele junge Milchkühe abgeben, wie es die eigene Futter- und Platzsituation verlangt. Mit zunehmender Verknappung der Milchkühe dürfte sich der Milchmarkt wieder drehen. Spätestens im zweiten Teil des Winters und im Frühjahr 2027 erwarte ich eine deutlich bessere Situation, da auch die Butterlager bis dann abgebaut sein sollten.
Nur Kühe mit guter Prognose behalten
Bei den Schlachtkühen gilt: Eine magere Kuh sollte man nicht zum ungünstigsten Zeitpunkt abgeben, wenn sie sich mit vertretbarem Aufwand noch auffüttern lässt. Die Niederschläge haben vielerorts wieder die Aussicht auf gutes Graswachstum geschaffen. Einige Wochen zusätzliche gehaltvolle Herbstweide können sich deshalb lohnen. Natürlich muss die Rechnung stimmen – bei einer Kuh mit schlechter Prognose bleibt der Verkauf die richtige Entscheidung.
Noch wichtiger ist jetzt die Zuchtplanung. Kühe, die diesen Sommer geschlachtet wurden, fehlen künftig in den Milchviehbeständen. Diese Lücke muss geschlossen werden. Deshalb würde ich geeignete Kühe möglichst konsequent mit gesextem Sperma besamen. Wer heute weibliche Nachzucht produziert, schafft sich eine eigene Reserve und profitiert vermutlich von einer besseren Nachfrage in den kommenden Jahren.
Wertvolles Futter für Milchvieh reservieren
Wenn das Futter knapp wird, sollte man zudem nicht automatisch die besten Tiere verkaufen. Zuerst lohnt sich eine Beratung zur Rationsoptimierung. Für Galtvieh und Rinder kann beispielsweise gehaltvolle Herbstsilage mit gutem Stroh, Melasse und Mineralstoffen eingesetzt werden. So lässt sich wertvolles Futter gezielt für die Milchviehherde reservieren.
Meine Faustregel für diesen Herbst lautet deshalb: Gute Zuchttiere halten, solange Futter und Platz reichen. Notwendige Abgänge gezielt vornehmen und den Markt mit Blick auf Winter und Frühjahr 2027 beurteilen. Denn die Kühe, die heute fehlen, könnten morgen sehr gefragt sein.

