Die Pferde grasen friedlich auf der riesigen Wiese, dicht beieinander. Dabei könnte man meinen, es handle sich um Tiere, die sich schon lange kennen. Tatsächlich jedoch gibt es die Herde in dieser Konstellation erst seit einigen Wochen. Die acht Stuten und zwei Wallache verbringen gemeinsam den Sommer hier auf der Alp auf einer Höhe von 1600 bis 2000 m ü. M.
Die Sömmerung von Islandpferden ist ein Angebot von Ursina Raguth Tscharner, die zusammen mit ihrem Mann Mika in Scheid in der Gemeinde Domleschg einen Landwirtschaftsbetrieb führt. «Wenn die Pferde im Mai zu uns kommen, muss sich die Gruppe zuerst zusammenfinden», erzählt die Bäuerin. «Doch schon nach wenigen Tagen hat sich eine Rangordnung gebildet, von da an bleibt es meistens ruhig.»
Erstmals sind kleinere Bäche ausgetrocknet
Der Hauptbetriebszweig der Familie ist die Mutterkuhhaltung mit über 100 Kühen auf einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von rund 130 ha, verteilt auf die weitläufige Region oberhalb von Scheid und Feldis. Davon bleibt auch für eine Pferdeherde genügend Weideland übrig. Dabei setzt Ursina Raguth Tscharner auf Portionenweiden. Sowohl die Sömmerungsherde als auch die rund 10 eigenen Isländer und 2 Shettys, die in einer separaten Herde gehalten werden, wechseln alle paar Tage die Wiese.
Da Pferden ein zu grosszügiges Grasangebot nicht guttut, werden die Weiden jeweils zuvor teilweise gemäht. Die Auswahl an Gräsern und Kräutern erlaubt es den Tieren, ihr Futter selbst zusammenzusuchen. Zusätzlich stehen Leckschalen mit Salz zur Verfügung, und Wasser trinken die Pferde je nach Ort aus Brunnentrögen oder direkt ab Bach.
Diesen Sommer allerdings sind von kleineren Bächen kaum mehr als Rinnsale übrig. So wurde es erstmals notwendig, Wassertanks herzufahren und sie über Schläuche an grössere Bäche anzuschliessen.
Es gibt kaum Verletzungen und sonstige Zwischenfälle
«Der grösste Aufwand ist jedoch das Zäunen», räumt die Ursina Raguth Tscharner ein. Kein Wunder: Die Flächen sind nicht nur mehrere Hektaren gross, sie befinden sich zudem grösstenteils in Hanglage und liegen oft weit voneinander entfernt. Daher beansprucht auch die Heusaison viel Zeit und Hilfskräfte.
Einmal täglich fährt die Bäuerin mit ihrem Geländewagen mehrere Kilometer auf holprigen Wegen ab, um die Pferdeherden aufzusuchen und jedes einzelne Tier zu kontrollieren. «Zum Glück gibt es kaum Verletzungen oder Zwischenfälle», sagt sie. Den Besitzerinnen und Besitzern schickt sie regelmässig Bilder ihrer Pferde. Besuche dagegen seien umständlich, besonders dann, wenn sich die Tiere auf abgelegenen Weiden aufhielten.
Was den Wolf betrifft: Bei ausgewachsenen Pferden habe sie keine Bedenken, doch ein neugeborenes Fohlen würde sie nicht auf die Weide lassen.
Die Pferde werden trittsicher und legen an Muskeln zu
Die Mutter von vier Kindern begann 2003 mit dem Angebot der Sömmerung von Islandpferden. Sie selbst hatte sich als Jugendliche in die robusten Kleinpferde verliebt und ist der Rasse seither treu geblieben. «Sie sind besonders trittsicher und passen gut auf unsere steilen Weiden», sagt Ursina Raguth Tscharner.
Die Pferde für die Alpung kommen hauptsächlich aus den Kantonen Zürich und Obwalden, die meisten Besitzer(innen) kennt sie seit Jahren. Bei den Sömmerungstieren handelt es sich häufig um Reitschul- oder Therapiepferde, die in den Genuss einer Sommerpause kommen.
Wobei sie im steilen Gelände nicht etwa nichts tun: «Wenn die Tiere Ende September oder Anfang Oktober abgeholt werden, sind sie trittsicherer denn je und haben sichtlich an Muskulatur zugelegt», sagt Raguth Tscharner.
Wie gut einem Pferd das Alpleben tun kann, zeigt das Beispiel von Reykur. Der 33-jährige Schimmelwallach kam einst ebenfalls für einen Sommer nach Scheid. Als er daheim im Unterland schwer krank wurde und ihm keine Behandlung half, sah die damalige Besitzerin nur noch eine Chance: Sie gab ihn erneut auf die Alpweide. Hier wurde er wieder gesund und Ursina Raguth Tscharner durfte ihn behalten.
Das war vor 11 Jahren. «Inzwischen ist Reykur längst zu meinem Herzenspferd geworden», erzählt diese. Zwar sei er heute der älteste ihrer Herde, jedoch noch immer motiviert, mit Kindern auf kürzeren Reittouren dabei zu sein.
Ein Reitplatz auf 1950 Meter über Meer
Erlebnisnachmittage und Ausritte für Kinder und Jugendliche gehören ebenfalls seit Jahren zum Angebot der ausgebildeten Kindergärtnerin. Es sind vor allem Mädchen, die sich anmelden. «Die Kinder kommen bei uns nicht nur zum Reiten, sondern lernen auch das Drumherum, wie etwa Putzen, Umgang mit Sattel und Zaumzeug sowie Ausmisten.»
Die Ausritte, die sie jeweils am Wochenende oder während der Schulferien organisiert, führen in die nahegelegenen Alpgebiete. «Die Pferde sind das Auf und Ab gewohnt und gehen zügig vorwärts», erzählt Raguth Tscharner.
Ein Ort, den sie auf den Ritten besonders gerne besucht, ist die Alp Raguta auf 1950 m ü. M. Dort hat es ein flaches Wiesenstück, das im Winter als Eisfeld genutzt wird. Die Bündnerin dagegen nutzt es im Sommer als Reitplatz. «Wir haben sonst keine Möglichkeit, um Bahnfiguren zu reiten», meint sie lachend.
Betriebsspiegel
Ursina und Mika Raguth Tscharner, Scheid GR
LN: 130 ha, davon 52 ƒ% extensive Ökoflächen.
Viehbestand: 310 Stück (100 % Alpung), davon über 100 Mutterkühe.
Pferde: rund 10 eigene und 10 zur Sömmerung
Produkte: Angus-Beef
Dienstleistungen: Islandpferde-Sömmerung, Pferdeerlebnisse und Ausritte für Kinder.
Links: www.reykur-info.ch, www.mikasvieh.ch.






