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Parasitenmanagement bei Pferden: gezielt statt blind entwurmen

Resistenzen machen das Parasitenmanagement beim Pferd aufwendiger. Dafür lohnt sich selektives Entwurmen gleich mehrfach: Es schützt die Wirksamkeit der Medikamente, schont Pferde und Umwelt.

Kurz & bündig

-Kotproben sind nicht nur vor dem Entwurmen wichtig, sondern auch danach und bei jedem neu eingestellten Pferd. - Im Kot werden nicht alle Parasiten nachgewiesen. Eine jährliche Sicherheitsentwurmung deckt das Restrisiko ab. - Massnahmen zur Weide- und Stallhygiene senken den Parasitendruck.

Dem Pferd alle paar Monate eine Wurmpaste ins Maul zu drücken, ohne die Notwendigkeit oder die Wirksamkeit der Behandlung abzuklären – das war jahrzehntelang eine gängige Praxis. So wurden resistente Wurmstämme herangezüchtet, die sich mit Chemie nicht mehr ausreichend bekämpfen lassen.

Weitere Nachteile eines starren Entwurmungsplans: Er belastet grundlos den Pferdeorganismus und über den Mist die Umwelt, denn die meisten Behandlungen wären gar nicht nötig. Anders funktioniert die selektive Entwurmung. Hier werden Pferde nach Bedarf und mit dem richtigen Wirkstoff behandelt.

Die Parasitensituation bei Pferden hat sich verändert

Ein Grund für den massiven Einsatz von Wurmkuren war der Kampf gegen die Grossen Strongyliden, die beim Pferd schwere gesundheitliche Schäden verursachen können. Diese Würmer und die ebenfalls gefährlichen Bandwürmer sind in unserer Region selten geworden. Sehr verbreitet, dafür auch harmloser, sind die Kleinen Strongyliden. Viele Pferde tragen sie in sich, ohne krank zu sein: Ihr Immunsystem kommt gut damit zurecht. Untersuchungen zeigen, dass es weder realistisch noch nötig ist, Equiden absolut parasitenfrei zu halten.

«Heute wird auf Pferdebetrieben sehr unterschiedlich entwurmt», beobachtet Luisa Achermann, Agronomin und Pferdewissenschaftlerin am LZ Liebegg. Die einen würden noch immer ohne Diagnose entwurmen. «Andere wissen, dass Resistenzen ein Problem sind. Sie haben von selektiver Entwurmung gehört, wenden das System aber nicht konsequent an.» Bei der tierärztlichen Betreuung sieht sie Potenzial: «Manchmal werden Wurmpasten abgegeben, ohne den Einsatz zu hinterfragen oder zu beraten.»

In Pensionsställen kommt dazu, dass verschiedene Meinungen aufeinandertreffen und es für die Betriebsleiterin oder den Betriebsleiter häufig einfacher ist, den Pensionären die Entscheidung zu überlassen. Davon rät Luisa Achermann ab. «Nur mit System und Koordination funktioniert das Parasitenmanagement.» Es gehe um die Gesundheit der Tiere, aber auch um die Betriebsfläche, die geschützt werden soll, etwa vor Kontamination durch Parasiten und vor unnötigen Medikamentenrückständen.

Das Parasitenmanagement nach Vetsuisse

Die Vetsuisse-Fakultät der Universitäten Bern und Zürich empfiehlt ein Parasitenmanagement beim erwachsenen Pferd, das die selektive Entwurmung mit einer Sicherheitsentwurmung pro Jahr kombiniert. Das Schema vom Mai 2020 sei bis heute aktuell, sagt Hubertus Hertzberg, Mitverfasser, Tierarzt und Privatdozent für Parasitologie an der Universität Zürich.

«Empfehlenswert ist ein einheitliches Konzept für den ganzen Stall. Bei Gruppenhaltung sowieso, aber auch bei Einzelhaltung», sagt Hubertus Hertzberg. Verschiedene Strategien nebeneinander würden die Wirksamkeit der selektiven Entwurmung verwässern.

Idealerweise begleitet ein Tierarzt oder eine Tierärztin das Parasitenmanagement des gesamten Bestandes und beginnt mit einer Umfeldanalyse. Denn Haltung und Herdenzusammensetzung beeinflussen den Parasitendruck stark. Im ersten Jahr werden von allen Pferden vier Kotproben untersucht; später kann das Untersuchungsintervall auf den meisten Betrieben reduziert werden.

Ist eine Behandlung nötig, wird ihre Wirksamkeit 10 bis 14 Tage später überprüft. Wenn das Pferd nicht mindestens 90 Prozent weniger Eier ausscheidet, liegt vermutlich eine Resistenz vor und der Wirkstoff muss gewechselt werden. Ausgerechnet diese wesentliche Massnahme werde häufig unterlassen, beobachtet Luisa Achermann.

Sicherheitsbehandlung, weil Kotproben nicht alles nachweisen

Bei vielen Pferden bleibt die Eiausscheidung unauffällig und sie benötigen unterjährig keine Behandlung. Das Vetsuisse-Schema sieht für diese Tiere eine Entwurmung mit einem Kombipräparat im Winter vor. Das minimiert gemäss Hubertus Hertzberg das Restrisiko, vor allem jenes einer Infektion durch Grosse Strongyliden. Diese könnten sich nämlich einschleichen, weil sie einen Entwicklungszyklus von bis zu einem Jahr durchlaufen und in dieser Zeit im Kot nicht zuverlässig nachgewiesen werden.

Auch Bandwürmer schlüpfen möglicherweise an der Überwachung vorbei, da sie nicht permanent Eier ausscheiden. Andere, seltenere Parasiten wie Oxyuren, Dassellarven, Lungenwürmer und Leberegel werden mit Standardkotproben gar nicht erfasst und benötigen eine spezifische Analyse.

Kotproben müssen rasch ins Labor

Tierkliniken und Labors bieten die Untersuchung von Kotproben an. In der Regel kostet eine Standardanalyse 30 bis 50 Franken, teilweise gibt es Abonnements mit Rabatt. Labors müssen nicht zertifiziert sein, bei Billigangeboten könnte die Qualität leiden.

Vor der Paste eine Probe: Kotanalysen zeigen, ob eine Behandlung nötig ist und welcher Wirkstoff hilft.
Vor der Paste eine Probe: Kotanalysen zeigen, ob eine Behandlung nötig ist und welcher Wirkstoff hilft.

Im Standardverfahren, der McMaster-Methode, werden die Wurmeier pro Gramm Kot ausgezählt. Die Kombination mit Sedimentation-Flotation erhöht die Genauigkeit. Mittels Larvenkultur wird zwischen Kleinen und Grossen Strongyliden unterschieden.

Für eine Probe werden rund 40 Gramm Kot (ca. zwei Bollen) eingesammelt, den das Pferd frisch oder höchstens über Nacht abgesetzt hat. Eine Sammelprobe über zwei bis drei Tage steigert theoretisch die Analysegenauigkeit. Gemäss Hubertus Hertzberg bietet eine frische Einzelprobe jedoch ausreichende Sicherheit. Sammelproben können sogar kontraproduktiv sein, wenn das Material nicht konsequent im Kühlschrank gelagert wird. Per Post verschickte Proben sollten am folgenden Tag im Labor untersucht werden. Dauert es länger, schlüpfen möglicherweise bereits Larven, und der Nachweis wird verfälscht.

Für die korrekte Dosierung einer Wurmkur muss das Gewicht des Pferdes bekannt sein. Bei Unterdosierung oder wenn nicht die ganze Paste im Pferdemaul landet, ist die Wirksamkeit nicht gegeben und Resistenzen werden gefördert.

Für die korrekte Dosierung einer Wurmkur muss das Gewicht des Pferdes bekannt sein.
Für die korrekte Dosierung einer Wurmkur muss das Gewicht des Pferdes bekannt sein.

Pferdekot kann für Hunde nach einer Wurmkur giftig sein, insbesondere wegen des Wirkstoffs Ivermectin, und darf darum nach dem Entwurmen für Hunde nicht zugänglich sein.

Weide- und Stallhygiene senkt den Druck

Am häufigsten finden Infektionen auf der Weide statt, sie sind aber auch im Stall und im Auslauf möglich.

Am häufigsten stecken sich Pferde auf der Weide mit Parasiten an. Wurmlarven überleben in der Natur bis zu anderthalb Jahre.
Am häufigsten stecken sich Pferde auf der Weide mit Parasiten an. Wurmlarven überleben in der Natur bis zu anderthalb Jahre.

Luisa Achermann empfiehlt folgende Massnahmen, um den Parasitendruck zu senken:

  • Im Stall und im Auslauf den Kot täglich entfernen.
  • Auf der Weide Kot wöchentlich einsammeln.
  • Überbesatz auf der Weide vermeiden.
  • Säuberungsschnitt der Geilstellen.
  • Mulchen und Abschleppen von Weiden an heissen, trockenen Tagen. Das verteilt zwar die Larven, sie sterben aber ab.
  • Wechselbeweidung mit Wiederkäuern.
  • Schnittnutzung zur Futterkonservierung; im Heu sterben die meisten Magen-Darm-Wurmlarven ab.
  • Ausbringen von Pferdemist auf Pferdeweiden erhöht das Befallsrisiko mit Spulwürmern und Strongyliden. Kompostierung tötet die Larven ab.

Wenn Resistenzen vorhanden sind, ist der Wechsel auf eine neue Weide nach dem Entwurmen kontraproduktiv: Er verschafft den resistenten Würmern einen Vorteil, indem sie sich auf der frischen Parzelle konkurrenzlos verbreiten könnten.

Parasitenmanagement beim erwachsenen Pferd

Empfehlung der Vetsuisse-Fakultät der Universitäten Bern und Zürich für erwachsene Pferde ab dem 4. Weidejahr: 1. Jahr 1. Bestandesanalyse durch Tierarzt/Tierärztin mit Berücksichtigung aller Faktoren rund um den Parasitendruck. 2. Individuelle Kotuntersuchungen (McMaster-Verfahren) bei allen Pferden des Bestandes; beginnend im April/Mai, danach drei weitere Kotanalysen im Abstand von zwei Monaten. 3. Entwurmung von Pferden mit Befunden von ≥ 200 Strongylideneiern pro Gramm Kot; ebenfalls bei Nachweis von Spulwurm- oder Bandwurmeiern oder bei klinisch begründetem Verdacht auf Parasitenbefall. 4. Überprüfung der Wirksamkeit der Entwurmungsbehandlungen mit erneuter Kotuntersuchung nach 10 bis 14 Tagen. 5. Mindestens einmal jährlich eine Larvenkultur zur Erfassung des Strongylidenspektrums (Sammelkotprobe von bis zu sechs Pferden möglich). 6. Saisonschlussbehandlung im Dezember. 7. Separate Abklärung bei Verdacht auf Lungenwürmer, Leberegel oder Oxyuren. 8. Bei jedem neu eingestellten Pferd eine Kotanalyse inklusive Larvenkultur. Ab dem 2. Jahr Individuelle Kotuntersuchungen; die Frequenz ist abhängig vom generellen Infektionsniveau im Bestand. Reduktion auf drei und bei isolierten Beständen ohne Tierverkehr auf zwei Proben pro Saison möglich.

Fragen und Antworten

- Was gilt bei Fohlen und Jungpferden? Sie werden stärker von Parasiten befallen und erkranken schwerer. Vetsuisse empfiehlt für Pferde bis etwa dreieinhalb Jahre drei bis vier Wurmkuren pro Jahr mit diagnostischer Begleitung. - Wann ist eine mit Parasiten kontaminierte Weide wieder «sauber»? Wurmlarven überleben in der Natur bis zu anderthalb Jahre und überstehen auch einen durchschnittlichen Winter. - Gilt auch bei ganzjähriger Weide der saisonale Zeitplan der selektiven Entwurmung? Ja. Viele Parasiten durchlaufen einen saisonalen Zyklus und das Schema ist darauf abgestimmt. - Was gilt auf Biobetrieben? Chemisch-synthetische Medikamente dürfen nur nach einer positiven Kotanalyse oder auf tierärztliche Verordnung eingesetzt werden. - Sind Kräuter eine Alternative? Gemäss Hubertus Hertzberg sind bislang keine Kräuter bekannt, die chemisch-synthetische Medikamente ersetzen können. - Worauf ist zu achten, wenn Esel, Maultiere oder Maulesel in der Herde sind? Das Risiko für Infektionen mit Lungenwürmern ist grösser. - Was gilt bei Mischweiden von Equiden und Wiederkäuern? Das senkt den Parasitendruck. Kommen in einem Rindviehbestand Leberegel vor, ist das bei den Pferden zu berücksichtigen.